Der SPIEGEL

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22. März 2008, 00:00 Uhr

Verwahrlosung

"Der ist nicht krank, der stirbt"

Von Bruno Schrep

Zwei Töchter, sechs und acht Jahre alt, erleben allein und auf engstem Raum das langsame Sterben ihres krebskranken Vaters. Die Jugendbehörde schreitet nicht ein - jetzt sind die Mädchen traumatisiert, und die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Manchmal, nach dem Aufstehen, wirkt Martina abwesend und bedrückt. Das Mädchen mit den hellblonden Haaren, sonst meist lebhaft, zieht sich dann schweigend an, mag nichts frühstücken, antwortet nicht auf Fragen. Sagt nur einen Satz: "Ich hab wieder von Papas Tod geträumt."



Martinas Alpträume haben eine reale Ursache: Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Elisabeth musste sie über Wochen mitfühlen, wie ihr Vater, der unter Krebs im Endstadium litt, schwächer und schwächer wurde und schließlich qualvoll starb.

Das Schicksal der Schwestern macht einmal mehr deutlich, was Kindern mitten in Deutschland und unter den Augen der zuständigen Behörden widerfahren kann. Denn Martina und Elisabeth lebten monatelang allein mit ihrem kranken Vater in einer total verdreckten und vermüllten Wohnung, ohne Hilfe von außen, ohne praktische und materielle Unterstützung.

Inzwischen ist der Fall zum Politikum geworden, inklusive der üblichen Reflexe: Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen, Verteidigungsstrategien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die seelische Tortur von Martina und Elisabeth, was aus ihnen wird, wo sie künftig leben sollen, gemeinsam oder getrennt, das alles gerät dabei mehr und mehr in den Hintergrund.

Abgespielt hat sich das Kinderdrama in Dortmund-Mengede, in einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Das rund hundert Jahre alte Haus in der Hansemannstraße 16, einst gebaut für Kumpel der Zeche Adolph von Hansemann, wird noch mit Kohleöfen beheizt, die Toiletten befinden sich im Treppenhaus, Badezimmer gibt es nicht. Die oberen Stockwerke stehen leer, mehrere Fenster sind zugemauert, die Fassade ist mit riesigen Graffiti beschmiert.

Als der Gelegenheitsarbeiter Robert N. im Jahr 1987 in eine der Parterrewohnungen einzieht, hat er sein erstes Leben fast hinter sich: viele Jobs, aus denen er oft schnell wieder rausgeflogen ist, viel zu viel Alkohol, Streit und Zerwürfnisse in der Familie. Die meisten seiner längst erwachsenen Kinder haben sich von ihm losgesagt, die Ehefrau stirbt 1988.

Sein nächstes Leben, erzählt er allen, soll ganz anders verlaufen. Über Verwandte lernt er eine 25 Jahre jüngere Frau kennen, heiratet, wird erneut Vater. 1999 kommt Martina zur Welt, 2001 Elisabeth.

Da ist Robert N. bereits 60 Jahre alt und Rentner.

Doch trotz aller guten Vorsätze kommt N. auch mit seiner zweiten Familie zunächst nicht klar. Nach einem Krach ums Haushaltsgeld, Drohungen und Schlägen zieht die Ehefrau mit den kleinen Töchtern nach Recklinghausen. Erst als sie Ende 2005 schwer erkrankt, findet die Familie wieder zusammen, versöhnen sich die Eheleute. Für Martina und Elisabeth, die nie eine unbeschwerte Kindheit hatten, beginnt eine von Verlusten und Verlustängsten geprägte Zeit.

Die Mädchen, damals sechs und vier, erleben, wie ihre ursprünglich kräftige, zupackende Mutter täglich mehr abbaut, über ein Jahr nur im Bett liegt. Sie klagt über Bauchschmerzen, krümmt sich, kann kaum noch etwas essen, traut sich aber nicht zum Arzt. Als sie schließlich im Oktober 2006, abgemagert bis auf die Knochen, in eine Klinik eingeliefert wird, ist es zu spät. Die Ärzte diagnostizieren Darmkrebs, die Patientin stirbt während einer Notoperation.

Martina, die Ältere, reagiert verbittert. "Mutter hat uns im Stich gelassen", verkündet sie noch Wochen später. Elisabeth starrt oft stundenlang vor sich hin, verbirgt ihre Gefühle hinter ihrer großen Brille und unentwegtem Lächeln. Selbst Frauen, die sie kaum kennt, küsst sie auf den Mund, umarmt sie heftig, nennt sie "Mama".

