AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008

TV-Shows Denn sie wissen, was sie tun

"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt.

Von Henryk M. Broder


Die Mutter aller deutschen Castingshows ist hart, aber herzlich - und total erfolglos gewesen.

Sie startete 1981 im öffentlich-rechtlichen dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Paul Kuhn war der Moderator. In der Jury saßen Karl Dall, Elisabeth Volkmann und Carlo von Tiedemann. Die Teilnehmer waren unbekannte Talente, die mit Hilfe der "Gong-Show" bekannt werden wollten.

Das Format hatte seinen Namen deshalb, weil Nieten von der Jury gelegentlich mitten in der Darbietung weggegongt wurden. Wer seinen Akt zu Ende bringen durfte, wurde immerhin benotet. Und wer am Ende die meisten Punkte hatte, bekam eine Trophäe als Andenken. Das war's.

Nach nur vier Folgen wurde die "Gong-Show" abgesetzt und tauchte 1992 im damals noch sehr pubertären Privatfernsehen von RTL wieder auf, moderiert von Götz Alsmann. Zu den Juroren gehörten unter anderen Wigald Boning und Ingolf Lück. Die Kandidaten waren, wie schon beim NDR, ambitionierte Amateure. Unvergessen der Auftritt einer jungen Frau, die "Oh mein Papa" sang - im Kopfstand, ohne dass ihr das lange Kleid über den Kopf rutschte.

Die Parade der Dilettanten lief spätabends, war in Wohngemeinschaften ein Hit, hatte aber auch bei RTL schlechte Quoten. Sogar ihr Ende blieb weitgehend unbemerkt, ähnlich wie der dritte Aufguss, den Sat.1 zehn Jahre später noch einmal probierte.

Das alles war lediglich eine müde Ouvertüre zu "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") mit Chefjuror Dieter Bohlen, der 1981, als alles anfing, gerade mal 27 Jahre alt war und als Produzent die Band "The Teens" betreute. Die ist inzwischen spurlos im Abgrund der Popmusik verschwunden, während Bohlen eine Karriere gemacht hat, die ihm nicht einmal ein bestochener Wahrsager prophezeit hätte.

Seinen Durchmarsch zum Erfolg hat er vor allem zwei Tugenden zu verdanken: einem Riecher für den Massengeschmack, den er gnadenlos mit musikalischen Grausamkeiten ("Cheri Cheri Lady") bedient, und einem nicht vorhandenen Peinlichkeits-Gen, das es ihm ermöglicht, immer das zu sagen, was er gerade denkt, auch wenn er mal nichts denkt, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.

Im Showbusiness, das auf Opportunismus und Verlogenheit basiert, ist das eine extrem seltene und deswegen sympathisch anmutende Eigenart.

So kommt nun bei "DSDS" zusammen, was zusammengehört: ein alternder Pop-Proll mit der Weisheit gefühlter 150 Jahre Jugend-, Musik- und vor allem Boulevarderfahrung. Und Zehntausende Teenager, bei deren Stimmchen selbst stressresistente Wanderratten glatt zerplatzen - und die vor allem eines gemeinsam haben: ihr kaum noch zu überbietendes Maß an Selbstüberschätzung, deren Bedeutung für jede Gesellschaft aber gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann.

Denn gerade diese Selbstüberschätzung ist eine extrem produktive Haltung, ja letztlich der Motor jedes Fortschritts überhaupt.

Von Gutenberg bis Bill Gates, von Luther bis Lassalle, von Marco Polo über Humboldt bis zu Steve Fossett, Realisten treten immer auf der Stelle, Phantasten kommen voran - oder stürzen ab. Und natürlich stürzen die meisten ab, auch bei "DSDS".

Dabei schafft es der Zeremonienmeister Bohlen, sich immer wieder selbst zu toppen. Kaum hat er einem "DSDS"-Kandidaten bescheinigt, "Scheiße zu singen ist auch 'ne Begabung", fällt ihm zu einem anderen Kandidaten ein noch deftigeres Kompliment ein: "Das klingt, als wenn sie dir den Arsch zugenäht haben."

Solche Sätze sind es, mit denen er sich den Vorwurf der "Menschenverachtung" hart erarbeitet hat. Freilich geht die Klage am Kern der Sache vorbei: "DSDS" ist keine Selbsthilfegruppe für Legastheniker, die man nur liebevoll auf ihre Rechtschreibfehler hinweisen darf, damit sie nicht verschreckt reagieren. Es ist ein Spiel, dessen erste und einzige Regel lautet: "Survival of the fittest".

