AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2008

Bildung Bunter Prophet

Ein schrill tätowierter Sozialarbeiter aus Arizona bringt Problemschülern und jugendlichen Gefangenen mit simpler Pädagogik Anstand bei.


Kranichstein, eine triste Hochhaussiedlung im Norden Darmstadts: Zwischen Sperrmüllsofas und Kickertisch warten im Gemeindezentrum des Viertels rund 40 Jugendliche auf den Star des Nachmittags. Ein Plakat an der Wand kündigt ihn an: "Scary. The New Face of Love".

Der so vorgestellte schwarz gekleidete Hüne, der unter Jubel auf die kleine Bühne tritt, sieht in der Tat furchterregend aus: Tattoos in allen Farben bedecken Gesicht und Hals, Ohren, Augenbrauen und Nasenwurzel sind mit Metallstiften durchtackert, die Zahnleiste golden überkront.

Motivator Kaufmann: "Was glaubt ihr, wer ich bin?"
Martin Leissl

Motivator Kaufmann: "Was glaubt ihr, wer ich bin?"

Nur seine Worte passen nicht recht zur martialischen Erscheinung: "Ich höre, dass sich junge Leute überall auf der Welt weh tun", sagt er mit sonorer Stimme. "Das bricht mir wirklich das Herz."

Der Amerikaner Earl Kaufmann, 54, ist ein Pädagoge der etwas anderen Art: Unter dem Künstlernamen "The Scary Guy" ("furchterregender Kerl") reist der Ex-Tätowierer aus Tucson im US-Bundesstaat Arizona seit zehn Jahren um die Welt und lehrt Toleranz, Gewaltfreiheit und Selbstbeherrschung.

Der Wanderprediger mit der Kriegsbemalung ist gewissermaßen der verkörperte Gegenentwurf zum desillusionierten Lehrer oder Sozialarbeiter: Er wählt große Gesten statt kleiner Schritte, Pathos statt mühseliger Überzeugungsarbeit.

In den USA und in Großbritannien ist Scary Guy eine Berühmtheit. Schulen, Jugendheime oder Gefängnisse buchen ihn für Auftritte, die eine Mischung aus Ein-Mann-Comedy, Mitmach-Show und donnernder Kanzelrede sind. Vor über fünf Millionen Menschen hat er nach eigener Statistik bereits gesprochen, kürzlich arbeitete er während eines einwöchigen Besuchs in Hessen und Rheinland-Pfalz zum ersten Mal mit deutschen Schülern.

Sein Konzept ist so simpel, dass es bei etablierten Lehrkräften meist Naserümpfen auslöst: Krawallschüler? Die gibt es für ihn nicht. "Keiner ist von sich aus schlecht." Vermittlungsprobleme? "Kinder sind offener und nehmen schneller auf. Man muss ihnen nur die Wahrheit erzählen."

Kaufmann drückt das vermeintlich Selbstverständliche so aus, dass es Eindruck hinterlässt: "Ich achte alle Menschen, ob sie nun braun, gelb oder buntgescheckt sind wie ich selbst", ruft er und sorgt damit für Lacher. Menschliche Nähe inszeniert er als Mutprobe: "Wer traut sich, herzukommen und mich zu umarmen?" Seine Definition von Lässigkeit lautet: "Wer wirklich cool ist, löst Konflikte auf friedliche Weise."

Das verfängt ausgerechnet bei solchen Jugendlichen, die in der Bildungsstatistik zumeist als Sorgenkinder auftauchen: männliche Teenager aus, wie es im Pädagogensprech heißt, "bildungsferneren Schichten", zumeist mit "Migrationshintergrund". Ihnen wird angelastet, jede Pisa-Statistik zu versauen und einen Gutteil der Gewalt an Schulen zu verursachen.

Notorische Störer zieht der Besserungsbotschafter mit seinem Anschauungsunterricht in Schulen oder Sporthallen schnell in den Bann. Binnen weniger Minuten verstummen die Zwischenrufe, nach der Show stehen die Jungs Schlange, um sich eine Umarmung abzuholen. "Am Anfang hatten wir ein bisschen Angst, aber das war ja auch ein Vorurteil", erzählen die Brüder Meer und Behrang Mohsin, 12 und 14 Jahre alt.

"Er kommt an eine Klientel heran, die sich ansonsten jedweder Belehrung verweigert", sagt Schulleiter Michael Hüttenberger, der den Motivator an die Darmstädter Erich-Kästner-Schule holte. So sei es zumeist sinnlos, Problemschüler aus arabischen Familien zu Reue und Einsicht bewegen zu wollen - eine demütige Haltung gelte den heranwachsenden Männern aus diesem Kulturkreis als Gesichtsverlust.

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Robert Hörnig

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"Jugendliche brauchen positive Vorbilder, einfache Botschaften, an denen sie sich orientieren können", meint Hüttenberger. Deshalb passe die Show gut zum Konzept seiner Schule, an der unter den Schülern rund 40 Nationen vertreten sind.

"Scary Guy ist absolut authentisch und unvoreingenommen", sagt Andreas Krauß, Vorsitzender des Sozialförderungs-Vereins Rope, das komme gut an. Krauß war auf Kaufmanns Erfolge in Großbritannien und den USA aufmerksam geworden und holte den Amerikaner nach Deutschland.

Der Selfmade-Pädagoge sichert sich Zusprache, indem er geschickt mit Erwartungen spielt: "Was glaubt ihr, wer ich bin?", fragt er sein Publikum: "ein Rocker, ein Wrestler, ein Knastbruder?" Er sei noch nie ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, stellt Kaufmann klar.

Viele fühlen sich ertappt. Doch solche Assoziationen sind die ideale Vorlage für seine Botschaft: "Wenn du schlecht über mich denkst oder redest, dann ist das dein Problem, nicht meines", sagt er. "Ich brauche das Spiel nicht mitzumachen." Das ist auch das Motto seines eigenen Lebens: Vom Vater erbte er eine Schwäche für Körperbemalung. Mit 30 Jahren ließ sich Kaufmann einen kleinen Drachen stechen, das nächste Motiv folgte gleich am nächsten Tag. Dutzende weitere Bilder kamen hinzu, mittlerweile ist fast sein gesamter Körper bedeckt.

Er arbeitete als Computerverkäufer, war aber die Hänseleien der Kollegen leid und schuf unumkehrbare Tatsachen: Tätowierungen auf Gesicht und Hals sorgten dafür, dass er nicht mehr in die Bürowelt zurückkehren konnte. Fortan verdingte er sich selbst als Tätowierer.

Doch die Demütigungen gingen weiter. Die Leute wechselten die Straßenseite, wenn sie ihn sahen, er flog aus Bars und Restaurants. "Sie hielten mich für einen Drogendealer, Mörder - oder zumindest für einen Verrückten", erzählt Kaufmann.

Als sein Konterfei mit einem Begleittext über "furchterregende Typen" mit Tätowierungen erschien, reichte es Kaufmann. Er sicherte sich seinen Künstlernamen und ging auf Mission: "Ich will um die Welt reisen und anderen Leuten zeigen, wie sie sich gegenseitig richtig zu behandeln haben."

Den Darmstädter Jugendlichen stellt er die Einstiegsaufgabe, sieben Tage lang keine bösen Worte über ihre Mitschüler zu verlieren. "Ihr werdet sehen, das stehen nur die ganz Harten durch."



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