AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008

TV-Shows Denn sie wissen, was sie tun

Von Henryk M. Broder

2. Teil: "Ich bin halt dafür geboren, berühmt zu werden"


Auch das klassische Feuilleton bringt sich in eine erhabene Stellung: "Denn sie wissen nicht, was sie tun", schrieb vergangene Woche die "Süddeutsche Zeitung" und ernannte die Gesangskandidaten zu Bohlens Opfern, die "kein bisschen" verstünden, "worauf sie sich einlassen". Soll heißen: Sie müssen nicht nur vor Bohlen, sondern auch vor sich selbst geschützt werden.

Was also tun mit Menschen, die zu Tausenden Schlange stehen, um auf dem Altar ihrer eigenen Hoffnungen geopfert zu werden, entsprechend der Maxime von Herbert Achternbusch: "Du hast keine Chance, aber nutze sie."

Jennifer, 16, Schülerin und Mitglied in einem Geflügelzuchtverein, will "ein Star sein und auf Partys gehen". Mitten in ihrem Song ("Heul doch") bleibt sie stecken. Bohlen legt die Füße auf den Tisch und sagt: "Schnucki, jetzt sing!"

Thomas, 23, kommt mit einer Ukulele zum Casting, die er sich gegen die Stirn schlägt, während er ein polnisches Geburtstagslied singt: "Sto lat". Derweil sieht man, wie die Juroren aufstehen, ins Freie treten, Tee trinken und sich unterhalten. Am Ende der Einlage hat die Ukulele einen Knacks, und Thomas fragt mit rotunterlaufener Stirn: "Bin ich weiter?"

Sigrid, 28, hat zum Casting ein Zeugnis mitgebracht, "das zeigt, dass ich singen kann". Die Jury ist nicht überzeugt und will was hören. Die "staatlich geprüfte Musikerin" versagt und fängt eine Debatte mit Bohlen und Co. an, die ja "keine Ahnung" hätten. "Das Einzige, was du wirklich hast, ist 'n Rad ab", sagt Bohlen. Aus, du Maus! Ende der Vorstellung. Es ist auch ein raffiniert inszenierter Generationskonflikt und ein grusliger Blick in die intellektuellen Armutsregionen, was RTL da nun zweimal wöchentlich zur besten Sendezeit und mit besten Quoten liefert.

Dominik, 22, von Beruf Friseur und arbeitslos, träumt davon, "berühmt zu werden". Seine "innere Stimme" sagt ihm, "dass ich halt dafür geboren bin". Die Stimme irrt sich. "Käse", resümiert Bohlen. "Das ist nix." Dominik schaltet auf stur: "Das seh ich nicht so. Ich sehe aus wie ein Superstar, ich hab das Zeug zum Superstar", woraufhin Bohlen komplett ausflippt: "Du wirst dein ganzes Leben lang ein scheiß-erfolgloser Friseur bleiben!"

Es ist unmöglich, all diese von RTL noch sorgsam auf ihre absurden Höhepunkte hin komponierten Selbstüberschätzungskatastrophen anders als komisch zu finden. Es ist die gleiche Komik, von der Amateurvideos und Sendungen wie "Vorsicht Kamera!" und "Pleiten, Pech und Pannen" leben.

Das Selbstbewusstsein der Kandidaten, die zu Hause offenkundig weder einen Spiegel noch Angehörige haben, denen sie zur Probe vorsingen könnten, ist so überwältigend, dass der Zuschauer kaum dazu kommt, so etwas wie Mitleid mit den Versagern zu entwickeln. "Die trauen sich was", denkt er und freut sich schon auf den nächsten Spruch von Dieter: "Das ist eins meiner Lieblingslieder, das lass ich mir von dir nicht kaputtsingen."

Zwischendurch zeigt die Jury auch mehr guten Willen als Sachverstand; erstens um das eigene Gewissen zu beruhigen und zweitens um die Show voranzubringen.

