AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2008

Strafrecht Gefährliche Liebe

Muss Sex zwischen nahen Verwandten bestraft werden? In Kürze entscheidet das Bundesverfassungsgericht, ob Inzest auch künftig bis ins Gefängnis führt. Es geht um ein Geschwisterpaar aus Sachsen, das vier Kinder miteinander hat.


Auf den ersten Blick hat das Paar nichts Besonderes an sich. Wie andere Eltern auch schlendert es mit Kind und Hund durch den sonnigen Park.

Doch wenn sich die beiden Erwachsenen vertraut in den Arm nehmen, fällt die große Ähnlichkeit zwischen ihnen auf: Sie haben die gleiche markante Nase, die gleichen blaugrünen Augen, die gleichen schmalen Lippen. Patrick S. und Susan K. sind Geschwister, sie sind ein Inzest-Paar, sie sind das Inzest-Paar.


Seit Susan von Patrick schwanger und ihre Beziehung aktenkundig wurde, sehen sich die beiden staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Ihr Fall rührt an ein uraltes Tabu, er ist exotisch und zwangsläufig auch tragisch: Denn auf "Beischlaf zwischen Verwandten" steht nach Paragraf 173 des deutschen Strafgesetzbuchs Geld- oder Freiheitsstrafe - das gilt auch für Geschwister, sobald sie volljährig sind.

Gut zwei Jahre lang saß Patrick S. wegen der Liebe zu seiner Schwester schon im Gefängnis, mehr als ein Jahr steht ihm mindestens noch bevor - wenn nicht das Bundesverfassungsgericht jetzt zu seinen Gunsten entscheidet: Das Urteil soll in Kürze ergehen.

Jede Strafnorm, das verlangt die Verfassung, bedarf einer sachlichen Rechtfertigung. Beim Inzest-Paragrafen jedoch, heißt es bereits im Standardkommentar der Richter und Staatsanwälte, sei "eine Legitimation der Strafdrohung fraglich".

Dass der Karlsruher Vizepräsident Winfried Hassemer solche Bedenken teilt, zeigt schon die lange Fragenliste, die Hassemer an das Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (MPI) schickte - zurück kam ein rund tausend Seiten starkes Gutachten.

Die Kernfrage lautet: Reicht der Schutz eines Tabus, einer mächtigen Moralvorstellung aus, Strafe zu rechtfertigen? Und gibt es Gründe jenseits der Moral, einen Menschen hinter Gitter zu sperren, was auch bedeuten kann, Kindern den Vater wegzunehmen, einer Frau den Mann?

Die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen ist bereits durch andere Normen geschützt - unabhängig von etwaiger Verwandtschaft. Beim Inzest zwischen selbstbestimmten Partnern dagegen gibt es kein Opfer, das man vor einem Täter schützen muss: Sobald sie erwachsen ist, wird sogar eine Tochter, die mit ihrem Vater schläft, als Täterin bestraft.

Als Verbrechen ohne Opfer ist der Inzest-Paragraf der Prototyp einer im Ursprung moralisch begründeten Norm: einer Norm, die über eine evolutionsbedingte Scheu zu einem mächtigen Tabu und schließlich zu einem Strafgesetz wurde.

Etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung machen nach Schätzungen des Freiburger Max-Planck-Instituts "inzestuöse Erfahrungen". Verurteilungen wegen inzestuösen Beischlafs gibt es in Deutschland meist weniger als zehn pro Jahr. Zum Vergleich: Wegen sexuellen Missbrauchs wurden zuletzt mehr als 2400 Personen verurteilt.

Meist geht es bei Inzest-Prozessen um Übergriffe des Vaters auf die minderjährige Tochter, die ohnehin als "sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen" strafbar sind. Auch bei Geschwister-Inzest, laut MPI "extreme Einzelfälle", geht es meist um Missbrauchsdelikte.

Der Fall von Susan K. und Patrick S. dagegen ist hierzulande einer der seltenen gerichtsnotorischen Fälle von Geschwisterliebe ohne Missbrauchshintergrund.

Patrick S. kommt 1976 in Leipzig zur Welt, als zweites von fünf Kindern, Susan K. acht Jahre später. Obwohl sie leibliche Geschwister sind, wachsen die beiden völlig getrennt voneinander auf.

Der Vater ist Alkoholiker und gewalttätig. Als der damals drei Jahre alte Patrick mit seinem Bruder Fangen spielt, packt ihn sein Vater und hält ihm ein scharfes Messer an die Kehle. Patrick sagt, er könne sich heute noch daran erinnern.

