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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Psychologie: "Falsches Beuteschema"

Von Merlind Theile

Interview mit dem Münchner Paartherapeuten Stefan Woinoff über steinzeitliche Kriterien bei der Partnersuche und die Frage, warum Akademikerinnen oft keine Kinder kriegen.

SPIEGEL: Herr Woinoff, Sie sind Facharzt, verheiratet und haben zwei Töchter. Welchem Beuteschema ist Ihre Frau bei der Partnersuche gefolgt?

Woinoff: Als ich meine Frau kennengelernt habe, war sie 20 und ich 31, sie war Studentin und ich Assistenzarzt - ich glaube schon, dass das archaische Beuteschema da ein wenig mitgewirkt hat.

SPIEGEL: Was ist das "archaische Beuteschema"?

Woinoff: Das sind die Kriterien, nach denen man sich einen Partner auswählt. Die sind bereits in der Steinzeit entstanden, prägen uns aber bis heute. Damals fielen die körperliche Größe und der Status des Mannes praktisch zusammen: Ein großer, starker Mann hatte einen hohen Status in der Sippe, und Frauen, die sich einen solchen "überlegenen" Mann angeln konnten, hatten bessere Chancen, ihre Kinder durchzubringen.

SPIEGEL: Und Sie meinen, die paar Jahrzehnte Frauenbewegung haben an diesem Programm nichts geändert?

Woinoff: Das Paarungsverhalten hat sich über Hunderttausende von Jahren genetisch eingebrannt. Auch heute noch wählen Frauen zum Beispiel gern großgewachsene Männer, obwohl das inzwischen ja gar nicht mehr notwendig ist.

SPIEGEL: Studien belegen, dass Männer mit zunehmender Körpergröße mehr verdienen.

Woinoff: Damit sind wir wieder beim archaischen Beuteschema, das heute auf anderen Ebenen fortwirkt. Insbesondere Frauen, die eine Familie gründen wollen, neigen immer noch dazu, einen Versorger zu suchen, sprich: einen Mann, der beruflich erfolgreicher ist und mehr Geld nach Hause bringt als sie.

SPIEGEL: In Ihrem Buch fordern Sie die Frauen auf, sich dieses Beuteschemas bewusst zu werden und es hinter sich zu lassen - es sei nämlich schuld daran, dass immer mehr Frauen keinen Partner finden.

Woinoff: So ist es. Wir haben heute 56 Prozent Abiturientinnen, und auch an der Universität sind die Studentinnen auf dem Vormarsch. Doch viele Frauen haben ein falsches Beuteschema: Wenn für die Hochqualifizierten weiterhin nur Männer in Frage kommen, die beruflich mindestens so erfolgreich sind wie sie, dann wird die Luft immer dünner.

SPIEGEL: Und Kinder immer seltener? Der am häufigsten genannte Grund für Kinderlosigkeit ist, dass der geeignete Partner fehlt. Ist das Thema Partnersuche und Beziehung in der Debatte um den Geburtenrückgang bislang zu kurz gekommen?

Woinoff: Auf jeden Fall. Der Krippenausbau und das Elterngeld sind gut und wichtig, aber zuerst braucht es natürlich den richtigen Partner. Ohne den wollen die wenigsten ein Kind in die Welt setzen. Diesen Mr. Right zu finden wird jedoch immer schwieriger, wenn die Anforderungen steigen. Frauen haben heutzutage viele Ansprüche und suchen trotz eigenen Erfolgs immer noch den statusüberlegenen Mann. Und viele bleiben eben doch lieber allein, als dass sie "nach unten" heiraten.

SPIEGEL: Das liegt natürlich nicht nur an den Frauen. Sie schreiben selbst, dass viele Männer einen Bogen um besser gebildete oder beruflich erfolgreichere Frauen machen. Stattdessen suchen sie mit steigendem Alter eher jüngere Partnerinnen, die zu ihnen aufschauen. Sollten nicht lieber die Männer ihr Beuteschema verändern?

Woinoff: Natürlich müssen auch die Männer lernen, neue Rollen zu akzeptieren, ohne die Angst, dass ihre Männlichkeit darunter leidet. Aber die Sichtweise vieler Frauen schürt ja diese Angst. In Interviews wurde ich auch schon gefragt: Wollen Sie denn, dass starke Frauen jetzt so ein Hausmännchen akzeptieren? Allein das Wort "Hausmännchen"! Daran erkennt man ja schon das archaische Beuteschema: Einen Mann, der zu Hause bleibt und den ich als Frau versorgen muss, den kann ich ja gar nicht achten.

SPIEGEL: Frauen wollen keinen Mann, der Windeln wechselt und von ihrem Haushaltsgeld lebt?

Woinoff: Viele Frauen sind bei diesem Thema zwiegespalten. Einerseits soll der Mann heute zu Hause maßgeblich mitarbeiten, aber er soll gleichzeitig im Beruf sehr erfolgreich sein, weil er ja immer noch als Hauptversorger der Familie gilt. Ich glaube, keine Frau macht Luftsprünge, wenn ihr Mann beim nächsten Karriereschritt der gleichqualifizierten Kollegin den Vortritt lässt. Da klaffen die Vorstellungen von gesellschaftlicher Gleichberechtigung und dem eigenen Leben doch noch ganz schön auseinander.

