AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2008

Schule: "Ist Nagellack verboten?"

Von Beate Lakotta

Deutschsprachiger Islamunterricht für muslimische Schüler hilft bei der Integration und beim Spracherwerb. Kultusminister wollen das Fach flächendeckend einführen.

Zwei Wochen war die Lehrerin krank. Doch die Mädchen und Jungen stürzen auf sie zu, als wäre sie ein Jahr lang fort gewesen: "Frau Kaddor, da sind Sie ja wieder", rufen Umut, Ebru, Sibel und Gülçin durcheinander. "Frau Kaddor, gucken Sie, ich war in Solarium, meine Nase hat Sonnenbrand", "Frau Kaddor, kommen Sie, der Mario und der Onur ..."

Islamkunde (in Hannover): "Religion ist oft das einzig Positive für die eigene Identität"
DPA

Islamkunde (in Hannover): "Religion ist oft das einzig Positive für die eigene Identität"

Inmitten der Mädchen, die auf dem Pausenhof den Arm um sie legen, könnte Lamya Kaddor, 29, auch als große Schwester durchgehen. Es gibt nicht viele Lehrer in der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken-Lohberg, die so stürmisch geliebt werden, selbst von den pubertierenden Jungs mit der Baseballkappe tief im Gesicht: "Weil sie eine von uns ist", erklärt Hüseyin stolz.

In Dinslaken-Lohberg machte vor zwei Jahren der Schacht dicht; wer konnte, zog weg. Im Edeka kaufen fast nur Türken. Die drei Moscheen sind auch wochentags gut besucht; von den wenigen Deutschen, die hier leben, sind viele aus Russland gekommen. Kaddors Eltern wanderten einst als Gastarbeiter ein, aus Syrien: "Wir landeten im Ghetto, aber meine Mutter hat dafür gesorgt, dass wir dort rauskamen."

Kaddor ist mit einem Studienkollegen verheiratet, einem zum Islam konvertierten Deutschen. Sie betet und fastet genauso wie ihre Schüler, spricht Deutsch, Arabisch und Türkisch. An der Universität Münster bildet Kaddor am bundesweit ersten Lehrstuhl für die Religion des Islam angehende Lehrer aus. Deutschlands Integrationsbeauftragte träumen von Bürgern wie Lamya Kaddor.

An der Glückauf-Hauptschule unterrichtet sie "Islamkunde in deutscher Sprache". Noch sind es sehr wenige Schulen, an denen dieses Fach gelehrt wird. Aber an diesen wenigen Orten zeigt sich, wie segensreich es auf Migrantenkinder wirkt. Endlich mal sind die muslimischen Schüler Experten, das ist gut fürs Selbstbewusstsein. Und wer auf Deutsch über das Jenseits oder den Sinn von Almosen diskutiert, übt zugleich seine Ausdrucksfähigkeit.

Wo es Islamunterricht gibt, das beweist auch ein Modellversuch an niedersächsischen Grundschulen, dort kommt es auf dem Schulhof seltener zum Gerangel zwischen Arabern und Türken. Mütter und sogar Väter muslimischer Schüler kommen neuerdings zum Elterngespräch, bringen Kichererbsenbällchen für das Schulfest mit und begleiten die Klassenfahrt.

Für viele muslimische Eltern in Lohberg war die neue Religionslehrerin zuerst ein Schock: eine Frau, jung, kein Kopftuch, nicht türkischstämmig. Trotzdem wurde kein einziges Kind vom Unterricht abgemeldet, und Lamya Kaddor ahnt, warum: "Hier ist Religion oft das einzig Positive für die eigene Identität."

Deswegen besuchen fast alle Schüler die Koranschule. Dort wird das bloße Intonieren arabischer Laute gelehrt, manchmal unter Androhung der Prügelstrafe. Kaddor vergleicht das mit der lateinischen Liturgie: "Die hat auch jahrhundertelang keiner verstanden." Der Islamunterricht ergänzt nun die Koranschule. Mustafa erklärt es so: "In der Moschee lernen wir Koran lesen, alles andere lernen wir bei ihr."

