Der SPIEGEL

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18. Februar 2008, 00:00 Uhr

Unternehmer

Die Firma

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Es ist einer der dreistesten Fälle von Sozialbetrug in Deutschland: Ein Reinigungsunternehmen beschäftigt 200 Mitarbeiter - dennoch kassieren sie jahrelang Arbeitslosengeld. Die Fäden zieht ihr Chef. Seine Geschichte zeigt, wie leicht sich der Staat aufs Kreuz legen lässt.

Als Franz Bachmair die Gesprächsnotiz auf seinem Schreibtisch liegen sah, wusste er noch nicht, dass sie der Anfang sein würde von einem Fall, wie er ihn bislang, nach all den Jahren, die er nun schon als Ermittler arbeitete, nicht kannte.

Die Notiz hatte die Nummer 912/05. Sie stammte aus einer anderen Abteilung, der Prävention. Deren Kollegen tauchen ohne Anmeldung an Taxiständen, in Hotels oder in Discotheken auf und erinnern daran, dass es verboten ist, schwarzzuarbeiten.



Die Notiz handelte von einem Gespräch, das die Kollegen mit einem Landschaftsgärtner geführt hatten, der nicht verstand, warum sie ausgerechnet zu ihm gekommen waren, er sagte, sie sollten lieber mal zum Chef seiner Frau gehen, einem Reinigungsunternehmer. Vielleicht würden sie da etwas finden.

Als der Ermittler das las, fielen ihm die vielen anonymen Hinweise wieder ein, die er in seiner Schublade gesammelt hatte. Briefe waren das, lose Zettel, mit denen er lange nichts anfangen konnte. Es war darin immer um eine Reinigungsfirma gegangen und darum, dass dort etwas nicht stimmte.

"Ich habe da geputzt. Die Reinigungsfirma ist nicht sauber", hatte in einem der Hinweise gestanden.

Der Ermittler hatte noch immer nichts Konkretes, aber er hatte ein Gefühl, er ist ein erfahrener Mann. Seit acht Jahren sucht er für den Zoll, für die "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" in Lindau, nach Kriminellen, und weil er das auch künftig noch tun will, möchte er nicht mit Namen genannt werden. Franz Bachmair heißt nicht Franz Bachmair.

Er ist nicht besonders groß, er sieht unauffällig aus, etwas blass. Früher trug er lange eine Uniform, er kontrollierte erst Pässe an der deutsch-österreichischen Grenze, später Zollwaren, Taschen, Skihosen, Kunert-Strümpfe. Heute trägt er ein Karohemd, Jeans, dunkle Turnschuhe, wie Bergsteiger sie haben oder Abenteurer. Franz Bachmair hat jetzt, mit über 40 Jahren, seine Rolle im Beruf endlich gefunden.

Er fuhr dann hin zu der Frau des Landschaftsgärtners, 120 Kilometer in Richtung Norden, hörte die Geschichte der Frau, einer früheren Mitarbeiterin der Reinigungsfirma, hörte von Abläufen; hörte den Namen der Firma, "Sauber Limited".

Jetzt hatte Bachmair eine Spur.

Sein Ziel war immer, am Ende so viele Beweise vorzulegen, dass der Staatsanwalt keine Fragen mehr haben würde; das war Franz Bachmair noch jedes Mal gelungen.

Er begann, wie er immer begann, fragte Behörden ab, die Rentenversicherungen, das Finanzamt, die Knappschaft, die Berufsgenossenschaft, und jede Behörde gab ihm eine andere Beschreibung der Sauber Limited. Im Internet warb die Firma damit, "sich als Profibetrieb in kurzer Zeit im Segment Gebäudereiniger-Handwerk überzeugend etabliert" zu haben. Sie sei ein "verlässlicher Partner" für alle Kunden.

Wie Bachmair bei seinen Gesprächen erfahren hatte, beschäftigte die Sauber Limited aber auch mehr als 200 Mitarbeiter, von denen keiner den Behörden gemeldet war.

Dass dieser Fall ein großer Fall sein würde, einer, der vieles bündelte, auch eine Debatte, die in Deutschland geführt wurde, um Schwarzarbeit, um Mindestlöhne, um Hartz IV und um die Lücken im deutschen Sozialsystem, ahnte Bachmair noch nicht.