Denn die TV-Bruchpiloten haben zwar einen hohen Unterhaltungswert, aber wie bei jedem Glücksspiel muss es auch ein paar Gewinner geben, sonst wird's auf die Dauer fad.

Benjamin, 16, Schüler an einer Berufsschule, ist zum Beispiel 161 Zentimeter groß, 55 Kilo schwer und platzt vor Selbstbewusstsein. "Die Frauenwelt steht auf mich", behauptet er vor seinem Auftritt und begrüßt die Jury mit der Frage: "Na, wie geht's euch so?"

Bohlen ist beeindruckt. "Du, einssechzig, und so 'ne dicke Fresse, ja?" Benjamin ist eine Runde weiter und verspricht: "Ich mach die alle platt!" Auch Ole, 29, Koch und arbeitslos, freut sich: "Deutschland, ich komme!"

Über 100.000 haben sich laut RTL für die fünf "DSDS"-Staffeln seit 2002 beworben. Das ist die Einwohnerzahl einer Stadt wie Erlangen, Cottbus oder Trier.



Das sind 100.000 Menschen, die mit dem Leben, das sie schon hinter oder noch vor sich haben, nicht zufrieden sind und aus einem Gehege ausbrechen wollen, in dem nur ein Flachbildschirm vom Media Markt etwas Besseres verheißt. Menschen, die jeden Tag "Exclusiv" und "Explosiv", "taff" und "Leute heute" schauen und wenig Ahnung davon haben, was in der Welt sonst so passiert.

Dafür wissen sie ganz genau, dass Jeanette Biedermann eine Friseurlehre bei Udo Walz abbrach, nachdem sie 1999 zur "Bild"-Schlagerkönigin gewählt wurde; dass Yvonne Catterfeld an dem Wettbewerb "Stimme 2000" teilnahm und dabei von dem Plattenboss Thomas Stein, einem späteren "DSDS"-Juror, entdeckt wurde; dass Daniel Küblböck nach seinem dritten Platz bei "DSDS" eine Single auf den Markt brachte ("You drive me crazy"), die es prompt an die Spitze der Charts schaffte - und zwar nicht nur in Deutschland, sondern sogar in Thailand.

Es ist nicht nur die suggestive Kraft solcher Geschichten, die viele Menschen zu einer Fehleinschätzung ihrer persönlichen Talente verführt; es ist das Überangebot an Gelegenheiten.

Noch nie war es so einfach, in die Öffentlichkeit zu kommen. Wer es noch nicht in eine der zahllosen Doku-Soaps geschafft hat, in denen heute gekocht, gezimmert, entschuldet oder wenigstens gewandert wird, der muss nur abwarten, bis die Super Nanny an der Tür klingelt und Hilfe bei der Erziehung renitenter Kinder anbietet.

So betrachtet ist "DSDS" kein Grund, die Endzeitglocken läuten zu lassen wie weiland schon bei "Big Brother" oder dem Dschungelcamp. Es ist auch kein Festival der Schadenfreude, bei dem Menschen "zum bloßen Objekt" ("SZ") der Schaulust degradiert werden.

Erstens trifft es keine Unschuldigen: Wer mit 14 strafmündig wird, mit 16 allein bis Mitternacht Kneipen besuchen darf, mit 18 heiraten, den Führerschein machen und wählen darf, der muss auch wissen, worauf er sich einlässt, wenn er bei "DSDS" mitmacht.

Die Menschen vor sich selbst zu schützen, ist eine schöne, aber tendenziell totalitäre Idee, die am Ende zu einer Auslagerung jeder Verantwortung führt.

Wer nach Sanktionen gegen "DSDS" ruft, der müsste konsequenterweise auch jede Werbung verbieten und dazu auch gleich Bergsteigen, Bungeejumping und alle anderen Extremsportarten.