SPIEGEL: Heißt das, die Emanzipation ist auf halbem Weg steckengeblieben?

Woinoff: Solange Frauen im Privaten eher einen im Status überlegenen Mann suchen, wird sich gesellschaftlich nicht viel ändern. Das persönliche Beuteschema hat ganz starke soziale Auswirkungen, zum Beispiel hinsichtlich der Überbesetzung von Führungsrollen mit Männern, weil die Frauen ihre Partner dort praktisch hineindrängen. Wenn die Frau aber für Mann und Kinder Geld verdienen muss, dann hat sie auch eine ganz andere Motivation, beruflich voranzukommen, als wenn ihr Gehalt nur ein Zubrot ist zum Verdienst des Mannes. Ich versuche, die Emanzipation sinnvoll zu Ende zu denken.


SPIEGEL:
Ihr Plädoyer für die Familienernährerin in Ehren, aber wie können sich Frauen auf diese Rolle einlassen, wenn sie deutlich weniger verdienen? Im Schnitt bekommen Arbeitnehmerinnen bei gleicher Qualifikation nur 76 Prozent des Gehalts ihrer männlichen Kollegen.

Woinoff:
Das ist richtig, und es ist auch ungerecht. Aber es ist ebenso wahr, dass junge, intelligente Frauen sich gern Berufe suchen, die ihnen in erster Linie Spaß machen. Kaum eine sagt, ich muss einen Beruf erlernen, mit dem ich eine ganze Familie versorgen kann. Aber das sagen viele Jungs. Deswegen studieren die eher die klassischen Karrierefächer, auch wenn es vielleicht gar nicht unbedingt ihren Interessen entspricht.

SPIEGEL: Meinen Sie, Männern geht es im Beruf nicht vornehmlich um Erfolg und Macht, sondern darum, dass sie die Rolle des Ernährers gut ausfüllen können?

Woinoff: Ihnen geht es um die Anerkennung des anderen Geschlechts. Männer bekommen einen doppelten Lohn für ihre Karriere: einmal das Geld und außerdem die wohlgefälligen Blicke der Frauen. Das bekommen Frauen umgekehrt leider nicht. Es ist eine Ungerechtigkeit, besonders für Karrierefrauen. Die steigen zwar hoch auf, verlieren dabei aber an Attraktivität beim anderen Geschlecht.

SPIEGEL: Dann doch lieber zurück an den Herd?

Woinoff: Das ist vollkommen unsinnig. Ich bin dafür, dass die Frauen ihre Intelligenz und ihre Begabung in gute Berufe und gutes Geld umsetzen. Das braucht ja auch unsere Wirtschaft. In Zeiten der Globalisierung müsste die Emanzipation erfunden werden, wenn es sie nicht schon gäbe.

SPIEGEL: Warum?

Woinoff: Weil die alten Rollenverteilungen nicht mehr funktionieren. Wenn ein Mann sich früher angestrengt hat in seiner Firma, dann kam er auch weiter und wurde nicht entlassen. Das ist heutzutage anders. Da ist es vollkommen wurscht, ob man sich im patriarchalischen System hocharbeitet. Wenn die Firma Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, verliert man trotzdem seinen Job. Man braucht heute also vier Schultern, zwei von der Frau, zwei vom Mann, um die finanzielle Last der Familie abzufedern. Da ist es natürlich sehr sinnvoll, dass die Frauen schon emanzipiert sind. Dass sie Berufe haben und auch die Ernährung der Familie übernehmen können.

SPIEGEL: Helfen denn familienpolitische Maßnahmen wie Elterngeld und Vätermonate bei dem Rollenwechsel, den Sie fordern?

Woinoff: Sicherlich. Das Elterngeld ist gerade für die überdurchschnittlich gut verdienenden Frauen eine Einladung, ihr archaisches Beuteschema abzulegen: Wenn sie monatlich 1800 Euro Elterngeld bekommen, können sie davon ein Jahr lang gut leben - sie brauchen also keinen statusüberlegenen Versorger mehr, um ein Kind zu kriegen. Da kommt dann plötzlich auch ein arbeitsloser Akademiker als Vater in Frage, wenn die Frau ihn liebt.

SPIEGEL: Haben Sie selbst Ihr archaisches Beuteschema eigentlich schon überwunden?

Woinoff: Meine Frau ist zwar elf Jahre jünger als ich und war damals noch in der Ausbildung, aber sie hat von vornherein klargemacht, dass sie einen Partner will, der sich auch um die Kinder kümmert. Heute arbeiten wir beide etwa gleich viel: sie freiberuflich als Journalistin, ich drei Tage pro Woche in der Praxis. An zwei Werktagen bin ich mit unseren beiden Töchtern zu Hause. Die Vormittage im Supermarkt waren erst etwas seltsam, die sind unter der Woche ja eine männerfreie Zone. Aber daran gewöhnt man sich.

SPIEGEL: Sie fühlen sich nicht unmännlich?

Woinoff: Im Gegenteil. Das Kriterium der Männlichkeit ist sowieso nur ein kulturelles Konstrukt. Es hängt immer wieder davon ab, wie die Gesellschaft funktioniert. Vor dem Computer sitzen, Akten lesen und mit Menschen sprechen, was Männer in ihren Büros oder Praxen gemeinhin tun, erscheint mir jedenfalls nicht besonders männlich.


Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Merlind Theile

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