Er wusste noch nicht, dass dieses Reinigungsunternehmen Teil eines gutfunktionierenden Konstrukts aus Scheinfirmen und Scheininsolvenzen war. Er wusste noch nicht, dass an der Spitze ein Mann stand, der weder für sich noch für seine Mitarbeiter Sozialabgaben zahlte, der stattdessen vom Staat Arbeitslosengeld bezog, wie viele seiner Angestellten auch.

Er wusste nicht, dass er einem Mann auf der Spur war, der den deutschen Staat über Jahre in einem Maß ausgebeutet hatte, das auch für ihn, Franz Bachmair, neu war.

Nach dem ersten Hinweis vergingen ein paar Wochen. Dann klingelte, an einem kalten Wintertag, sein Telefon.

Und wieder kam der Anruf von einem Einzelnen, der es nicht mehr aushielt zu schweigen. Die großen Hinweise, das weiß Bachmair, kommen meist von ganz unten.

"Kahn", so meldete sich ein Mann am anderen Ende der Leitung.

Bachmair konnte die Stimme des Mannes gut verstehen, sie war tief und klar, Bachmair hörte wieder zu, er unterbrach nicht, sah aus dem Fenster in den Park. Je länger der Mann sprach, desto lauter wurde er.

Kahn sagte, er habe auch Unterlagen.

Also fuhr der Ermittler wieder los, saß wieder in einem Wohnzimmer, und Robert Kahn, 57 Jahre alt, Familienvater, stellte einen Karton auf den Tisch.

Darin lagen Rechnungen, Mahnungen, Briefe, alles Unterlagen aus der Sauber Limited, wo er selbst eine Zeitlang gearbeitet hatte. Aber Kahn sprach jetzt nicht mehr nur von der einen Firma, sondern von vielen Firmen, einer zweiten, dritten und vierten. Er sagte, sie hätten alle denselben Chef gehabt, er nannte auch dessen Namen, Enver Ü.

Kahn hatte sich mit seinem Chef zuletzt gestritten, und jetzt belastete er ihn.

Bachmair hatte begriffen, dass es kompliziert werden würde. Aber es musste so kompliziert sein, damit es funktionieren konnte. Er sortierte, erstellte Übersichten, zog Zeitleisten, wählte verschiedene Farben für verschiedene Firmen, markierte den Tag ihrer Gründung und den Tag ihrer Insolvenz, mal gelb, mal grau, mal violett.

Die erste Firma, die Enver Ü. gegründet hatte, war die "Reinigung nach Hausfrauenart" gewesen. Das war 2001 und der eigentliche Anfang. Franz Bachmair unterlegte die Reinigung nach Hausfrauenart hellbraun.

Enver Ü. war, als er selbständig wurde, 25 Jahre alt, er war schon oft gescheitert, in der Hauptschule, als Bäckerlehrling, als Lkw-Fahrer und als Ehemann. Nun suchte er eine Putzstelle, und weil er die nicht fand, gründete er seine eigene Firma, auf den Namen seiner Mutter, mit dem Geld seiner Mutter.

Sie war in den sechziger Jahren mit ihrem Ehemann, der als Schlosser Arbeit gefunden hatte, aus Istanbul nach Deutschland gekommen. Sie blieb Hausfrau, zog vier Kinder auf, sie führten das Leben einer Arbeiterfamilie. Es war das Leben, das Enver Ü. nie führen wollte.

Was der Staat von ihm verlangte, interessierte ihn noch immer nicht


So entschied er es, als er als Junge auf seinem Bonanza-Rad durch die Siedlung fuhr.

Er dachte schon früh über die Welt nach und wie sie auf ihn sah. Die Reinigung nach Hausfrauenart war seine Chance, Unternehmer zu werden.

Er arbeitete, wie er sich vorstellte, dass ein Geschäftsführer arbeiten würde, er besorgte die ersten Aufträge, stellte Personal ein, meldete das Personal an. Aber Sozialversicherungsbeiträge zahlte er keine.