Zweitens: Wenn Kurt Beck Bundeskanzler werden möchte, kann man es dann dem 24-jährigen Politologiestudenten Oliver verübeln, dass er von einer Karriere als Superstar träumt? Er sang den patinierten Bohlen-Hit "You can win if you want", fiel durch - und war glücklich.

Am Ende sagte er: "Danke schön, dass ich dabei sein durfte."



insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
Der_Franke 11.02.2008
1. Bohlen und die Assis
Zitat von sysop"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,534398,00.html
Durch "Rumzappen" habe ich mich mal in eine dieser Darbietungen "reingeklickt". Bohlen und die beiden Kanditaten, die ich da erlebt hatte, hatten eines gemeinsam: Das Peinlichkeitsgen fehlte allen. Danach habe ich wieder einen anderen Sender gewählt, um einer weiteren Körperverletzung zu entgehen. Der Beitrag im SPON hat mir allerding gefallen, da er einfach, sachlicht und richtig diesen RTL-Müll beschrieben hat.
Durchschnittsbürgerin 11.02.2008
2. Achtung v den Menschen
Bitte etwas mehr Achtung vor den jungen Menschen Herr Bohlen und nicht immer nach den Einschaltquoten/Einnahmen schielen.
altona93 11.02.2008
3. hier muss niemand geschützt werden
völlig richtig stellt der artikel fest: jeder dsds-kandidat sollte wissen, was ihn erwartet. daher habe ich auch null mitleid mit alle den skurrilen talentfreien möchtegernsängern. eher schon hochachtung davor, wie konsequent man die augen vor dem eigenen (nicht auch nur im ansatz vorhandenen) künstlerischen talent verschliessen kann. dsds ist eine wichtige sendung, gerade in der heutigen zeit. wo sonst erhält man ungeschminkt so gute argumentationshilfen für die heranwachsende jugend? "siehst du, wenn du in der schule nicht ein wenig gas gibst? dann musst du mit mitte 20 zu bohlen und da vorsingen, da du ja sonst nichts kannst - und was dann passiert, das hast du ja eben gesehen" ein besseres argument für das anstreben eines guten schulabschluses kann es meiner meinung nach nicht geben. daher weiter so - von mir aus 365 tage im jahr dsds!
fred2007 11.02.2008
4. Darwinismus
Zitat von sysop"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,534398,00.html
Nein, sie wissen es nicht. Denn sie leben bereits unbewußt im allübergreifenden Bertelsmann-Kosmos, ohne dessen Regeln kapiert zu haben. Wie auch? Diese existieren für Außenstehende nicht! Nichts gegen puren Darwinismus - aber dieser hat allgemein verständliche Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Bohlen besitzt diese so wenig wie die Deutsche Bank - von daher ist das ganze von vorn herein eine Farce. DSDS - ein Willkürakt ohne Regeln und Konsens. Dieser Konsens war in der Musik oder Kunst schon seit jeher schwer zu definieren - hier verkommt er zum Witztableau eines ganzen Genres. Sagt jemand, für den Popmusik nie ein Schimpfwort war...
sebparker 11.02.2008
5. Ein äußerst widerwärtiger Mensch
Sehr geehrter Herr Broder, mit jedem ihrer Artikel schaffen Sie es, mir noch ein wenig unsympathischer zu werden, dafür mein Respekt. Das ist aber auch schon alles, wofür ich Sie respektiere. Ihr ultrakonservativer Rundumschlag gegen Verständnis und Toleranz, egal ob für Muslime oder talentfreie Teenager, ist höchst bedrohlich. Survival of the fittest ist alles was zählt. Für Bohlen gilt, wer Erfolg hat verdient auch Erfolg und solange wir die Muslime nicht gezielt bekämpfen, sind wir selbst schuld, wenn das Abendland den Bach runter geht. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, ist eine die fundamental auf humanitären Werten beruht. Und mit nichts anderem werden wir diese Gesellschaft aufrecht erhalten können als mit dem besinnen auf diese Werte.
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