AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2008

Frauen: "Ich bin gar nicht so frech"

2. Teil: "Mein Mann backt wie eine Weltmeisterin"

SPIEGEL: Ganz offensichtlich geht Ihnen ein bestimmter Typ Frau gewaltig auf die Nerven. Wie sieht diese Frau aus?

Roche: Das ist natürlich das Frauenbild, das in Werbung und Zeitschriften propagiert wird, das von Paris Hilton oder Heidi Klum.

SPIEGEL: Vor 40 Jahren hießen Slogans der Frauenbewegung "Verbrennt eure BHs" und "Frauen, tragt keine Stöckelschuhe". Was unterscheidet Ihre Forderungen von denen von 1968?

Roche: Der Feminismus der ersten Generation wusste immer genau, wie wir Frauen uns zu benehmen haben. Diese Gewissheit fehlt uns. Ich habe keine Ahnung, wo gutes Benehmen für Frauen aufhört und wo böses Benehmen anfängt. Ich möchte nur, dass Frauen die Wahl haben, den einen oder einen anderen Weg zu gehen.

SPIEGEL: Ihre Forderungen klingen explizit feministisch.

Roche: Gerne.

SPIEGEL: Mit dem Label Feministin haben Sie kein Problem?

Roche: Woher denn? Den Feminismus habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Konkret bedeutet das, dass meine Mutter mir beigebracht hat, dass die Welt frauenfeindlich ist und dass es noch viel zu tun gibt, bis Frauen dieselben Chancen haben wie Männer. Das hat auch etwas mit Zivilcourage zu tun: Wir müssen uns streiten. So wie ich das sehe, verdienen Frauen in gleichen Jobs und nach der gleichen Ausbildung wie Männer immer noch rund 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Frauen verhandeln ihr Gehalt nicht vernünftig. Das müssen wir noch lernen.

SPIEGEL: Die Forderung nach Lohngleichheit ist ebenfalls schon viele Jahrzehnte alt. Wie grenzt sich Ihr Feminismus vom Feminismus der Alice Schwarzer ab?

Roche: Junge Feministinnen müssen Alice Schwarzer für viel dankbar sein, zum Beispiel dafür, dass Frauen ihre Männer nicht mehr fragen müssen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Bei vielen ihrer neuen Kampagnen wie bei der Verteufelung von Pornos können wir aber nicht mehr mitgehen. Frau Schwarzer möchte Sadomaso-Sex verbieten. Frauen sind aber total masochistisch, das wird auch sie nicht ändern können. Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege.

SPIEGEL: Ist Alice Schwarzer in Ihren Augen zu alt, um eine gute Feministin zu sein?

Roche: Sie wird dem Menschen in der Frau nicht mehr gerecht. Ich finde es schrecklich, dass es für so etwas Wichtiges wie Feminismus nur diese Frau gibt.

SPIEGEL: Wenn es um einen modernen Feminismus geht, der Hedonismus und Materialismus nicht nur nicht ausschließt, sondern als Teil der Selbstverwirklichung der Frauen begreift, dann wird oft der Popstar Madonna als Vorbild genannt. Sehen Sie sich als eine Verehrerin?

Roche: Diese Frau kann für mich kein Vorbild sein, weil sie sich weigert zu altern. Es hat etwas Erbärmliches, wenn eine Frau mit 50 sich an die Jugend klammert.

SPIEGEL: Taugt Angela Merkel als Vorbild?

Roche: Mein Feminismus ist nicht farbenblind. Frau Merkel ist meiner Meinung nach einfach in der falschen Partei. Wenn ich eine Heldin nennen soll, dann ist das Maude aus dem Film "Harold und Maude": Das ist eine fast 80-jährige, radikale Kämpferin mit langen Haaren, die Sex mit einem 20-Jährigen hat.

SPIEGEL: Im echten Leben sind Sie verheiratet und Mutter einer fünfjährigen Tochter. Wie hat die Feministin Roche die Kinderbetreuung in ihrem Hause organisiert?

Roche: Mit einer Kinderfrau und einem vernünftigen Zeitmanagement. Die Leute fragen sich, wie man es schafft, Feministin zu sein und trotzdem mit Männern zusammenzuleben. Meine Antwort lautet: Man muss sich als Frau mit einem Feministen zusammentun. Wenn der Ehemann selber Feminist ist, läuft alles glatt.

SPIEGEL: Ein feministischer Mann: Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Roche: Der feministische Mann schließt keine Arbeit mit der Begründung aus, dass er ein Mann ist. Meine Männer haben immer mehr im Haushalt gemacht als ich. Mein Mann backt sogar wie eine Weltmeisterin.

SPIEGEL: Sie werden demnächst 30. Ihr wohl berühmtester Moment als TV-Moderatorin war der, als Sie den Popstar Robbie Williams fragten, ob er sein eigenes Sperma schon mal geschluckt habe. Ist es manchmal anstrengend, so frech zu sein?

Roche: Ich freue mich, diese Geschichte über mich nun zu korrigieren. Robbie Williams war an diesem Tag kaum ansprechbar, er wirkte betäubt, ich glaube, er war auf Psychopharmaka. Auf die zugegebenermaßen öde Frage, was er privat für Musik höre, kam die Antwort: "In meinem Auto läuft nur meine eigene Musik." Mir ist daraufhin der spontane, inhaltlich aber durchaus sinnvolle Spruch unterlaufen: "Als Musiker seine eigene Musik zu hören, das ist ja wie sein eigenes Sperma zu trinken." Also, ich bin gar nicht so frech.

SPIEGEL: Als Moderatorin wirkten Sie frischer und subversiver, als es im Massenmedium Fernsehen sonst erlaubt ist. Zeitweise haben Sie es geschafft, eine Minderheitenposition, den Standpunkt des Hipsters, im Fernsehen zu behaupten. Nach zehnjähriger Karriere als Außenseiterin im Fernsehen - wie lautet Ihr Fazit?

Roche: Es war unglaublich anstrengend. Ich bin ja bei jedem Sender, egal ob Viva 2, ProSieben oder Arte, im schlimmsten Streit gegangen. Es ging darum, mein Format, meine Freiheit gegen den Stumpfsinn der Bürokraten zu verteidigen: selber schneiden, selber bestimmen dürfen, was ausgestrahlt wird. Es ist der klassische Konflikt: Coole Leute wie früher Harald Schmidt, die haben sich immer verweigert.

SPIEGEL: Ist das Fernsehen für Sie eine abgehakte Sache? Ihre Show "Wahrheit oder Pflicht" war nur noch im Internet zu sehen.

Roche: Ich versuche es demnächst noch einmal mit einer schönen Sache bei 3sat. Das Konzept ist: Ich treffe unvorbereitet auf einen mir fremden Menschen mit einem mir noch fremderen Beruf. Die erste Sendung heißt "Charlotte Roche unter Jägern".

SPIEGEL: Eine Skandalautorin, klingt das gut für Sie?

Roche: Wenn ich Französin wäre, dann wäre das schick. Aber eine deutsche Skandalautorin? Das klingt gefährlich nach Eva Herman.

SPIEGEL: Frau Roche, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Moritz von Uslar und Claudia Voigt.

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