Wichtig war, dass das Unternehmen wuchs und nicht, was der Staat dafür von ihm verlangte. So ging es eine Zeitlang gut.

Dreieinhalb Jahre später meldete die Reinigung nach Hausfrauenart Insolvenz an.

Alles lief planmäßig. Denn eigentlich war die Firma gar nicht insolvent, es sah nur so aus.

Enver Ü. hatte nämlich längst eine neue Firma gegründet und die alten Aufträge dorthin übernommen, sie beschäftigte dieselben Mitarbeiter wie die Reinigung nach Hausfrauenart und hatte denselben Chef, Enver Ü. Aber wieder tauchte der in keinem deutschen Register auf.

So etwas ist möglich, über Umwege ins Ausland. Der Ermittler hat selbst lange gebraucht, um das zu verstehen.

In seinen Unterlagen liegen ausgedruckte Internet-Seiten eines Büros aus der Nähe von Bad Hersfeld, das Enver Ü. bei diesen Umwegen geholfen hatte; es beschreibt sich selbst als "Pionier und Marktführer" für Unternehmensgründungen nach ausländischem Recht. Die Seiten zeigen, wie porös das deutsche Recht ist, wenn man es kennt.

Einer der beiden Umwege führte Enver Ü., auf dem Papier zumindest, über England.

Er gründete eine limited company, eine GmbH nach britischem Recht. Sie hatte den Vorteil, dass Enver Ü. nur ein Pfund an Startkapital brauchte und nicht 25.000 Euro wie in Deutschland, und im Falle einer Haftung würde er nur das Geld verlieren, das er auch in sein Unternehmen hineingesteckt hatte.

Er nannte es Sauber Limited, es hatte seinen Hauptsitz in Bristol, Großbritannien, und den Geschäftssitz in Deutschland. Seine limited company war deshalb auch eingetragen im deutschen Handelsregister.

Weil aber Enver Ü. vermeiden wollte, dass sein Name darin auftauchte, hatte er einen zweiten Umweg gewählt. Der führte ihn, wieder nur auf dem Papier, über die Niederländischen Antillen.

Die Niederländischen Antillen sind ein selbständiger Teil des Königreichs der Niederlande und unterliegen damit europäischem Recht. Auf einer dieser niederländischen Karibikinseln gründete Enver Ü. eine Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von 6000 Euro, er besaß sechs Inhaberaktien zu je 1000 Euro.

Auch der AG gab er einen Namen, der ihm gefiel, Silverscan AG; sie wurde alleiniger Gesellschafter der Sauber Limited und tauchte im deutschen Handelsregister auf.

Die Sauber Limited lag in der ersten Etage eines grauen Gebäudes, in dem es Wohnungen gab, aber auch andere Firmen; in der zweiten Etage war das Arbeitsgericht.

Der Unternehmer hatte sein Büro in einem der hinteren Räume, es war das größte Zimmer auf der Etage, und Enver Ü., klein, rund und gebeugt, saß auf seinem schweren Ledersessel, rauchte zwei Packungen Marlboro jeden Tag und beobachtete die Konkurrenz.

Enver Ü. wollte schneller sein als die anderen Unternehmen, wollte sie überholen.

Er wollte alles richtig machen, er dachte an die Welt und wie sie auf ihn sah, an das Bonanza-Rad. Er entschied, zur Präsentation bei neuen Kunden einen deutschen Kollegen zu schicken, keinen wie sich.

Nach einiger Zeit ging Enver Ü. dann aber selbst mit, stellte sich höflich als Meister vor, und nachdem sie eines Tages, gemeinsam, den Auftrag für das neue Kino und auch für einen großen Elektrofachmarkt bekommen hatten, tauschte Enver Ü. seine rote Jogginghose gegen einen dunklen Anzug und zog allein los.

Er schloss jetzt Aufträge ab mit Autohäusern, Bäckereien, Büros, Architekten, mit Ärzten, Supermärkten, dann noch mit einer Fast-Food-Kette. Jedes Mal, wenn Enver Ü. erfolgreich verhandelt hatte, kam er zurück in sein Büro und schrie vor Freude.

Jetzt wollte er das große Einkaufszentrum.