Nachbarn beobachten die schreckliche Szene, holen die Polizei. Patrick kommt erst in ein Heim, dann zu Pflegeeltern nahe Potsdam. Die adoptieren ihn, werden für ihn Mutter und Vater - auch wenn sie ihm später erklären, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind. Patrick geht auf die Förderschule, macht eine Schlosserlehre, scheitert nur an der theoretischen Prüfung.

Patrick S. ist ein zurückhaltender, schüchterner Mensch. Wenn er redet, schlägt er immer wieder die Augen nieder, erzählt seine Geschichte mit sparsamen Worten und sanfter Stimme.

Sein Verhängnis beginnt damit, dass er sich mit 23 Jahren ans Jugendamt wendet, er sucht Kontakt zu seiner leiblichen Mutter. Wenige Tage später klingelt das Telefon: "Hier ist deine Mutti."

Am 20. Mai 2000 fährt er nach Leipzig, um zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren seine Mutter wiederzusehen. Nach und nach erfährt er, dass die Eltern sich längst getrennt haben, die drei anderen Geschwister schon verstorben sind - und dass das 16-jährige Mädchen, das ihn da am Wohnzimmertisch mit großen Augen anschaut, seine Schwester ist.

Susan K. ist geistig leicht zurückgeblieben, auch sie hat eine Förderschule besucht, allerdings nicht abgeschlossen. Zu ihrem Bruder schaut sie auf, weil er im Vergleich zu ihr so kompetent und so erfahren ist.

Eigentlich soll der Besuch nur eine Woche dauern, doch seine Mutter bittet ihn, länger zu bleiben. Patrick S. sagt ja, "ich habe mich da hingezogen gefühlt". Alles andere gibt er auf: einen Job in Berlin, die Beziehung zu seiner damaligen Freundin.

Zu fünft leben sie in der Vierzimmerwohnung in einem Plattenbau bei Leipzig; der Stiefbruder hat ein eigenes Zimmer, das andere teilt sich Patrick mit seiner Schwester, es ist ja nichts dabei. "Keine Gedanken" hätten sie sich darüber gemacht, sagt Patrick S., "das tut man ja auch nicht, wenn man in den Urlaub fährt".

Mit dem Stiefvater gibt es immer wieder Krach, mit der Mutter dagegen schmieden die Geschwister Pläne, wollen wegziehen, träumen von einem Neuanfang.

Das ändert sich schlagartig am 12. Dezember 2000. Die Mutter ist im Bad, da hören die Geschwister ein Krachen und finden die Mutter am Boden, tot. Patrick S. schlägt noch heute die Hände vors Gesicht und weint, wenn er davon spricht.

Die Frau war herzkrank, doch woran sie genau starb, ist bis heute unklar.

"Dass wir die Mutter verloren haben", sagt Patrick, "haben wir nicht verkraftet." Davor war das Verhältnis zu seiner Schwester "eigentlich ganz normal". Nach dem Tod der Mutter, sagt er, "ist die Bindung untereinander stärker geworden, weil wir doch die einzigen Kinder waren, die von unseren Eltern übrig geblieben sind". Trotzdem bekommt offenbar zunächst niemand mit, wie das Verhältnis zwischen beiden intim wird, dass Bruder und Schwester schließlich miteinander schlafen.

Dabei besteht zwischen nahen Verwandten eigentlich eine sogenannte Inzest-Scheu, die letztlich auf biologische Wurzeln zurückgeht. Auch viele Wirbeltiere präferieren meist Partner, deren Immunsystem sich von ihrem unterscheidet; Tiere, aber auch der Mensch, nehmen diesen Unterschied gewöhnlich unbewusst über den Geruch wahr. Die Evolution befördert diese Vorliebe, weil so die Immunabwehr der Nachkommen vielseitiger wird.

Dennoch gab es offenkundig schon früh auch das Phänomen inzestuösen Begehrens - das zeigt schon dessen weitverbreitete Tabuisierung. Denn seit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, gilt: Verbote entstehen nur dort, wo es den Wunsch zur Übertretung gibt.

Nicht für jedes Tabu muss sich aber gleich der Staat interessieren. In Frankreich wurde bereits im Jahr 1810, mit dem Strafgesetzbuch Napoleons, der Inzest für straflos erklärt. Den Anstoß lieferte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in der französischen Revolution: "Das Gesetz hat nur das Recht, solche Handlungen zu verbieten, die der Gesellschaft schädlich sind." Ein solcher Schaden lässt sich beim einverständlichen Inzest aber nicht feststellen - oder nur sehr schwer.



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