AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Standpunkt Alles Adolf

Vom Jubiläum der Hitler-Tagebücher des "Stern" bis zur "Gustloff" und zu Jonathan Littells "Wohlgesinnten" - die Nazi-Gedenk-Industrie brummt. Die Ursachen sind bizarr.

Von Henryk M. Broder


Gibt man bei google.de "Hitler" als Suchbegriff ein, bekommt man 584.000 deutschsprachige Einträge angezeigt. Das ist viel weniger als im Falle Konrad Adenauers (3.090.000 Seiten), aber fünfmal mehr als bei Erich von Däniken (117.000 Seiten). Stalin kommt auf 1.270.000 Seiten.

Auch Hitlers Beitrag zur Geschichte ist, sachlich betrachtet, eher bescheiden: ein Buch und zwölf Jahre Kanzlerschaft. Däniken hat mehr geschrieben, Adenauer hat länger regiert, und Stalin hat mehr Menschen umbringen lassen. Dennoch hat der Mann aus Braunau in einer wichtigen Kategorie die Nase vorn: Nachhaltigkeit. Tausende Bücher, Filme, Dokumentationen, Doktorarbeiten und Melodramen versuchen, das Phänomen Hitler zu beschreiben, aus dem Kontext der Geschichte zu erklären und analytisch zu durchdringen.

"Hitlers Helfer", "Hitlers Krieger", "Hitlers Frauen", Hitler als Privatmann, Hitler als Verführer, Hitler als Verbrecher - allein der "Chefhistoriker" des ZDF, Guido Knopp, hat im Laufe von 20 Jahren mehr als fünf Dutzend Filme über Hitler, das "Dritte Reich", die Täter und die Opfer, den "Widerstand in Uniform" und den "Kampf bis zum Untergang" produziert, zuletzt die Doku zum Zweiteiler "Die Gustloff". Amazon bietet mehr als hundert Titel in verschiedenen Ausgaben über alle möglichen NS-Themen an, die Knopp geschrieben, herausgegeben oder kompiliert hat.

Knopps Absichten mögen die besten sein - unterhaltsame Aufklärung für die Massen -, am Ende aller Mühen steht freilich auch bei ihm die banale Erkenntnis, dass Hitler ein böser Mann war, der seinem Volk und der Welt viel Schlimmes angetan hat. So weit waren auch schon Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, als sie dem "Scheinriesen" entgegenfuhren und dabei feststellten, dass er immer kleiner wurde, je näher man ihm kam.

Zwischen Hans Jürgen Syberbergs Sieben-Stunden-Opus "Hitler - ein Film aus Deutschland" (1977), dem noch eine Ästhetisierung und Mystifizierung des Grauens angelastet, und Bruno Ganz in Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" (2004), dem der Vorwurf der "Vermenschlichung" gemacht wurde, liegen fast 30 Jahre, zahllose Debatten über Schuld und Sühne und die Einsicht, dass Hitler ein Mensch wie du und ich war, den die Vorsehung irgendwie aus dem Souterrain der Geschichte auf die Kommandobrücke katapultiert hat.

Das ist eine gute Pointe für alle Gelegenheiten, aber sie reicht nicht, um Hitlers mediale Omnipräsenz und Nachhaltigkeit zu erklären. Ralph Giordano spekuliert darüber, wie die Welt aussehen würde, "wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte", andere Hitler-Erklärer gehen der Frage nach, ob Hitler schwul war oder wenigstens eine jüdische Oma hatte. Und wenn einem aus der Adi-Riege nichts mehr einfällt, dann fordert er die Aufhebung des Verbots von "Mein Kampf", um den Autor der Kampfschrift zu "entzaubern". Tritt ein deutscher Exil-Fußballer bei der Vereinsfeier seines australischen Clubs in einem Hitler-Kostüm auf, gibt das umgehend einen Skandal, der auch in Deutschland verhandelt wird; werden in einem Museum auf den Lofoten drei blasse Aquarelle entdeckt mit Gartenzwergen, die mit A. H. signiert sind, dann ist das auch eine Sensation, die das Leben und Schaffen von Hitler in ein völlig neues Licht stellt. So wie die vor 25 Jahren von der Illustrierten "Stern" ausgegrabenen Hitler-Tagebücher, nach deren Veröffentlichung die Geschichte des "Dritten Reiches" neu geschrieben werden sollte.