Und wenn er am Nachmittag einen Termin hatte, von dem er am Morgen noch nichts wusste, fuhr er erst in seine Erdgeschosswohnung, wo jetzt eine neue Ehefrau auf ihn wartete, zog sich ein frisches Hemd an, rasierte sich und gelte das Haar.

Er spürte, wie er seinem Ziel näher kam. Das, was der Staat dafür von ihm verlangte, interessierte ihn noch immer nicht.

Seinen Mitarbeitern zahlte er zwischen fünf und sechs Euro. Türken fünf, Deutschen sechs, Iranern sechs; sie schrubbten nachts Fritteusen.

Er brauchte sein Geld für etwas anderes, er wollte immer größer werden, musste Werbung machen. Er war jetzt ein richtiger Unternehmer, ließ Fußmatten mit dem Logo seiner Firma in die Geschäfte legen und den Stadtbus damit bekleben. Als er den Bus durch die Straßen fahren sah, dachte er, dass er seine Arbeit nicht nur gut machte, sondern besser als die anderen. 30.000 Euro hatte ihn der Bus gekostet.

Er dachte darüber nach, wie er an noch mehr Geld kommen konnte. In der ersten Phase hatte er für seine Angestellten keine Sozialabgaben gezahlt, in der zweiten Phase ging er den Staat nun um Sozialhilfeleistungen an.

Im Februar 2005 beantragte Enver Ü. für sich Arbeitslosengeld.

Er ging die sechs Stufen der Arge hinauf, wo man das Arbeitslosengeld II bekommt, holte sich ein Formular, füllte es aus, gab sein Gehalt an, 500,01 Euro brutto.

Viel verdienen, wenig angeben, selten Sozialabgaben zahlen


Dass er das tat, gehörte zu seinem Konstrukt: viel verdienen, wenig angeben, gar nicht oder selten Sozialabgaben zahlen, und wenn sich dann die Mahnungen häuften, das Unternehmen insolvent gehen lassen.

Die Belege, auf denen er selbst Angestellter der Sauber Limited war, legte er seinem Antrag für das Arbeitslosengeld bei.



Er gab auch an, kein Vermögen zu haben, dafür aber eine Frau, die nichts verdiene, und einen Sohn aus erster Ehe, der Schüler war und bei ihm wohnte.

Zusammen bildeten sie eine Bedarfsgemeinschaft, der die Arge 965,33 Euro im Monat bewilligte.

Die Behörde wusste nicht, dass Enver Ü. eigentlich Aktionär war und Firmeninhaber.

Sie wusste nicht, dass er von seinen Geschäftskonten jeden Monat 1000 Euro an seine Schwester überwies, die das Geld an ihn weitergab. Sie wusste nicht, dass auch seine Ehefrau vom Geschäftskonto einmal die Summe von 17.700 Euro erhalten hatte, dass sie an acht Stellen gleichzeitig putzte, Vollzeit, und dass sie als selbständige Vertreterin einer Versicherung eine Provision von 2096,21 Euro verdient hatte.

Abends ging Enver Ü. im Bowlingcenter ein Bier trinken. Er veränderte nichts an seinem Leben, kaufte kein teures Auto. Er inserierte viel, suchte Reinigungskräfte auf 400-Euro-Basis.

Jeden Tag kamen neue Leute in sein Büro und stellten sich vor. Enver Ü. hatte dafür längst jemanden eingestellt, den kaufmännischen Leiter Robert Kahn; außerdem arbeitete jetzt eine Bürokraft bei ihm, die Ordnung in die Unordnung seiner Abrechnungen bringen sollte.

Wenn beide gut arbeiteten, hatte Enver Ü. ihnen versprochen, würden sie schon bald mehr verdienen.

Kahn vertraute dem Chef, Kahn wusste auch immer, was lief und was nicht lief im Unternehmen. Manchmal zogen sich die beiden hinter eine Tür zurück und entschieden gemeinsam, wie es weitergehen sollte. Aber dann kam die Zeit, in der Robert Kahn nicht mal mehr das Gehalt bekam, das ausgemacht war.