Witwer Robert N. bekommt das Sorgerecht zugesprochen. Er holt die Mädchen wieder ins Bergarbeiterhaus in Mengede, gibt sich Mühe, ein guter Vater zu sein. Er trinkt nicht mehr, will nicht streng sein und nicht schimpfen. Er versucht, die Töchter zu erziehen und den Haushalt in Ordnung zu halten. Doch der Mann, mittlerweile 66 Jahre alt, ist heillos überfordert.

Martina, inzwischen eingeschult, kommt so häufig ungewaschen und mit schmutzigen Kleidern zum Unterricht, dass im Januar 2007 die Schulleiterin den Jugendhilfedienst in Mengede alarmiert. Die Behörde schickt eine Familienhelferin in die Hansemannstraße.

Die Sozialarbeiterin, an gröbste Vernachlässigung Jugendlicher gewöhnt, findet die Zustände bei der Familie N. nicht so schlimm. Der Vater halte alle Absprachen ein, meldet sie ans Jugendamt. Er bringe die Kinder regelmäßig zum Arzt, begleite sie sogar zum Spielplatz, sorge dafür, dass immer genug zu essen da sei. "Pflege und Betreuung sind sichergestellt", folgert daraus das Amt, stellt die erst im April begonnene Hilfe schon im August 2007 wieder ein - im Nachhinein ein schwerwiegender Fehler.

Denn mit Vater Robert N. geht es ab Spätsommer erkennbar bergab. Er hat kaum noch Zähne, kann nicht mehr kauen. Der starke Raucher hustet oft stundenlang, bewegt sich nur noch mühsam. Schafft es immer seltener, sich morgens anzuziehen, packt es meist nur noch aufs Sofa im Wohnzimmer. Bleibt dort den ganzen Tag liegen.

Die Kinder sind mehr und mehr auf sich allein gestellt, nur der 40-jährige Halbbruder Frank N. aus der ersten Ehe ihres Vaters schaut manchmal vorbei. Im Supermarkt kaufen die Schwestern massenweise Tiefkühlpizza, Chips und Süßigkeiten, aus dem nahe gelegenen Getränkemarkt schleppen sie Cola und Fruchtsäfte nach Hause. Manchmal, wenn die Tüten zu schwer sind, bittet Martina Erwachsene, ihnen doch bitte beim Tragen zu helfen.

In der Kinderboutique Ernsting's family staunt die Verkäuferin über die zwei kleinen Mädchen, die mal einen Schal, mal ein T-Shirt mitnehmen, manchmal mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. "Sie kamen immer allein", erinnert sich Eike Holzapfel, "die Größere hat auf die Kleine aufgepasst."

Inoperabel, unheilbar


Martina übernimmt für ihre jüngere Schwester die Mutterrolle. Die Achtjährige assistiert der Sechsjährigen beim Anziehen, bringt Elisabeth zur Schule, hilft der Erstklässlerin, die sich mit dem Abc schwertut, bei den Hausaufgaben. Martina selbst ist eine prima Schülerin, schreibt die besten Aufsätze, wird sogar Zweite bei einem Vorlesewettbewerb. Doch als sich die Situation zu Hause zuspitzt, sackt auch sie immer mehr ab.


In der Wohnung, schon seit Monaten nicht mehr geputzt, stapeln sich schmutziges Geschirr und Müll. Überall liegen Essensreste herum, im Kinderzimmer, im Wohnzimmer, in den Betten. Es stinkt. Weil niemand mehr wäscht, ziehen die Mädchen wochenlang die gleichen Klamotten an.

Ende Dezember muss Vater Robert N. ins Krankenhaus, sein Zustand hat sich weiter verschlechtert. Lungenkrebs im Endstadium, stellen die Mediziner fest. Inoperabel. Unheilbar.

Als hoffnungsloser Fall wird der Mann Anfang Januar entlassen. Auch die Kinder, vorübergehend bei ihrem Halbbruder untergebracht, kommen zurück ins Mengeder Bergarbeiterhaus, zurück zum sterbenskranken Vater.

