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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008

Altersvorsorge: Die Hungerrentner von morgen

Von Alexander Jung, und Michael Sauga

Langzeitarbeitslose, Geringverdiener, Solo-Selbständige: Millionen Babyboomern droht im Alter bittere Armut, viele werden als Rentner nur noch Leistungen auf Sozialhilfeniveau bekommen, warnen Ökonomen. Gibt es Wege aus der Versorgungsfalle?

Sie frisieren in Salons, pflegen in Heimen, kochen in Restaurants, geben Kurse an Volkshochschulen: Tag für Tag schuften zahllose Männer und Frauen an ihrem Arbeitsplatz ganz so, als wären sie dort angestellt. Bloß, einen Gehaltszettel sehen sie nie.

Solo-Selbständige werden solche Kräfte genannt, die auf eigene Rechnung arbeiten: kurzfristig verfügbar, stets flexibel, auch was den Preis angeht, und immer mobil. Sie sind auf alles vorbereitet. Nur nicht auf ihre Zukunft.

Keinen Cent hat Ralph Schüller, 38, bisher für das Alter zurückgelegt. "Ich brauche meine ganzen Einnahmen für die laufenden Kosten", sagt er. Der Mainzer arbeitet als solo-selbständiger Mietkoch, fast jeden Tag steht er hinter einem anderen Herd. Morgens um vier belegt er Hunderte Canapés mit Käse und Lachs, abends gart und brät er in Frankfurter Hotels, oder er bekocht Musiker auf ihrer Tournee.

Seit vier Jahren beutet Schüller sich selbst aus, Kollegen und Freunde raten ihm dringend, etwas für seine Rente zu tun. Seine Nachlässigkeit ist ihm bewusst, "aber bisher ging es einfach nicht anders", beteuert er. Schüller arbeitet weiter, wenn es sein muss, bis zum Umfallen.

Diese Aussicht teilt der Mainzer Mietkoch mit Millionen anderen im Land: mit Minijobbern, Teilzeitkräften, Dauerpraktikanten, Geringverdienern, Langzeitarbeitslosen. Sie alle werden später einmal, wenn sie sich zur Ruhe setzen, ihren Lebensstandard erheblich zurückschrauben müssen. Oft heißt das: Sie verbringen ihre letzten Jahre in bitterer Armut.

Noch sind es wenige Senioren, die am Existenzminimum leben: Nur zwei Prozent der mehr als 20 Millionen Rentner sind auf die Grundsicherung angewiesen, wie die Alten-Sozialhilfe neuerdings stigmafrei umschrieben wird, weit weniger als in den meisten Nachbarländern. Der heutigen Rentnergeneration geht es so gut wie keiner vor ihr. Aber auch so gut wie keiner, die nach ihr kommen wird.

Wenn demnächst die ersten nachkriegsgeborenen Babyboomer das Rentenalter erreichen, wird eine soziale Gruppe zu versorgen sein, deren Mitglieder ganz andere Karrieren gemacht haben als ihre Eltern. Ihre Biografien weisen oft tiefe Brüche auf, mit Monaten und Jahren, in denen sie nur wenig oder gar nichts ins System eingezahlt haben. Diese Lücken konnten oder wollten sie nicht anderweitig auffüllen: mit einer Lebensversicherung etwa oder Immobilien. Das rächt sich nun.

Wer bereits Anfang vierzig ist, der kommt auf keinen grünen Zweig mehr. Der hat so gut wie keine Chance, verlorene Ansparzeit wieder aufzuholen. Mit der gesetzlichen Rente allein jedenfalls werden solche Lücken-Büßer kaum über die Runden kommen: Ein Durchschnittsverdiener, der bloß 30 Jahre eingezahlt hat, bekommt künftig höchstens 650 Euro Rente raus.

DER SPIEGEL

Altersarmut, das ist absehbar, wird zu einem Massenphänomen, sie verändert grundlegend das Gesicht des Landes und den Alltag seiner Bürger. Ihnen ist durchaus bewusst, was auf sie zukommt: Fast drei Viertel der Deutschen fürchten, dass sie im Rentenalter ihren Lebensstandard nicht mehr halten können, hat eine SPIEGEL-Umfrage ergeben. Mancher, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im schicken Neubaugebiet aufgewachsen ist, wird froh sein, wenn er in den dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts nicht im Armenasyl endet.