Sie trafen sich abends im Bowlingcenter, und es kam zum Streit. Als es immer lauter wurde, versprach Enver Ü. seinem Mitarbeiter eine einmalige Zahlung über 10.000 Euro.

Und er bekam sie auch. Denn Enver Ü. brauchte Robert Kahn noch. Er musste still bleiben.

In seinem Konstrukt ließ Enver Ü. seine Angestellten zwar Vollzeit arbeiten, aber er meldete sie nur als Teilzeitkräfte an.

Auch sie waren, wie ihr Chef, zum Amt gegangen, hatten sich als Mini-Jobber angemeldet.

Keine Abgaben zahlen, selbst Arbeitslosengeld beziehen und, das war die dritte Phase, die falschen Mini-Jobber decken.

Auf dem Papier verdienten sie zwischen 120 Euro und 320 Euro, das war so wenig, dass sie Anspruch hatten auf Arbeitslosengeld II. Der Staat wusste ja nicht, dass Enver Ü. ihnen den Rest ihres Gehalts bar in die Hand gegeben hatte.

Der Staat wusste nicht, was passieren kann, wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig sind.

Wenn die Mitarbeiter neue Arbeitsbescheinigungen für das Amt brauchten, bekamen sie sie, von ihrem Chef. Für einige seiner Mini-Jobber zahlte Enver Ü. jetzt Sozialabgaben, für andere nicht, er machte das davon abhängig, ob er Lust hatte. Für ihn war es, als würde das Geld in diesem System nur in eine Richtung fließen.

Dann aber, nach einiger Zeit, stapelten sich die Mahnungen der Einzugsstellen in seinem Büro. Enver Ü. brauchte nun wieder ein neues Unternehmen. Und dafür brauchte er diesmal Robert Kahn.

Er könne doch Subunternehmer werden, schlug Enver Ü. vor, versprach Selbständigkeit, eigene Aufträge und mehr Geld.

Also gründete Robert Kahn die "Robert Kahn Gebäudereinigung nach Hausfrauenart". Aufträge bekam er aber keine und auch nicht mehr Geld.

Stattdessen meldete Enver Ü. seine Mitarbeiter auf das Subunternehmen an, ohne mit Kahn darüber gesprochen zu haben.

Als der das herausfand, ein paar Monate später, tat er etwas, was ihm vernünftig erschien. Kahn hatte Angst, auf den Sozialleistungen sitzenzubleiben, weil die Mahnungen ja nun an ihn gingen. Deshalb meldete er die Mitarbeiter ab.

Jetzt war das Personal zum ersten Mal nirgendwo angemeldet, 224 Mitarbeiter, eine ganze Firma. Als Enver Ü. das bemerkte, war ihm klar, dass er daran etwas ändern musste.

Dann fiel ihm sein Bruder wieder ein. Der war eigentlich Lkw-Fahrer. Aber nach einem Gespräch mit Enver hatte er die Firma EGM gegründet, Euro General Management, auf die Enver Ü. nun seine Mitarbeiter anmeldete. Sozialabgaben zahlte sie nicht.

Das Einzige, was der Bruder mit diesem Unternehmen zu tun hatte, war, dass er sich ab und zu den Firmenwagen lieh.

Enver Ü. führte die Geschäfte. Seinen Kunden schrieb er einen Brief, in dem stand, es habe sich lediglich der Name seines Unternehmens geändert. Die Mini-Job-Löhne ließ er erst auf das Konto der EGM überweisen, von dort auf die Konten der Angestellten. Den Rest gab es in bar.

Die Arbeiter bekamen ihr Geld immer.

Alles lief wieder, auch ohne Robert Kahn; Enver Ü. wollte noch besser werden, seine Preise mussten noch besser werden, denn das große Einkaufszentrum hatte er noch immer nicht.

Er zog jetzt wieder allein los, frisch rasiert, mit gegeltem Haar. Und trotzdem hatte sich etwas verändert. Er dachte oft an Robert Kahn. Er wusste nicht, ob der, nach allem, was passiert war, noch still bleiben würde.

Enver Ü. stand oft am Fenster seines Büros, sah hinaus, rauchte, er sah immer auf die Straße, nach Autos, in denen Leute sitzen könnten, die ihn beobachteten.