Ein Ende der Hitlerei ist nicht in Sicht, und für dieses Phänomen muss es eine andere Erklärung geben als das rituelle "Wehret den Anfängen" oder die faktisch richtige, aber sehr vage Feststellung eines Historikers, die NS-Zeit sei "eine Schatztruhe voller dramatischer Geschichten". Das ist die Bibel auch. Dennoch wird das Neue Testament nicht alle paar Monate neu verfilmt.

Das Faszinosum Hitler speist sich aus anderen Quellen. Da ist zum einen das Wissen der Deutschen, dass sie nach 1945 preiswert davongekommen sind. Wobei "Wissen" in diesem Fall eher ein Bauchgefühl bedeutet, aber das ist ja meistens stärker und prägender als jeder kognitive Prozess. Gewiss, die Deutschen haben gelitten und Schreckliches durchgemacht, an der Front und in der Etappe, bei Stalingrad und in Dresden; wer die Bombennächte in Hamburg und Köln erlebt hat, der war schon mit einem Fuß in der Hölle, und wer den Untergang der "Gustloff" überlebt hat, der ist bis an das Ende seiner Tage traumatisiert. Dem darf man auch nicht die Einsicht abverlangen, dass der Holocaust, die "Endlösung" der Juden- und der Zigeunerfrage, schlimmer war. Er wäre völlig überfordert.



insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
...ergo sum, 19.03.2008
1. weshalb nicht die Deutschen ?
Wenn also jahrzehntelang die Amis, die Russen, die Polen ect. darin wetteifern Fime über die Hitlerzeit zu machen und zu zeigen, dann ist das natürlich absolut nicht bizarr. Zeigen die Deutschen Filme die in dieser Zeit spielen, vielleicht noch mit Inhalten wie dem Verstecken von Juden und Widerstand, dem Leid der deutschen Bevölkerung während und nach dem Krieg (ohne dabei die Schuld der Deutschen an diesem Krieg zu leugnen), dann ist das bizarr ? Also, ICh nenne das eine längst fällig, überfällige Art endlich die eigene Geschichte mal aufzuarbeiten. Dürfen wir das nicht ? 70 Jahre nach dem Krieg ? Weshalb nicht ?
Matton 19.03.2008
2. Schön
Ein prägnanter und interessanter Artikel. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass ein kollektives schlechtes Gewissen ein wichtiger Bestandteil der Deutschen Psyche ist. Es gibt andere Autoren darüber, aber bestimmt noch nicht genug fundierte Studien. Die kontroverse Meinung des Autors wird sicherlich einigen älteren Semestern schwer im Magen liegen...
crabat 19.03.2008
3. Alles Adolf
Genau wie im Spiegel! Unser täglich 3.tes Reich gib uns heute. mfg
Lagoran 19.03.2008
4. Ich kann nicht mehr vor Lachen
Der gute Mann hat präzise unsere Gesellschaft erkannt und macht vor keinen Tabus halt. Herr Broder ist mein neuer Allround-Held
schollianer 19.03.2008
5. Guter Artikel!
"Also, ICh nenne das eine längst fällig, überfällige Art endlich die eigene Geschichte mal aufzuarbeiten. Dürfen wir das nicht ? 70 Jahre nach dem Krieg ? Weshalb nicht ?" Niemand hat etwas gegen eine Aufarbeitung der Geschichte. Aber längst überfällig? Das halte ich für übertrieben. Man kann den Deutschen sicher keine mangelnde Aufarbeitung dieser Zeit vorwerfen. Hier geht es vielmehr darum, nicht ständig genau die gleichen Themenfelder zu bearbeiten ohne neuen Erkenntnisgewinn. Insofern stimme ich mit dem Autor des Artikels vollkommen überein.
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