"Ich hab keine Zeit mehr für Hausaufgaben", erklärt Martina ihrer Klassenlehrerin kurz darauf, "ich muss den Papa pflegen, einkaufen und kochen." Die Pädagogin, entsetzt über den verwahrlosten Zustand der Schülerin, die schlecht riecht und total verfilzte Haare hat, informiert ihre Schulleiterin. Die wird erneut beim Jugendhilfsdienst vorstellig, bittet dringend um Hilfe. Doch die Mitarbeiter dort sind überrascht.

Was denn nun schon wieder los sei? Bei der Familie sei doch noch vor kurzem alles okay gewesen. Und der Vater, nach dem Klinikaufenthalt telefonisch befragt, ob er Hilfe brauche, habe dies vor ein paar Tagen ausdrücklich verneint. Außerdem befinde sich die Sachbearbeiterin gerade im Urlaub, und deren Kollegen seien total im Stress.

In der Tat haben sieben von acht Fachkräften des Jugendhilfedienstes Mengede Anfang 2008 sogenannte Überlastungsanzeigen geschrieben, den akuten Personalmangel ihres Amtes gebrandmarkt, "mangelhafte Betreuung der Schutzbefohlenen" eingeräumt. Gewerkschaftssekretär Martin Steinmetz von Ver.di unterstützt gegenüber den Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" den Hilferuf: "Die Beschäftigten arbeiten unter miserablen Umständen und auf Kosten ihrer Gesundheit."

Auf Anzeichen akuter Überlastung prallt Martinas Lehrerin auch bei ihrem letzten Vorstoß am Donnerstag, den 17. Januar. Obwohl die Wohnung der Kinder nur rund 600 Meter vom Amt entfernt liegt, zu Fuß in vier Minuten erreichbar ist, wird ein Hausbesuch strikt abgelehnt. Über das Telefonat mit der Vertreterin der Sachbearbeiterin hat die Pädagogin ein handschriftliches Protokoll verfasst. Auszug:

Lehrerin: "Martina und Elisabeth sind in einem verheerenden Zustand."

Vertreterin: "Das ist doch normal, wenn der Vater krank ist."

Lehrerin: "Der ist nicht krank, der stirbt vor den Augen seiner Kinder."

Vertreterin: "Was möchten Sie denn, dass ich tue?"

Lehrerin: "Ich erwarte, dass Sie hingehen und nachsehen."

Vertreterin: "Sie kennen ja unsere Personalsituation."

Lehrerin: "Und was schlagen Sie vor?"

Vertreterin: "Am Dienstag kommt die zuständige Sachbearbeiterin wieder."

In der Nacht zum 20. Januar kriegt Robert N. plötzlich keine Luft mehr. Keucht, röchelt, bekommt Schaum vor den Mund. Macht den Töchtern verzweifelte Handzeichen. Martina versucht, den Halbbruder anzurufen, immer wieder. Doch der hat sein Handy ausgeschaltet.

Als der Vater sich nicht mehr rührt, auf Rufe und Schütteln nicht reagiert, schalten die Schwestern den Fernseher an, gucken stundenlang. Dann spielen sie Menschärgere-dich-nicht bis zum Morgengrauen, schlafen können sie nicht. Gegen 9.30 Uhr erreichen sie endlich den Halbbruder. "Ich glaube, der Papa ist tot", eröffnet ihm Martina.

Von Schuld, von Verantwortung will danach niemand etwas wissen. Vorwürfe, sein Amt hätte früher eingreifen, den Kindern unbedingt die traumatische Erfahrung ersparen müssen, wehrt der Dortmunder Jugendamtsleiter Ulrich Bösebeck ab. "Für die Mitarbeiter war nicht erkennbar, wie ernst die Krankheit des Vaters war", behauptet er. Und in einer Stellungnahme seiner Behörde steht, der "plötzliche Tod des Vaters" sei "nicht absehbar" gewesen, es habe "kein Hinweis auf sofortiges Handeln" vorgelegen.

Im Dortmunder Rathaus, wo eine rotgrüne Koalition regiert, führte das Kinderschicksal zu parteipolitischem Zoff. Während die CDU-Fraktion das "Nichthandeln des Jugendamtes" anprangert, wiegeln die Koalitionspartner ab. "Verschmutzte Kleidung ist noch kein Hinweis auf Kindeswohlgefährdung", beschwichtigt etwa der Grünen-Abgeordnete Wolfram Frebel. Und Dortmunds sozialdemokratischer Oberbürgermeister Gerd Langemeyer entwickelt eine eigene Sichtweise des Falls. "Die Alternative wäre doch gewesen", erklärt er, "dem todkranken Vater seine Kinder wegzunehmen."