Seinen Angestellten sagte er, auch sie sollten nach Autos Ausschau halten; die Bürokraft wies er an, sie solle Unterlagen verstecken.

Franz Bachmair war längst unterwegs. Der große Hinweis war, wie so oft, von ganz unten gekommen.

Da schließt sich der Kreis


Sie waren sich schon mal begegnet, Enver Ü. und sein Ermittler. Bachmair wollte es so, er wollte sehen, mit wem er sich seit Monaten beschäftigte, er wollte das Gesicht dahinter sehen. Er parkte sein Auto vor der Firma, ging hinein, trat an den Tresen, sagte, er suche das Arbeitsgericht, und er hatte Glück. Denn hinter dem Tresen stand Enver Ü., der sagte, dass das Arbeitsgericht eine Etage höher liege. Und dass er das schließlich wissen müsse, da er öfter oben sei.



Enver Ü. lächelte. Bachmair bedankte sich und lächelte auch.

Kurz danach bekam Enver Ü. den Auftrag, nach einer Demonstration in der Innenstadt die Fußgängerzone zu säubern, er machte Bilder davon und stellte sie ins Internet.

Er dachte wieder nur an die Konkurrenz, ihm fiel nicht auf, dass er anfing, das Maß zu verlieren. Auf den Bildern waren seine Mitarbeiter zu sehen, Schwarzarbeiter, die Fahnen und Flyer einer Ver.di-Veranstaltung zusammenkehrten.

Und nun bekamen auch seine Mitarbeiter ihr Geld nicht mehr.

"Aufgrund von Sparmaßnahmen", so begründete Enver Ü. seine Entscheidung, erhielten sie oft nur noch die Hälfte ihres Lohns.

Er begann, seine Mitarbeiter schlecht zu behandeln. Das war die vierte Phase und die letzte. Enver Ü. glaubte, vor seinen Mitarbeitern sicher zu sein, denn sie waren Teil seines Systems, Betrüger wie er.

Und wenn sich doch mal jemand beschwerte, dann anonym, in einem Brief oder auf einem losen Zettel ohne Absender.

Das waren die Hinweise, die Bachmair in seiner Schublade gesammelt hatte.

"Da schließt sich der Kreis", sagt Franz Bachmair am Ende, als alles vorbei ist, "wenn alle betrügen, bleiben die Hinweise anonym." Die Schwarzarbeiter hat Bachmair in einer Liste rot markiert. "Es war sein Konstrukt. Nicht dazu gehörte wohl, dass er selbst am Ende dafür in den Knast geht."

Am Tag der Razzia waren Bachmair und 19 seiner Kollegen früh in der Stadt.

Um neun Uhr öffnete die Sauber Limited, Bachmair wusste, dass Enver Ü. morgens lange schlief. Die Beamten sollten vor ihm im Büro sein, sie parkten ihre Autos, fünf Wagen.

Die anderen hielten ein paar hundert Meter weiter, vor der Wohnung von Enver Ü., und klingelten.

Enver Ü. trug seinen Pyjama noch, Bachmairs Leute durchsuchten die Wohnung, eine halbe Stunde später war Enver Ü. im Büro.

Die Beamten trugen alles hinaus, fünf Computer und Akten in 20 Umzugskartons.

Enver Ü. stand daneben, sah, wie alles zerbrach, er sah die vielen Autos auf der Straße vor seinem Büro. Das Schlimmste
für ihn war, dass auch andere die Autos sehen könnten, die Konkurrenz vor allem.

Die Konkurrenz blieb sein einziger Gedanke, bis zuletzt. Wichtig war, wie die Welt auf ihn sah. Er musste richten, was noch zu richten war.

Nach der Razzia zog Enver Ü. noch mal allein los, jetzt, um seinen Mitarbeitern zu sagen, sie sollten schweigen; anderen drohte er. "Wenn ich in den Knast gehe, nehme ich dich mit", sagte er zu Robert Kahn.

Die Zeitungen hatten schon über den Fall berichtet, über die große Razzia, und das große Einkaufszentrum war an ein anderes Reinigungsunternehmen gegangen, an das, in dem Enver Ü. früher selbst gejobbt hatte als Aushilfskraft, als er noch Arbeiter war.

