AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2008

Terrorismus "Osama plant etwas zur US-Wahl"

Der amerikanische Autor und Geheimdienstexperte Steve Coll über neue Erkenntnisse zur Herkunft Osama Bin Ladens und zu dessen Stellung in der saudi-arabischen Gesellschaft, über die weiterhin engen Kontakte zum Familienclan und die Suche der CIA nach seinem heutigen Versteck.


SPIEGEL: Mr Coll, in den vergangenen Tagen gab es gleich zwei neue Botschaften von Osama Bin Laden. Er drohte Europa und rief zur "Befreiung" des Gaza-Streifens auf. Wie ernst müssen wir das nehmen? Sagen diese Botschaften irgendwas über seinen Gemütszustand aus? Verraten sie uns womöglich, wo er steckt?

Coll: Bin Laden formuliert seine Botschaften schon lange so, dass sie sich an Tagesaktualitäten ausrichten. Wir dürfen ihn uns ruhig vorstellen, wie er in seiner von Mauern umgebenen Fluchtburg an der Grenze zu Afghanistan sitzt, al-Dschasira oder
CNN guckt und sich Notizen für seine nächste Mitteilung macht. Ich halte seine Bemerkungen über Europa zunächst einmal für eine Jagd nach Schlagzeilen - verfasst, nachdem er von der Neuauflage der dänischen Mohammed-Karikaturen gehört hat. Möglicherweise ist das aber auch ein Hinweis auf irgendeine Verschwörung, die gerade in Europa ausgebrütet wird und von der er Wind bekommen hat. In den vergangenen zwei Jahren haben wir schließlich gesehen, dass es solche Komplotte mit Verbindungen zum Qaida-Hauptquartier gegeben hat. Sein Verweis auf Gaza ist typisch für seine Versuche, in aktuellen Ereignissen eine Rolle für sich zu reklamieren. Er will ganz einfach demonstrieren, dass er noch lebt und noch Schritt hält mit den Entwicklungen in der islamischen Welt.

SPIEGEL: Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama beschuldigt die Regierung von Präsident George W. Bush, die Jagd auf den meistgesuchten Terroristen der Welt gefährlich vernachlässigt zu haben. Hat er recht?

Coll: Es wäre möglich gewesen, Osama Bin Laden auszuschalten, und zwar zwischen 1998 und 2001, in der Zeit vor dem 11. September. Damals hatten wir Agenten vor Ort, und sie gaben Präsident Bill Clinton dreimal die Gelegenheit zuzuschlagen. Einmal entschied er gegen einen Raketenangriff, weil er den Tod von Kindern nicht in Kauf nehmen wollte - in Bin Ladens Lager bei Kandahar war auf einem Satellitenbild eine Schaukel auszumachen. Man hätte wahrscheinlich sogar mit einem Spezialtrupp das Lager umzingeln und ihn herausholen können. Nur, damals waren die politischen Prioritäten nicht so. Aber sogar nach 9/11 ...

SPIEGEL: ... nach den Terrorangriffen auf New York und Washington am 11. September 2001, also zur Amtszeit von George W. Bush ...

Coll: ... gab es noch eine Chance. Bin Laden hat später selbst beschrieben, wie verzweifelt seine Lage während des heftigen Bombardements auf sein Höhlenversteck von Tora Bora nahe der pakistanischen Grenze im Dezember 2001 war. Er konnte dann im letzten Moment entkommen. Ob einige der mit den USA in die Berge vorrückenden afghanischen Truppen nur halbherzig bei der Sache waren oder ihn aktiv bei der Flucht unterstützten - schwer zu sagen. Wir haben jedenfalls versäumt, die auf solche Kämpfe spezialisierte amerikanische Tenth Mountain Division heranzuziehen. Eine Fehlentscheidung.

SPIEGEL: Wo ist Bin Laden jetzt?

Coll: Ich bin fest davon überzeugt, dass er sich auf pakistanischem Boden aufhält, und ich würde mich sogar festlegen, wo: in der Bergregion von Nord-Waziristan nahe der Stadt Miram Shah. Diese Gegend kennt Bin Laden wie seine Westentasche, sie wird vom Haqqani-Clan beherrscht, in dem er festverwurzelt ist. Pakistans Armee traut sich da nicht hin.

SPIEGEL: Unterhält er ein richtiges Qaida-Lager, von dem aus er Terrorbefehle gibt?

Coll: Bin Laden bewegt sich wohl von Ort zu Ort, geschützt von Freunden - was nicht heißt, dass ihn nicht doch eines Tages einer verrät. Und er hat offensichtlich Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln wie Satellitenfernsehen. Die Miram-Shah-Region ist in dieser Beziehung weiter entwickelt, als wir im Westen annehmen. Ich gehe davon aus, dass sich Aiman al-Sawahiri, sein Stellvertreter, an einem anderen Ort aufhält als Bin Laden.

SPIEGEL: Vorsicht oder Taktik?

Coll: Wohl beides. Aber in den letzten zwei, drei Jahren sind die beiden wieder so selbstbewusst geworden, dass sie sich nach meinen Informationen sogar zu Schuras treffen, gemeinschaftlichen Beratungen der Qaida-Führung. Sie haben die Organisationsstrukturen wieder aufgebaut, die Informationskanäle verbessert. Ob Bin Laden selbst Befehle für Terrorangriffe gibt, wissen wir nicht. Aber es kann als fast sicher gelten, dass er über die meisten Qaida-Operationen informiert ist.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch widmen Sie sich vor allem Bin Ladens Familie und deren Ursprüngen. Warum?

Coll: Man kann Osama Bin Laden sowie das gesamte Spannungsfeld von Religion, Tradition und Moderne im Nahen Osten, von Feindschaft gegenüber dem Westen einerseits, Anziehungskraft unserer Ideen und Lebensweisen andererseits, am bes-ten durch das Prisma dieser Sippe verstehen.

SPIEGEL: Was sind die Bin Ladens: ein Terrorclan? Oder - mit der Ausnahme des bekannten schwarzen Schafs - alles in allem eine schrecklich nette Familie?

Coll: Eine Großfamilie jedenfalls, Osama hat allein 24 Brüder und 29 Schwestern, und die Bin Ladens waren immer schon ein Clan mit einer erstaunlichen ideologischen Bandbreite - von ganz weltlich Ausgerichteten wie dem leichtlebigen Salem Bin Laden, bis zum fanatischsten Religiösen. Das zeigte sich sogar an Amerikas Schicksalstag: Als die Terroristen im Auftrag von Osama Bin Laden ihre entführte American-Airlines-Maschine ins Pentagon rammten, saß gerade mal einige Kilometer entfernt im vornehmen Washingtoner Ritz-Carlton-Hotel Shafiq Bin Laden, sein Halbbruder, bei einer Investorenkonferenz. Organisiert von der Carlyle Group, an der die Bin Ladens wie auch die Familie Bush Anteile hielten.



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