Die erste Lektion: Frauen steht Autorität zu; unwahrscheinlich, dass sich diese Lehrerin von ihrem Mann unterdrücken ließe. Aber vor allem lernen die Kinder, Fragen zu stellen - in den meisten Koranschulen undenkbar: "Ist Nagellack im Koran verboten?" - "Muss ich ein Kopftuch tragen, wenn mein Mann das will?" - "Stimmt es, dass Ungläubige in die Hölle kommen?" - "Was sagt der Koran über Ehre?"

Dann versucht Kaddor klarzumachen, dass es wichtig ist, etwas über die Zeit zu wissen, in der die heilige Schrift entstand. Und dass man als moderner Muslim manches darin anders verstehen kann, zum Beispiel den Vers über die Ungläubigen: "Tötet sie, wo immer ihr sie findet." Damit, so erklärt Kaddor, meinte Allah zu Mohammeds Zeit die Bewohner eines bestimmten feindlichen Dorfs. Es war keine Kampfansage an alle Nichtmuslime, wie Hassprediger glauben machen wollen.

Manchmal gelangt aber auch Kaddor an ihre Grenzen: Als sie mit ihren Schülern über den Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh sprach, der einen in den Augen vieler Muslime gotteslästerlichen Film gedreht hatte, fanden es einige ganz in Ordnung, dass man "das Schwein abgestochen" habe. Und neulich hat ein Junge gefragt, ob nicht im Koran stehe, dass jeder Muslim die Pflicht habe, Juden zu töten. "Gut, dass du fragst", hat Kaddor geantwortet, "aber glaubst du, Allah hat nichts Besseres zu tun, als die Menschen gegeneinander zu hetzen?"

Inzwischen fragt sich Kaddors Schulleiter Hans-Jakob Herpers, warum man nicht früher auf dieses Fach gekommen ist, zumal der erste Antrag auf islamischen Religionsunterricht von 1978 stammt. Es muss wohl etwas damit zu tun haben, dass die Deutschen lange meinten, ihr Land sei kein Einwanderungsland - obgleich mittlerweile über drei Millionen Muslime hier leben, mit 800.000 schulpflichtigen Kindern.

In den Ministerien hingegen sieht man das Versäumnis bei den Muslimen: Zwar seien nicht nur Menschen, sondern auch Religionen eingewandert - aber eben leider keine von oben nach unten durchorganisierte Glaubensgemeinschaft, wie es Katholiken und Protestanten sind. Es gibt Schiiten, Sunniten und Aleviten, sie bilden lokale und regionale Verbände, die sich untereinander nicht grün sind; einige gelten als radikal islamistisch; und die allermeisten Muslime sind überhaupt nicht organisiert, weil der Islam traditionell keine Hierarchien kennt - keinen Papst, keinen Bischof, keine Synode.

Aber wenn jeder Imam in seiner Koranschule nach eigenem Gusto lehren darf, mit wem soll man da als Beamter im Schulministerium Lehrpläne für den Religionsunterricht aushandeln - oder gar Hochschul-Curricula für Religionslehrer?

Doch nun bewegen sich beide Seiten: Im März 2007 gründete sich der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland. Und die Schulminister mehrerer Bundesländer erklären mittlerweile, den Islamunterricht flächendeckend zum regulären Schulfach ausbauen zu wollen.

Bildungspolitiker, die das Feld nicht länger den Moscheen überlassen möchten, stehen allerdings vor einem hausgemachten Problem: Woher sollen die Lehrer kommen, wenn zurzeit nur 2,3 Prozent aller muslimischen Schüler das Abitur schaffen, und diese wenigen oft mit einem Notenschnitt, der nicht für die Uni reicht?

Heute unterrichten gerade mal rund 120 Islamlehrer auf Deutsch, 80 davon in Nordrhein-Westfalen. Und selbst dort würden achtmal so viele Lehrer gebraucht. Auch wenn sich jetzt in Münster, Erlangen und Osnabrück ein paar Dutzend Studenten eingeschrieben haben - es wird noch Jahre bis zu ihrem Abschluss dauern.