Der Haftbefehl gegen ihn folgte ein paar Wochen später. Der Beamte fand ihn im Bowlingcenter.

Enver Ü. wurde abgeführt, verhört, aber er sagte nichts. In seiner Zelle lehnte er das Essen ab, das man ihm gab, er wollte sein eigenes Essen, aß Dosenfleisch.

Blieb stumm, ein Jahr lang, bis er gestand.

"Dass er das so lange aushält, hätte ich nicht gedacht", sagt Bachmair.

In der Zwischenzeit hatte der Ermittler in seiner Dienststelle mit dem Abschlussbericht für den Staatsanwalt begonnen.

Vor ihm lagen 13 Ermittlungsakten, 2 Hauptakten, das letzte Blatt hatte die Seitenzahl 1022, das erste Blatt war eine Gesprächsnotiz. Sie hatte die Nummer 912/05.

Bachmair fasste zusammen.

Straftaten, schrieb er, Paragrafen 266 a Absatz 1 und 2 und Ziffer 2 des Strafgesetzbuchs, Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt; Paragraf 263 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs, Betrug; Beihilfe zum Betrug, Paragrafen 263 und 27 Strafgesetzbuch, Gesamtschaden der Einzugsstellen: 168.324,92 Euro; zu Unrecht gezahlte Arbeitslosengeld-II-Leistungen: 14.091,18 Euro; außerdem Ordnungswidrigkeiten, weitere Strafverfahren, weitere Ermittlungungsverfahren, Schadenssummen etwa 87.000 Euro und 43.000 Euro.

In 45 Minuten trug der Staatsanwalt vor, was Bachmair von 2005 bis 2007 ermittelt hatte. Bachmair saß im Gerichtssaal auf einem der Stühle hinten.

Enver Ü. saß vorn, trug einen schwarzen Anzug, er war rasiert, das dunkle Haar gegelt. Zwei Jahre auf Bewährung, sprach der Richter in seinem Urteil.

Er sprach auch ein Urteil über ein Land, in dem es ein Sozialsystem gibt, das kompliziert ist, das als eines der modernsten der Welt gilt, aber das sich mit einfachen Mitteln bezwingen lässt.

"Enver Ü. hat seinen Plan selbst durchkreuzt", sagt Bachmair, "weil er auch seine Mitarbeiter am Ende schlecht behandelt hat." Sonst hätte wohl niemand etwas gemerkt, keine Versicherung, keine Behörde.

Der erste Hinweis war ein Gespräch mit einem Landschaftsgärtner, ein Zufall.

Bachmair sagt, dass er manchmal daran denke, nach einem Jahr noch mal hinzufahren zu den Leuten, um zu sehen, ob sie ehrlich geworden sind. Er sagt das so, als würde er selbst nicht recht daran glauben.

Enver Ü. hat 122.000 Euro vom Schaden schon beglichen, und den Rest, so hatte er es versprochen, zahle er auch noch. Am Ende der Verhandlung lobte der Staatsanwalt den Ermittler. Franz Bachmair fuhr nach Hause. Der Auftrag war erfüllt.

Auch Enver Ü. fuhr nach Hause.

An einem Vormittag im Januar 2008 sitzt er in seiner Wohnung, seine Frau hat Marmorkuchen gebacken, auf ProSieben läuft eine Serie. In seinem Fall laufen noch 20 Ermittlungsverfahren, den Anzug trägt er nur noch, wenn er zum Arzt geht.

Enver Ü. spricht viel, lange Sätze sind das, er erzählt viel aus seinem Leben. Dann sagt er, Geld habe nie eine Rolle gespielt. Er habe nie jemanden betrogen.

Woher er das Geld habe, um den Schaden zu begleichen? Darüber wolle er nicht sprechen. Er schweigt einen Moment.

Dann sagt er, er sei jetzt arbeitslos, und dass er gern bald wieder arbeiten würde, vielleicht im Unternehmen seiner Frau, das sei schon angemeldet, ein Reinigungsunternehmen, die Sauber GmbH.

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© DER SPIEGEL 8/2008
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