AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2008

Frauen: "Ich bin gar nicht so frech"

Die TV-Moderatorin Charlotte Roche über ihr Romandebüt "Feuchtgebiete", eine Altersgrenze für Feministinnen und die Kunst, im Fernsehen zugleich klug und erfolgreich zu sein.

SPIEGEL: Frau Roche, Ihr Buch beginnt mit dem Satz: "So lange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden." Wie lange haben Sie an diesem Satz gefeilt?

Liebespaar am Strand: "Keine Ahnung, wo gutes Benehmen für Frauen aufhört"
DPA

Liebespaar am Strand: "Keine Ahnung, wo gutes Benehmen für Frauen aufhört"

Roche: Nicht lange. Aber das waren tatsächlich die ersten Worte, die ich hingeschrieben habe.

SPIEGEL: Warum überhaupt ein Roman?

Roche: Es hatte erst ein Sachbuch werden sollen: Charlotte Roche empfiehlt Frauen, wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben. Das kam mir dann aber zu plump vor. Eine Romanfigur war schon deshalb besser, weil sie sich grotesker aufführen kann als die Privatperson Charlotte Roche.

SPIEGEL: Ihr Roman erfüllt nahezu alle Kriterien des klassischen Skandalromans. Haben Sie den Tabubruch gezielt mit einem Verleger oder Literaturagenten geplant?

Roche: Das sieht jetzt vielleicht so aus, als hätte ich mir die drei, vier Themen überlegt, die eine Leserschaft heute noch vor Scham blass werden lassen. Dabei lief alles ganz unschuldig ab. Ich habe mich auf das besonnen, was ich gut kann: Das ist hingucken und anfassen. Und ich habe versucht, über das zu schreiben, was mich wirklich etwas angeht: über weibliche Flüssigkeiten und betörende Gerüche.

SPIEGEL: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, für den der Roman ursprünglich konzipiert war, hat von der Veröffentlichung abgesehen, mit der Begründung, Ihr Buch sei pornografisch. Haben Sie einen Porno geschrieben?

Roche: Vielleicht ist es wirklich ein Porno geworden, das wäre schön. Im Ernst, die Frage ist doch, was ist Pornografie? In Filmen sind das ein erigierter Penis und eine weit geöffnete Scham, die beim Vollzug des Geschlechtsaktes gezeigt werden, wobei der Mann derbe abgeht und die Frau die Unterlegene spielt. So kommt das in meinem Buch nicht vor. Mir geht es eher um Masturbation und die Erforschung des eigenen Körpers.

SPIEGEL: Ein Schlüsselthema des Romans ist die Körperpflege. Ihre Hauptfigur Helen propagiert die Lust am eigenen Körpergeruch. Was ist so schlimm daran, wenn ein Mensch sich gern wäscht?

Roche: Eine Grundidee war: Hass auf Parfums, Hass auf Deos. Als Menschen sind wir ursprünglich darauf angelegt, im Geruch des anderen den potentiellen Sexualpartner zu suchen und zu erkennen. Indem wir uns künstlich parfümieren, nehmen wir uns eine Quelle der Lust. Ich möchte das Geschlechtsteil des Mannes durch seine Hose hindurch riechen.

SPIEGEL: Ist der Körper, entgegen der vorherrschenden Meinung, noch ein geheimnisvolles, ein unerforschtes Gebiet?

Roche: Bei Frauen ja.

SPIEGEL: Viele beklagen die Übersexualisierung der Gesellschaft. Sie nicht?

Roche: Ich bin für mehr Sex - mehr Schweinereien, keine Tabus. Ich glaube, dass es vom echten Sex, dem Sex, der riecht und schmeckt und schmutzige Geräusche macht, nie genug geben kann. Das Pin-up, das ich auf einem C & A-Plakat sehe, wenn ich mein Kind zum Kindergarten fahre, das stört mich auch. Schon deshalb, weil es den Sex langweiliger, flacher, spießiger und unaufregender darstellt, als er in Wirklichkeit ist.

SPIEGEL: War es eine Befreiung für Sie, Ihre Phantasien aufzuschreiben?

Roche: Auf jeden Fall.

SPIEGEL: Was genau hat sich da befreit?

Roche: Meine Themen sind die, die alle beschäftigen, nur fehlen uns für diese Themen die Worte. Es gibt Frauen, die nicht einmal ein Wort für ihr eigenes Geschlechtsteil haben. Männer sind da besser. Ich sehe es als meine Aufgabe an, dort hinzusehen, wo andere nicht hinsehen. Dorthin, wo die Sprache versagt. Frauen haben nach der Lektüre meines Buches gesagt: Jetzt ist mir nichts mehr peinlich.

SPIEGEL: Der männliche Leser, der bei der Lektüre Ihrer Sex-Prosa scharf wird, stellt der ein Problem für Sie dar?

Roche: Den finde ich gut! Ein Freund, der den Roman noch im Zustand loser Blätter in einem Café gelesen hat, sagte, er musste aufhören, weil er eine Erektion bekommen hat. Da geht mir ein Grinsen über die Backen. Ich sehe meinen Roman ja durchaus als Masturbationslektüre: Es gibt eine nachdenkliche Ebene, und es gibt die Ebene, die Männer und Frauen aufgeilen soll.

SPIEGEL: Die Frage, die sich der Leser etwa ab Seite drei stellt, lautet: Wie viel ist erfunden? Lesen wir über den Sex und die Masturbationsphantasien Ihrer Heldin oder die der Charlotte Roche?

Roche: Etwa 30 Prozent sind erfunden, etwa 70 Prozent bin ich.

SPIEGEL: Dafür gehen Sie allerdings erstaunlich hart und deutlich zur Sache. Schämen Sie sich denn gar nicht?

Roche: Ich bin das Gegenteil von locker. Natürlich habe ich Schamgefühle. Ich hatte beim Schreiben oft das Gefühl, gerade Dinge zu formulieren, für die man als Frau auf der Straße gesteinigt wird.

SPIEGEL: In einem schon fast altmodischen Sinn scheint Ihr Roman eine Mission zu haben. Können Sie die formulieren?

Roche: Mission klingt scheußlich. Aber wenn ich einen zarten Appell formulieren darf, dann so: Ich hätte gerne, dass es auf Frauen einen weniger großen Druck gibt, sich komplett zu enthaaren. Frauen rasieren sich aus einem vorauseilenden Gehorsam. Ich glaube, dass sogar Männer über ein paar weibliche Schamhaare ganz dankbar wären, weil sie ja mit Frauen, nicht mit Kindern schlafen wollen.

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