Einstweilen hat Kaddor an einem Leitfaden für den Umgang mit muslimischen Schülern mitgearbeitet. Darin ist zum Beispiel zu lesen, dass aus islamischer Sicht ein Mädchen den Schwimmunterricht durchaus mitmachen kann, zur Not im Ganzkörperbadeanzug. Und dass man selbst streng religiöse Eltern davon überzeugen kann, ihre Kinder mit auf Klassenfahrten zu schicken, wenn man ihnen verspricht, dass die Kinder beten können, dass es kein Schweinefleisch und keinen Alkohol gibt, und ihnen erklärt, dass auch die deutschen Eltern kein Drunter und Drüber zwischen Jungs und Mädchen wollen.

Islamunterricht (in Hannover": "Allah" steht auf dem Pappschild
www.GREGORSCHLAEGER.de

Islamunterricht (in Hannover": "Allah" steht auf dem Pappschild

Theoretisch könnten in solchen Fragen jene Lehrer vermitteln, die Migrantenkindern an deutschen Schulen schon seit Jahrzehnten "muttersprachlichen Ergänzungsunterricht" erteilen. Doch die Türkei entsendet hierfür vorzugsweise ältliche Männer, die von der Lebenswelt ihrer Schüler keinen Schimmer haben und meist kein Deutsch sprechen. Eigentlich sollen diese Lehrer auch etwas über Religion vermitteln. Doch in der Praxis bekommen die Kinder schon mal eine Türkeikarte zum Ausmalen, der Lehrer holt die "Hürriyet" aus der Aktentasche und liest bis zum Gong die Zeitung.

Als Kaddor hier zu unterrichten begann, glaubten manche Kinder, Mohammed sei in Istanbul geboren und Atatürk ein Prophet.

Schulleiter Herpers ist inzwischen überzeugt: "Wer Integration will, der muss auch Islamunterricht geben. Man hat das lange verschlafen, aber die Deutschen können das ja nicht ..."

"Ich bin Deutsche", sagt Kaddor.

"Äh, ja klar", sagt Herpers.

Die Lehrerin ordnet noch rasch ein paar Kopien: Weil bislang keine für die Schule brauchbare Übersetzung des Koran existiert, hat Kaddor kurzerhand die Verse des
heiligen Buchs selbst neu sortiert, übersetzt und erläutert - eine ziemlich revolutionäre Tat in der islamischen Welt. Bisher hatte sie mit den Hodschas der Dinslakener Moscheen keine Probleme. Sie hofft, dass das so bleibt, wenn demnächst ihre Koranübersetzung erscheint.

Heute steht in der zehnten Klasse ein schwieriges Thema an: das Gottesverständnis. "Er ist der Eine Gott", heißt es in Sure 112. "Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt." Stirnrunzeln in den Bänken: Wie ist das mit dem Zeugen zu verstehen? "Er kann keine Kinder kriegen", schlägt Umut vor. Aber wieso soll Gott ausgerechnet das nicht können? Lamya Kaddor liest ihre eigene Übersetzung vor: "Gott hat weder Kinder gezeugt, noch ist er selbst gezeugt worden." Die Sure spiele auf die Christen an, die glauben, Gott habe einen Sohn, der zugleich Mensch ist.

"Es ist interessant, was über andere Religionen zu lernen", findet Gülçin. Sie ist die einzige Schiitin der Klasse. Auch das war schon Thema, und am Ende haben sie keine vernünftige Antwort auf die Frage gefunden, warum sich anderswo die Muslime gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Eine andere Frage, die zurzeit die Politik bewegt, hat sich an der Glückauf-Hauptschule längst erledigt: "Was haltet ihr davon, wenn wir Islamunterricht auf Türkisch machen?", fragt die Lehrerin.

"Nein! Deutsch ist für uns total wichtig", wehrt Sibel empört ab. "Wir müssen besser reden lernen, sonst nehmen die uns nicht, später, wenn wir arbeiten wollen." - "Ich kann gar kein Türkisch", gibt Sana aus Marokko zu bedenken. - Und Hüseyin ruft: "Ey, Mann, was soll das! Wir sind Deutschland!"

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