AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2008

Verwahrlosung "Der ist nicht krank, der stirbt"

Von Bruno Schrep

3. Teil: "Sie sollen wenigstens zeitweise vergessen"



März 2008. Es ist Mittwochabend, Martina und Elisabeth spielen Zirkus im Wohnzimmer der Familie Patz, ihrer vorläufigen Pflegeeltern. Die Sechsjährige hat sich einen Rock angezogen und das Gesicht bemalt, sie tanzt und hüpft akrobatisch zu Pop-Rhythmen. Ihre Schwester legt die Musik auf und sagt das Programm an, die einzelnen Nummern hat sie auf einen Zettel gekritzelt. Beide juchzen, sind völlig in ihr Spiel vertieft.


"Sie sollen wenigstens zeitweise vergessen", sagt Torsten Patz, selbst Vater zweier Kinder, "das gelingt aber nicht immer." Besonders Martina werde häufig von Erinnerungen gequält, mache sich Vorwürfe, weil sie niemanden erreichte, als der Vater erstickte. Hätte sie nur rechtzeitig Hilfe geholt, glaubt sie, könnte er noch leben.

Elisabeth dagegen, in der Schule weiterhin schwach, weicht Fragen nach der Vergangenheit meistens aus, schweigt einfach; und fällt immer wieder durch unkontrollierte Wutanfälle auf. "Sie braucht dringend psychologische Betreuung", sagt Torsten Patz.

Polizeikommissar Patz hatte beiläufig vom Schicksal der Kinder gehört, sein Sohn Luca besucht dieselbe Klasse wie Martina. "Wir nehmen sie erst mal zu uns", erklärte er spontan, die Jugendbehörde und der eilig benannte amtliche Vormund stimmten zu - für die Mädchen zumindest vorläufig eine glückliche Wendung.

Erstmals seit Jahren erleben sie Erwachsene, die in der Lage sind, sie zu beschützen, ihnen Verantwortung abzunehmen. Und die ihnen helfen, Versäumtes nachzuholen.

"Die kannten keine gemeinsamen Mahlzeiten, keinen halbwegs geordneten Tagesablauf, noch nicht mal eine Badewanne", berichtet Patricia Patz, die versucht, den Schwestern ein paar Regeln beizubringen: dass man sich die Zähne putzt, sich gründlich wäscht, seine Kleider nicht auf den Fußboden wirft, nicht mit den Händen isst.

Doch obwohl sich die Mädchen in der Familie geborgen fühlen, droht ihnen erneuter Beziehungsverlust. Beide Eheleute sind berufstätig, können und wollen nicht auf Dauer zwei weitere Kinder versorgen. Ihr Vorschlag, nur Martina aufzunehmen, hat wenig Chancen: Die Schwestern, die kurz hintereinander Mutter und Vater verloren, sollen nicht getrennt werden.

Das Jugendamt sucht deshalb, so formuliert es eine Sprecherin, "professionelle, liebevolle Hände" - Pflegeeltern, die Martina und Elisabeth gemeinsam aufnehmen. Bisher haben sich drei Interessenten gemeldet. Eine potentielle Mutter aus Niedersachsen präsentierte den Kindern Fotos von den eigenen Pferden und lockte mit der Aussicht auf Ausflüge zum Ferienhaus in Schweden. Eine entfernte Verwandte aus Trier, die das Geschwisterpaar vor Jahren ein einziges Mal gesehen hat, brachte zum Vorstellungsgespräch ihre zwei Hunde mit. Eine Familie aus Mengede, die bereits drei Pflegekinder betreute, bewarb sich unter anderem mit dem Hinweis, dass den Kindern bei ihnen ein weiterer Schul- und Ortswechsel erspart bleibe.

Martina und Elisabeth mochten sich bisher noch nicht festlegen. Auf ihr Votum kommt es aber auch nicht an: Kinder haben zwar, wie es im Juristendeutsch heißt, ein Anhörungsrecht, aber kein Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Sie dürfen zwar etwas sagen. Entschieden wird jedoch von anderen.



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