Einige Gruppen trifft der soziale Wandel besonders hart: Da sind die 11,8 Millionen Teilzeitbeschäftigte, 1,4 Millionen mehr als vier Jahre zuvor, die weniger in die Rentenkasse abführen und auch entsprechend weniger aus ihr erwarten dürfen. Rund 75 Prozent von ihnen sind Frauen.

Oder die 6,5 Millionen Kräfte, die sich für vier, fünf Euro die Stunde verdingen, die bewachen, putzen, pflegen oder bedienen; der Anteil dieser Niedriglöhner ist seit 1995 um 43 Prozent gestiegen. Das Versorgungsniveau solcher Billigkräfte liege im sonst so reichen Deutschland am unteren Ende dessen, was ansonsten in Industrieländern üblich sei, hat die OECD herausgefunden.

Oder eben die 2,3 Millionen Solo-Selbständigen, eine halbe Million mehr als noch 2000, die sich als Einzelkämpfer durchschlagen: Lebenskünstler, die sich von einem Projekt zum nächsten hangeln, Selbstverwirklicher, die geflissentlich verdrängen, dass sie nicht ewig 27 bleiben.

Immer mehr Arbeitnehmer kehren dem Bismarckschen Sozialsystem den Rücken, ohne für privaten Ausgleich zu sorgen. Meinhard Miegel, Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, warnt schon lange vor den Konsequenzen. Miegel erwartet, dass um das Jahr 2030 herum etwa die Hälfte der Seniorenschaft eine Rente beziehen wird, die kaum höher ausfällt als die Grundsicherung.

Einen Vorgeschmack auf die mageren Zeiten bekommen schon heute viele Ostdeutsche, die kurz vor der Rente stehen. Wo die Wirtschaftskrise der Nachwendezeit vielerorts über ein Drittel der Erwerbsfähigen in die Arbeitslosigkeit gedrückt hat, müssen gelernte DDR-Bürger wie der Leipziger Betriebswirt Wolfgang Osterkamp, 61, damit rechnen, bis ans Ende ihrer Tage an der Armutsschwelle zu leben.

Als die Mauer fiel, war Osterkamp Abteilungsleiter eines volkseigenen Textilbetriebs, er zählte zu den Besserverdienern. Dann wurde sein Unternehmen abgewickelt, er verlor den Job. Osterkamp scheiterte bei dem Versuch, sich als Finanzberater selbständig zu machen. Es folgten Sozialhilfe, Hartz IV und die gesicherte Erkenntnis aus 218 Bewerbungen, auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht zu werden.

Sein Vater, ebenfalls ein DDR-Leitungskader, gehörte noch zu den Gewinnern der Einheit. Er konnte sich 1991 nach einem lückenlosen Berufsleben mit einer ansehnlichen Rente von mehr als 1200 Euro in den Ruhestand verabschieden. Wer aber wie Osterkamp junior bereits als Mittvierziger aus dem Erwerbsleben aussortiert worden ist, hat von der Rentenversicherung nicht mehr viel zu erwarten. Er kann allenfalls auf 680 Euro hoffen, hat der Betriebswirt ausgerechnet, das ist kaum mehr als sein heutiger Hartz-IV-Satz.

Inzwischen hat Osterkamp eine neue Karriere begonnen, er leitet ehrenamtlich die Leipziger Sektion des Arbeitslosenverbands, dort ist er nun selbst so etwas wie ein Arbeitgeber. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Mappe: die Unterlagen einer 30jährigen Bewerberin mit Diplom und tadellosem Lebenslauf. Die Arbeitsagentur möchte, dass der Verband ihr eine ABM-Stelle anbietet, dotiert mit 900 Euro im Monat. Osterkamp zögert. Ein Job auf dem Zweiten Arbeitsmarkt für eine bestens ausgebildete Akademikerin? "So", seufzt er, "wird Altersarmut programmiert."

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