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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2008

Verwahrlosung: "Der ist nicht krank, der stirbt"

Von Bruno Schrep

Zwei Töchter, sechs und acht Jahre alt, erleben allein und auf engstem Raum das langsame Sterben ihres krebskranken Vaters. Die Jugendbehörde schreitet nicht ein - jetzt sind die Mädchen traumatisiert, und die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Manchmal, nach dem Aufstehen, wirkt Martina abwesend und bedrückt. Das Mädchen mit den hellblonden Haaren, sonst meist lebhaft, zieht sich dann schweigend an, mag nichts frühstücken, antwortet nicht auf Fragen. Sagt nur einen Satz: "Ich hab wieder von Papas Tod geträumt."



Martinas Alpträume haben eine reale Ursache: Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Elisabeth musste sie über Wochen mitfühlen, wie ihr Vater, der unter Krebs im Endstadium litt, schwächer und schwächer wurde und schließlich qualvoll starb.

Das Schicksal der Schwestern macht einmal mehr deutlich, was Kindern mitten in Deutschland und unter den Augen der zuständigen Behörden widerfahren kann. Denn Martina und Elisabeth lebten monatelang allein mit ihrem kranken Vater in einer total verdreckten und vermüllten Wohnung, ohne Hilfe von außen, ohne praktische und materielle Unterstützung.

Inzwischen ist der Fall zum Politikum geworden, inklusive der üblichen Reflexe: Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen, Verteidigungsstrategien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die seelische Tortur von Martina und Elisabeth, was aus ihnen wird, wo sie künftig leben sollen, gemeinsam oder getrennt, das alles gerät dabei mehr und mehr in den Hintergrund.

Abgespielt hat sich das Kinderdrama in Dortmund-Mengede, in einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Das rund hundert Jahre alte Haus in der Hansemannstraße 16, einst gebaut für Kumpel der Zeche Adolph von Hansemann, wird noch mit Kohleöfen beheizt, die Toiletten befinden sich im Treppenhaus, Badezimmer gibt es nicht. Die oberen Stockwerke stehen leer, mehrere Fenster sind zugemauert, die Fassade ist mit riesigen Graffiti beschmiert.

Als der Gelegenheitsarbeiter Robert N. im Jahr 1987 in eine der Parterrewohnungen einzieht, hat er sein erstes Leben fast hinter sich: viele Jobs, aus denen er oft schnell wieder rausgeflogen ist, viel zu viel Alkohol, Streit und Zerwürfnisse in der Familie. Die meisten seiner längst erwachsenen Kinder haben sich von ihm losgesagt, die Ehefrau stirbt 1988.

Sein nächstes Leben, erzählt er allen, soll ganz anders verlaufen. Über Verwandte lernt er eine 25 Jahre jüngere Frau kennen, heiratet, wird erneut Vater. 1999 kommt Martina zur Welt, 2001 Elisabeth.

Da ist Robert N. bereits 60 Jahre alt und Rentner.

Doch trotz aller guten Vorsätze kommt N. auch mit seiner zweiten Familie zunächst nicht klar. Nach einem Krach ums Haushaltsgeld, Drohungen und Schlägen zieht die Ehefrau mit den kleinen Töchtern nach Recklinghausen. Erst als sie Ende 2005 schwer erkrankt, findet die Familie wieder zusammen, versöhnen sich die Eheleute. Für Martina und Elisabeth, die nie eine unbeschwerte Kindheit hatten, beginnt eine von Verlusten und Verlustängsten geprägte Zeit.

Die Mädchen, damals sechs und vier, erleben, wie ihre ursprünglich kräftige, zupackende Mutter täglich mehr abbaut, über ein Jahr nur im Bett liegt. Sie klagt über Bauchschmerzen, krümmt sich, kann kaum noch etwas essen, traut sich aber nicht zum Arzt. Als sie schließlich im Oktober 2006, abgemagert bis auf die Knochen, in eine Klinik eingeliefert wird, ist es zu spät. Die Ärzte diagnostizieren Darmkrebs, die Patientin stirbt während einer Notoperation.

Martina, die Ältere, reagiert verbittert. "Mutter hat uns im Stich gelassen", verkündet sie noch Wochen später. Elisabeth starrt oft stundenlang vor sich hin, verbirgt ihre Gefühle hinter ihrer großen Brille und unentwegtem Lächeln. Selbst Frauen, die sie kaum kennt, küsst sie auf den Mund, umarmt sie heftig, nennt sie "Mama".

Witwer Robert N. bekommt das Sorgerecht zugesprochen. Er holt die Mädchen wieder ins Bergarbeiterhaus in Mengede, gibt sich Mühe, ein guter Vater zu sein. Er trinkt nicht mehr, will nicht streng sein und nicht schimpfen. Er versucht, die Töchter zu erziehen und den Haushalt in Ordnung zu halten. Doch der Mann, mittlerweile 66 Jahre alt, ist heillos überfordert.

Martina, inzwischen eingeschult, kommt so häufig ungewaschen und mit schmutzigen Kleidern zum Unterricht, dass im Januar 2007 die Schulleiterin den Jugendhilfedienst in Mengede alarmiert. Die Behörde schickt eine Familienhelferin in die Hansemannstraße.

Die Sozialarbeiterin, an gröbste Vernachlässigung Jugendlicher gewöhnt, findet die Zustände bei der Familie N. nicht so schlimm. Der Vater halte alle Absprachen ein, meldet sie ans Jugendamt. Er bringe die Kinder regelmäßig zum Arzt, begleite sie sogar zum Spielplatz, sorge dafür, dass immer genug zu essen da sei. "Pflege und Betreuung sind sichergestellt", folgert daraus das Amt, stellt die erst im April begonnene Hilfe schon im August 2007 wieder ein - im Nachhinein ein schwerwiegender Fehler.

Denn mit Vater Robert N. geht es ab Spätsommer erkennbar bergab. Er hat kaum noch Zähne, kann nicht mehr kauen. Der starke Raucher hustet oft stundenlang, bewegt sich nur noch mühsam. Schafft es immer seltener, sich morgens anzuziehen, packt es meist nur noch aufs Sofa im Wohnzimmer. Bleibt dort den ganzen Tag liegen.

Die Kinder sind mehr und mehr auf sich allein gestellt, nur der 40-jährige Halbbruder Frank N. aus der ersten Ehe ihres Vaters schaut manchmal vorbei. Im Supermarkt kaufen die Schwestern massenweise Tiefkühlpizza, Chips und Süßigkeiten, aus dem nahe gelegenen Getränkemarkt schleppen sie Cola und Fruchtsäfte nach Hause. Manchmal, wenn die Tüten zu schwer sind, bittet Martina Erwachsene, ihnen doch bitte beim Tragen zu helfen.

In der Kinderboutique Ernsting's family staunt die Verkäuferin über die zwei kleinen Mädchen, die mal einen Schal, mal ein T-Shirt mitnehmen, manchmal mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. "Sie kamen immer allein", erinnert sich Eike Holzapfel, "die Größere hat auf die Kleine aufgepasst."

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© DER SPIEGEL 13/2008
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