Folglich kommt es nicht nur auf ein wie immer definiertes musikalisches "Talent" an, sondern noch mehr auf Originalität, Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen; Eigenschaften, die in der Welt der Wirtschaft, der Wissenschaft und selbst der Kultur heute von jedem verlangt werden, der was werden möchte. Im Sport sowieso. Alle übrigen können ja bei Attac oder Greenpeace als ehrenamtliche Helfer anheuern.

Obwohl also die Voraussetzungen klar sind und kein Kandidat unter Androhung oder Anwendung körperlicher Gewalt in den Ausleseprozess getrieben wird, hagelt es nun Abscheu und Empörung. Der Deutsche Kulturrat, von dem man auf Anhieb nicht sagen kann, was er sonst so macht, fordert bereits Maßnahmen gegen die RTL-Verantwortlichen, nachdem einer der Kandidaten, Raymund R., vor laufender Kamera zusammenklappt war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
Der_Franke 11.02.2008
1. Bohlen und die Assis
Zitat von sysop"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,534398,00.html
Durch "Rumzappen" habe ich mich mal in eine dieser Darbietungen "reingeklickt". Bohlen und die beiden Kanditaten, die ich da erlebt hatte, hatten eines gemeinsam: Das Peinlichkeitsgen fehlte allen. Danach habe ich wieder einen anderen Sender gewählt, um einer weiteren Körperverletzung zu entgehen. Der Beitrag im SPON hat mir allerding gefallen, da er einfach, sachlicht und richtig diesen RTL-Müll beschrieben hat.
Durchschnittsbürgerin 11.02.2008
2. Achtung v den Menschen
Bitte etwas mehr Achtung vor den jungen Menschen Herr Bohlen und nicht immer nach den Einschaltquoten/Einnahmen schielen.
altona93 11.02.2008
3. hier muss niemand geschützt werden
völlig richtig stellt der artikel fest: jeder dsds-kandidat sollte wissen, was ihn erwartet. daher habe ich auch null mitleid mit alle den skurrilen talentfreien möchtegernsängern. eher schon hochachtung davor, wie konsequent man die augen vor dem eigenen (nicht auch nur im ansatz vorhandenen) künstlerischen talent verschliessen kann. dsds ist eine wichtige sendung, gerade in der heutigen zeit. wo sonst erhält man ungeschminkt so gute argumentationshilfen für die heranwachsende jugend? "siehst du, wenn du in der schule nicht ein wenig gas gibst? dann musst du mit mitte 20 zu bohlen und da vorsingen, da du ja sonst nichts kannst - und was dann passiert, das hast du ja eben gesehen" ein besseres argument für das anstreben eines guten schulabschluses kann es meiner meinung nach nicht geben. daher weiter so - von mir aus 365 tage im jahr dsds!
fred2007 11.02.2008
4. Darwinismus
Zitat von sysop"Deutschland sucht den Superstar" ist kein Grund, den Untergang des Abendlandes heranwehen zu sehen - im Gegenteil: Die RTL-Castingshow ist ein unterhaltsames Fanal jener Selbstüberschätzung, die eine Gesellschaft durchaus benötigt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,534398,00.html
Nein, sie wissen es nicht. Denn sie leben bereits unbewußt im allübergreifenden Bertelsmann-Kosmos, ohne dessen Regeln kapiert zu haben. Wie auch? Diese existieren für Außenstehende nicht! Nichts gegen puren Darwinismus - aber dieser hat allgemein verständliche Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Bohlen besitzt diese so wenig wie die Deutsche Bank - von daher ist das ganze von vorn herein eine Farce. DSDS - ein Willkürakt ohne Regeln und Konsens. Dieser Konsens war in der Musik oder Kunst schon seit jeher schwer zu definieren - hier verkommt er zum Witztableau eines ganzen Genres. Sagt jemand, für den Popmusik nie ein Schimpfwort war...
sebparker 11.02.2008
5. Ein äußerst widerwärtiger Mensch
Sehr geehrter Herr Broder, mit jedem ihrer Artikel schaffen Sie es, mir noch ein wenig unsympathischer zu werden, dafür mein Respekt. Das ist aber auch schon alles, wofür ich Sie respektiere. Ihr ultrakonservativer Rundumschlag gegen Verständnis und Toleranz, egal ob für Muslime oder talentfreie Teenager, ist höchst bedrohlich. Survival of the fittest ist alles was zählt. Für Bohlen gilt, wer Erfolg hat verdient auch Erfolg und solange wir die Muslime nicht gezielt bekämpfen, sind wir selbst schuld, wenn das Abendland den Bach runter geht. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, ist eine die fundamental auf humanitären Werten beruht. Und mit nichts anderem werden wir diese Gesellschaft aufrecht erhalten können als mit dem besinnen auf diese Werte.
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