AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2008

Zeitgeschichte Dutschke, Goebbels und Co.

Mit Götz Aly und Peter Schneider legen zwei Hauptakteure der 68er-Revolte ihre Rechenschaftsberichte vor. Waren die Apo-Aktivisten romantische Helden oder Wiedergänger der Nazis? Wer hat recht im neuen Historikerstreit?

Von Matthias Matussek


Wer hätte gedacht, dass die Talkrunde "Fluch und Segen der 68er" noch einmal so hübsch auf Touren kommen würde. Noch einmal in diesem Jubiläumsjahr die Flugblätter und Theorien und Höhenräusche der Generationenkohorte, die jetzt aufs Altenteil zusteuert. Man sieht es mit leiser Wehmut, denn der gegenwärtige sogenannte Linksrutsch kommt so trostlos und komplett theoriefrei daher, und das Geschäft des "Aufstands" - egal, gegen was - wird mittlerweile fast vollständig von Hollywood-Celebrities besorgt.

Es gibt zu 1968, das - Segen und Fluch - als deutsches Durchbruchsjahr in die Moderne gilt, die unterschiedlichsten Stimmen und Verarbeitungsstrategien: den leidenschaftlichen Revisionismus von Gerd Koenen ("Das rote Jahrzehnt"), den ideologiefreien Recherche-und-Scoop-Journalismus von Stefan Aust ("Der Baader-Meinhof-Komplex") oder die hartnäckige Archiv-Krabbelei von Wolfgang Kraushaar ("Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus").

Ein gutes Dutzend Bücher zur roten Dekade erscheint jetzt, darunter die hinreißend erzählte Sex-Pop-Gangster-Geschichte der Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty.
Zunächst aber Götz Aly, der ohne jeden Popsong auskommt, sondern die Debatte eher schmallippig weiterdreht, dafür aber dahin, wo es richtig weh tut.

In "Unser Kampf" verabscheut Aly die 68er radikaler als alle vorherigen Revisionisten zusammen*. Doch nicht nur das. Er rührt tiefer. Er berührt den Nerv. Und der Nerv ist auch im neuen Millennium noch reizbar: der Nazi-Vergleich.

"Unser Kampf" wählt bewusst die Anspielung auf Hitlers Schrift. Waren die 68er Wiedergänger der Nazis? Darum wird er sich drehen, der neue Historikerstreit.

Historiker Aly, 60, hatte bereits mit dem Buch "Hitlers Volksstaat" Provokationssicherheit auf dem deutschen Reizfeld schlechthin bewiesen. Er behauptete, der Holocaust sei verübt worden, um an jüdischen Besitz heranzukommen. These: Die Deutschen sind eher Raubmörder als Antisemiten. Das umstrittene Buch war ein Bestseller, und auch das neue wird aufwühlen. "Unser Kampf" verspricht im Untertitel "einen irritierten Blick zurück", was irreführend ist, denn irritationsloser und kälter kann kein Blick ruhen. Es ist die Abrechnung eines Hardliners mit Hardlinern, mit jenen also, wie er selbst einer war.

Götz Aly war Mitglied der Roten Zellen und Aktivist der terrornahen Roten Hilfe. Immer wieder, spärlich, irrlichtert ein "ich", ein "wir" über die Seiten, etwa wenn die "Schweinejagd" auf missliebige Professoren oder eine Geldwäsche-Aktion gestreift wird. Doch in erster Linie beugt sich Aly über andere.

Und das ist ein böses, ein funkelndes Vergnügen. Das Namensregister dieses Buchs wird quietschend durchforstet werden. Alle sind vertreten. Antje Vollmer mit ihren kaderkommunistischen Tiraden, der "Erbschleicher" (und heutige "Welt"-Chefredakteur) Thomas Schmid oder der frühe gewaltbesoffene Wolf Biermann.

Einer taucht öfter in Alys Scheinwerferkegel auf: Peter Schneider. Der Schriftsteller ist der mal infantile, mal zynische Sänger der Revolte, der Mann mit den tödlichen Gedichten à la: "Der Stein, den wir auf die amerikanische Botschaft werfen / ist so viel Wert wie eine Flugzeugrakete in Vietnam".

Allerdings: Nachdem die Politik abgetropft ist, lässt sich der schöne Surrealismus solcher Gedichte nicht übersehen. Und der Zufall und das Jubiläumsjahr wollen es, dass gleichzeitig mit Aly in der anderen Ringecke ebendieser Schneider steht, mit einer eigenen linken Schwergewichts-Bio, mit eigener Rückschau unter dem Gürtel**. Vor einem Jahr trafen die beiden im Apo-Archiv zufällig aufeinander. Schneider sagte: "Du also auch", Aly sagte: "Dann treten wir wohl gegeneinander an."

Peter Schneider setzt auf Personal History, auf die Erfahrung und die Liebe und den Wahn, wie sie ihm von seinen frühen Tagebucheinträgen zugespielt werden. Aly meidet genau das. Er verlässt sich auf das Sichten der Akten. Schneider ist der Poet, Aly der Ankläger.

