AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2008

Pop Die totale Entspannung

Mit "Stark wie Zwei" legt der Deutschrocker Udo Lindenberg, 61, ein frisch und modern klingendes neues Album vor. Wie konnte das gelingen?

Von Moritz von Uslar


Ganz hinten in der Hotelhalle, wo unter dem Porträt von Kaiser Wilhelm II. ein Kaminfeuer brennt, da sitzen die zwei Damen, beide um die 50, mit ein bisschen zu viel Kajal um die Augen und ein bisschen zu kurzen Röcken; und sie warten auf den Sänger, der hier abends immer noch sein Kräuterteechen trinken soll. Aber Udo erscheint nicht.

Der Sänger, der schon lange keinen Nachnamen mehr braucht, weil seit Jahrzehnten geklärt ist, dass nach Udo entweder Jürgens (deutscher Schlager) oder Lindenberg (deutscher Rock und Schlager) kommt - er sitzt nebenan im Chinarestaurant und verhandelt mit dem Vertreter einer Reederei über eine Atlantikreise auf einem Kreuzfahrtschiff. Es wird darauf hinauslaufen, dass Udo zu einem fairen Preis reist und ein paar Freunde mitnehmen kann und sich dafür, wenn ihm danach ist, in der Bordbar ans Piano setzt, ein paar Witzchen erzählt und seine Evergreens singt. Cooler Deal.

Frühjahr 2008, aus dem Alltag des dienstältesten deutschen Popstars: In dieser Woche erscheint das neue Udo-Album, "Stark wie Zwei". Es ist laut Wikipedia sein 41. Album, das erste mit neuen Songs seit acht Jahren und, um es gleich zu verraten, das wohl beste Udo-Lindenberg-Album seit drei Jahrzehnten.

Ende März wird der Popstar dann die Single "Wenn du durchhängst" vor einem Millionenpublikum bei "Wetten, dass ...?" vorstellen, und im Oktober geht es mit den neuen Songs auf große Tournee.

Das wahrhaft gelungene Kunstwerk, so das romantische Kunstideal, ist klüger als der Künstler, der es geschaffen hat. Und: Gelingen kann nur das Kunstwerk, das der Künstler selber nicht ganz begreift.

Wäre es also denkbar, dass Udo nur ahnt, was ihm mit dem neuen Album aller Voraussicht nach gelungen ist, nämlich das Comeback und der überfällige Eintritt in sein Spätwerk? Es ist denkbar.

Wenn der Popstar heute im Sessel sitzt und aus seinem Leben erzählt (oder auf der Bühne in sentimentalen Balladen davon singt), dann wirkt diese Karriere nicht wie nun beinahe 40 Jahre alt, sondern so alt wie ein ganzes Jahrhundert.

Der Popstar Udo kommt nicht von früher, sondern von ganz, ganz früher - damals, als das Fernsehen noch schwarzweiß und der Spießer noch keine eher liebenswerte Minderheit, sondern die miese, gemeine, bekämpfenswerte Masse war. Gegen den Muff, die Enge, Tristesse und Borniertheit der westdeutschen Kleinstadt wehrte sich dieser Udo, 1946 im westfälischen Gronau geboren, mit dem Rock, der von der Straße kam, mit asozialen Gitarren, asozialen Lederhosen und asozialen Sprüchen.

Die Udo-Karriere im Rückblick: 1972 erschien sein erstes deutschsprachiges Album, "Daumen im Wind", im Jahr darauf "Alles klar auf der Andrea Doria", das Pionierwerk, der Meilenstein, der die Unerhörtheit durchsetzte, dass Poptexte gleichzeitig deutsch und cool klingen können.

Ach, die Udo-Sprüche, diese wunderbar frische, freie, himmlisch verquere, damals wie heute absolut voll danebene Phantasiesprache! Er kommt eben aus der Zeit, als die coolen Sprüche noch nicht Sache der Werbung und des FDP-Generalsekretärs, sondern Eigentum einer rebellischen Jugend waren. Das muss noch schön und wirklich aufregend gewesen sein. Die Stimme auf den alten Udo-Songs erzählt, wie einsam, unverträglich, verlegen und verletzbar der Popstar mit seinem merkwürdigen Easy-Deutsch in der alten Bundesrepublik herumgestanden hat.

Mit dem Blick von heute wird klar, dass Udo in den frühen Siebzigern seine stärksten Alben aufgenommen hat. In den achtziger Jahren entdeckte er den Song mit der oft allzu direkten politischen Aussage (gegen Krieg, Nazis, Honeckers SED-Regime). In den neunziger Jahren blieben, nach einem Popularitätsaufschwung durch die Wende, bald die großen Erfolge aus, und Udo entwickelte sein Talent im (immerhin erstaunlich gut verkäuflichen) Udo-Typen-mit-Knollnasen-Malen.

Der musikalische Tiefpunkt war tragischerweise ausgerechnet mit einem Bestof-Album erreicht ("Panikpräsident", 2003), einer Neueinspielung der Hits, mit der ein Karriereneustart à la Nena versucht werden sollte: Powerrock, dem aller Swing, die Ironie und Leichtigkeit der frühen Jahre fehlten. Mit schwindender musikalischer Bedeutung wuchs die Anerkennung von staatlich-offizieller Seite: Das Bonner Haus der Geschichte richtete eine Udo-Ausstellung aus.

  • 1. Teil: Die totale Entspannung
  • 2. Teil


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