Die Dortmunder Staatsanwaltschaft prüft jetzt, ob nicht genau das zwingend erforderlich gewesen wäre. Bei Ermittlungen wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und wegen fahrlässiger Körperverletzung soll laut Oberstaatsanwältin Ina Holznagel penibel rekonstruiert werden, "wer mit wem wann telefoniert hat und ob sich daraus ein konkreter Verdacht gegen bestimmte Mitarbeiter des Jugendamtes ergibt".

"Sie sollen wenigstens zeitweise vergessen"


März 2008. Es ist Mittwochabend, Martina und Elisabeth spielen Zirkus im Wohnzimmer der Familie Patz, ihrer vorläufigen Pflegeeltern. Die Sechsjährige hat sich einen Rock angezogen und das Gesicht bemalt, sie tanzt und hüpft akrobatisch zu Pop-Rhythmen. Ihre Schwester legt die Musik auf und sagt das Programm an, die einzelnen Nummern hat sie auf einen Zettel gekritzelt. Beide juchzen, sind völlig in ihr Spiel vertieft.


"Sie sollen wenigstens zeitweise vergessen", sagt Torsten Patz, selbst Vater zweier Kinder, "das gelingt aber nicht immer." Besonders Martina werde häufig von Erinnerungen gequält, mache sich Vorwürfe, weil sie niemanden erreichte, als der Vater erstickte. Hätte sie nur rechtzeitig Hilfe geholt, glaubt sie, könnte er noch leben.

Elisabeth dagegen, in der Schule weiterhin schwach, weicht Fragen nach der Vergangenheit meistens aus, schweigt einfach; und fällt immer wieder durch unkontrollierte Wutanfälle auf. "Sie braucht dringend psychologische Betreuung", sagt Torsten Patz.

Polizeikommissar Patz hatte beiläufig vom Schicksal der Kinder gehört, sein Sohn Luca besucht dieselbe Klasse wie Martina. "Wir nehmen sie erst mal zu uns", erklärte er spontan, die Jugendbehörde und der eilig benannte amtliche Vormund stimmten zu - für die Mädchen zumindest vorläufig eine glückliche Wendung.

Erstmals seit Jahren erleben sie Erwachsene, die in der Lage sind, sie zu beschützen, ihnen Verantwortung abzunehmen. Und die ihnen helfen, Versäumtes nachzuholen.

"Die kannten keine gemeinsamen Mahlzeiten, keinen halbwegs geordneten Tagesablauf, noch nicht mal eine Badewanne", berichtet Patricia Patz, die versucht, den Schwestern ein paar Regeln beizubringen: dass man sich die Zähne putzt, sich gründlich wäscht, seine Kleider nicht auf den Fußboden wirft, nicht mit den Händen isst.

Doch obwohl sich die Mädchen in der Familie geborgen fühlen, droht ihnen erneuter Beziehungsverlust. Beide Eheleute sind berufstätig, können und wollen nicht auf Dauer zwei weitere Kinder versorgen. Ihr Vorschlag, nur Martina aufzunehmen, hat wenig Chancen: Die Schwestern, die kurz hintereinander Mutter und Vater verloren, sollen nicht getrennt werden.

Das Jugendamt sucht deshalb, so formuliert es eine Sprecherin, "professionelle, liebevolle Hände" - Pflegeeltern, die Martina und Elisabeth gemeinsam aufnehmen. Bisher haben sich drei Interessenten gemeldet. Eine potentielle Mutter aus Niedersachsen präsentierte den Kindern Fotos von den eigenen Pferden und lockte mit der Aussicht auf Ausflüge zum Ferienhaus in Schweden. Eine entfernte Verwandte aus Trier, die das Geschwisterpaar vor Jahren ein einziges Mal gesehen hat, brachte zum Vorstellungsgespräch ihre zwei Hunde mit. Eine Familie aus Mengede, die bereits drei Pflegekinder betreute, bewarb sich unter anderem mit dem Hinweis, dass den Kindern bei ihnen ein weiterer Schul- und Ortswechsel erspart bleibe.

Martina und Elisabeth mochten sich bisher noch nicht festlegen. Auf ihr Votum kommt es aber auch nicht an: Kinder haben zwar, wie es im Juristendeutsch heißt, ein Anhörungsrecht, aber kein Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Sie dürfen zwar etwas sagen. Entschieden wird jedoch von anderen.

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