In vielem sind sie sich einig. Schneider würde Aly zustimmen in der Ablehnung der wehleidig "Staatsknete" einklagenden Verdrusskultur mit ihrem "Sentimentalstalinismus", die auf 68 folgte. All diese Subventionslinken mit ihrem "Parasitenstolz" und ihrer "selbstsüchtigen Schläue", all die, die gelernt haben, auf Arbeitslosenstütze zu wechseln, wenn es opportun war, und "Richtung Toskana zu verduften".

Geile Zeiten übrigens damals, als man sich die Toskana noch mit seiner Arbeitslosenhilfe leisten konnte.

Aly evoziert das Kreuzberger Grauen der siebziger Jahre mit gekonnten Strichen: das Leila-Chalid-Poster mit der Kalaschnikow, Doppelbett aus dem Alternativ-Studio "Holzwurm" und die Graffiti: "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein". Ein juste milieu von Egomanen, die sich an die Omertà halten, den "Schweigekodex unter den Ehemaligen" darüber, wer den "Bauchschuss auf den 62-jährigen Bibliotheksangestellten Georg Linke abgegeben hat".

Müsste eigentlich mal gebrochen werden, dieses Schweigen, Frau Generalbundesanwältin Harms!



* Götz Aly: "Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 19,90 Euro.

** Peter Schneider: "Rebellion und Wahn". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 368 Seiten; 18,95 Euro. Erscheint am 27. Februar.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
smoker60, 18.02.2008
1. Was für eine Verzerrung!
In einer herausgehobenen Headline Herrn Dutschke mit Komma von Reichspropagandaminister Goebbels zu trennen und mit einem Co. (= Kompagnon = Teilhaber)zu verbinden, ist geschmacklos!
phoenics-ffm, 18.02.2008
2. Überschätzt
man kann seinen Deutungshunger auch als Schema über alles gießen - was im Übrigen zu den beschriebeben zeiten gerne gemacht wurde. Zu 97 % war das eine Jugendrevolte, überbewertet auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Flexibilisierung, die eine hochindustralisierte Gesellschaft brauchte, um sich weiterentwickeln zu können, anstoßend. Dass ein solcher Stoß etwas überdimensioniert ausfällt liegt in der Natur der Sache, dass das alles andere als 'durchdacht' war auch, aber muss man da noch so einen Bohei drum machen - es ist schon lange Geschichte, hat bei weitem nicht den Einfluss auf unsere Gesellschaft gehabt, wie man den 68er (und die letzten sich selber vermutlich auch) unterstellt - vieles wäre langfristig wahrscheinlich auch ohne 68 passiert. Man braucht eben solche Formen wie Bewegungen und Revolten, gehört wahrscheinlich zum Spiel der Geschichte, damit es Geschichten gibt.
alfis 18.02.2008
3. Historikerstreit?
Nun, der Stoff ist sicherlich diskussionswürdig. Ich halte aber den Vergleich zwischen den 68igern und den "33igern" für sehr fragwürdig. Die Unterschiede zwischen beiden Gruppierungen werden besonders deutlich in der Haltung gegenüber den ökonomischen Eliten. Sicherlich waren beide Gruppierungen,Gruppierungen der Jugend, aber sonst verbindet beiden nichts.
Andreas Heil, 18.02.2008
4. Zu spät.
Zitat von sysopMit Götz Aly und Peter Schneider legen zwei Hauptakteure der 68er-Revolte ihre Rechenschaftsberichte vor. Waren die Apo-Aktivisten romantische Helden oder Wiedergänger der Nazis? Wer hat recht im neuen Historikerstreit? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,535950,00.html
So spät, wie der SPIEGEL Aly's neues Pamphlet "entdeckt" hat, so überflüssig der Artikel. In den letzten Tagen wurde Aly schon weitaus intelligenter verrissen, nämlich sauber an dem festgemacht was er schrieb. Mehr kann man nicht tun, außer vielleicht es einfach zu beschweigen. Hier fällt mal wieder auf, dass den gewendeten 68er Konvertiten oder nur halb- bis dreiviertel konvertierten mittlerweile etablierten bundesrepublikanischen Möchtegernintellektuellen nach wie vor jeder Tiefgang fehlt - vielleicht war er ja auch nie da ?! Stattdessen trieft aus jeder Zeile eine unerträgliche Gefühlichkeit. Es könnte so sein, aber irgendwie auch ganz anders, Hauptsache man mußte keine Denkanstanstrengung vollbringen, um die Zeilen zu Papier oder Bildschirm zu bringen und sitzt rechtzeitig um siebzehn Uhr bei Rotwein und Pasta.
axel_roland 18.02.2008
5. Vergleich ist durchaus nachvollziehbar
Sowohl gewaltbereite 68er, als auch die Nazis waren bereit für Ihre Überzeugung und gegen den Willen einer demokratischen Mehrheit gewaltsam einzutreten und Andersdenkende/Andershandelnde zu massakrieren. Ergo sind meiner Meinung nach auch beide Gruppen logischerweise als Faschisten zu bezeichnen. Ich kann nur hoffen, dass es beides nicht mehr geben wird!
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