AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2008

Fremdsprachen: Die Kunst des Stammelns

Von Hilmar Schmundt

Wie lernen Kinder am effektivsten Englisch? Ein bayerischer Sprachforscher propagiert ein globalisiertes Einfach-Englisch und erprobt sein Konzept mit Zweitklässlern.

When is your birthday?", fragt der Lehrer. "My birsday is march", antwortet der Zweitklässler, er habe im März Geburtstag. "And how old are you?", hakt der Lehrer nach. Der Kleine schaut ratlos. Dann hält er acht Finger in die Luft: Er ist acht Jahre alt. "Very good", lobt ihn der Lehrer.

Die Zahlen beherrscht der Schüler nicht, seine Grammatik ist fehlerhaft, und auch das lispelnde "Th" kriegt er nicht hin. Aber all das lässt der Lehrer ihm durchgehen. Seine Grammatik kennt nur eine Regel: Wer sich verständlich macht, hat recht.

How shocking! Sprachpuristen graut bei so viel Nachsicht in der Englischstunde. Aber dies ist eben kein normaler Unterricht. Der Lehrer mit den eigenwilligen Methoden heißt Joachim Grzega. Er ist Linguist und lehrt normalerweise an der Katholischen Universität Eichstätt. Dort hat er ein neues Lernprogramm entwickelt: Basic Global English (BGE).

Sein globales Einfach-Englisch soll den Spracherwerb erheblich beschleunigen. Seit Oktober darf Grzega sein Konzept für ein Schuljahr an einer bayerischen Schule erproben. An diesem Mittwochnachmittag unterrichtet er Zweitklässler der Alexander-von-Humboldt-Schule in Goldkronach, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bayreuth. Alle 21 Schüler sind freiwillig hier, Noten gibt es nicht.

Die englische Grammatik hat Grzega auf nur 20 Regeln eingedampft, das Grundvokabular auf 750 Wörter, hinzu kommen pro Schüler weitere 250 individuell ausgewählte Wörter, mit denen er über seine speziellen Hobbys und Interessen reden kann. Die wenigen Begriffe sind sorgsam ausgewählt. Während zum Beispiel das Standardlehrbuch Märchenvokabeln wie "fairy", "prince" oder "stepmother" vermittelt, konzentriert sich Grzega auf das Wesentliche: Wochentage, Zahlen, Sport, Essen, Alltagsfloskeln.

"Natürlich sollen die Kinder später einmal korrekt Englisch sprechen, wenn sie es wollen. Aber für Anfänger das Wichtigste ist erst einmal, dass sie die Angst, etwas falsch zu machen, überwinden", sagt Grzega. "Ich korrigiere daher die Aussprache nur, wenn sie missverständlich ist." Denn es ist fatal, wenn ein Urlauber fragt: "Where are the bitches", wenn er doch "beaches" meint. Ein fehlerhaft verkürzter Vokal kann reichen, und wer nach dem Strand sucht, fragt nach den Nutten.

Grzega gehört zu einer kleinen Vorhut von Linguisten, die sich derzeit weltweit formiert. Die Reformlinguisten fordern so etwas wie eine Revolution des Englischen: Fürderhin sollen Kinder nicht mehr lernen, einen Muttersprachler möglichst originalgetreu nachzuäffen. Ziel ist vielmehr, aus ein paar Brocken eine internationale Verkehrssprache zusammenzuzimmern.

"English as a lingua franca" (ELF) heißt das Konzept im Fachjargon. Auch in Frankreich erfreut es sich großer Beliebtheit. "Don't Speak English, Parlez Globish" heißt dort ein Bestseller - sprich nicht Englisch, sondern Globalesisch.

Ganz ungeniert wirbt der Autor für die Kunst des Stammelns. Und er muss es wissen: Bis zu seinem Ruhestand vor ein paar Jahren war Jean-Paul Nerrière Top-Manager beim US-Konzern IBM. Bei Geschäftsverhandlungen in aller Welt stellte er fest: Englisch wird überall gesprochen, in Afrika, Asien, Lateinamerika. Und schwer zu verstehen ist in internationalen Runden meist nicht, wer in simplen Worten radebricht, sondern eher, wer geschliffen wie ein Muttersprachler parliert.

Daher hat Nerrière, ganz ähnlich wie Grzega in Deutschland, ein spezielles "entkoffeiniertes Englisch" entwickelt, reduziert auf ein paar Grundregeln und rund 1500 Vokabeln. Wer ein halbes Jahr lang jeden Tag eine Stunde Globish übe, komme in der Geschäftswelt bereits gut durch.

"Bislang sind die Schulbücher zu sehr an Großbritannien und den USA ausgerichtet", sagt Grzega. "Was zum Beispiel sollen Schüler mit englischen Kinderreimen anfangen?" Das Lied "Baa, Baa, Black Sheep, Have You Any Wool" ist weder grammatisch korrekt noch sonderlich hilfreich im Alltag. Auch vom Klassiker "Humpty Dumpty Sat on a Wall" hält Grzega wenig. Er singt mit den Schülern lieber auf die Melodie von "Bruder Jakob": "Today is wednesday, today is wednesday ..."

Erst stutzen die Kleinen, denn gestern hieß es doch noch "Today is tuesday ...", aber dann krähen sie lauthals mit - und lernen so statt antiquierter britischer Dada-Reime global verständliche Wochentage.

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Forum - Globales Einfach-Englisch: Der richtige Einstieg in die Sprache?
insgesamt 358 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Peter-Freimann 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Schon interessant, während erwogen wird, dass türkischstämmige Kinder vielleicht erst Ihre Muttersprache erlernen sollten, will man bei einem zunehmenden Schwund des deutschen Sprachschatzes unter den Kindern und Jugendlichen, bei zunehmenden Problemen der Interpretation deutschsprachiger Texte, vom Mängeln in der Orthographie gar nicht zu reden, den Kindern ausgerechnet mit Pamper-English auf die Sprünge helfen. Es ist schon interessant, wie ausgerechnet die traditionell tüchtigen, bodenständigen und nüchternen Bayern im Zuge allgemeiner Dekadenz und allgemeinen Verfalls kräftig aufholen. Erinnert mich an die Sprachdidaktik eines "Opa Günta", der wohl auch mehr im Süden sein Unwesen treibt, wo es darum geht, Kinder vom Erlernen der Orthographie durch Opa Günnis grenzdebile Tollerei abzuhalten. Nun ja, man darf gespannt sein, was sich unsere "Sinnmacher" noch so alles ausdenken, man kann davon ausgehen, dass es nichts Sinnvolles sein wird.
2.
phi 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Gibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
3.
Kristian Viesmann 31.03.2008
Zitat von phiGibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
Sie sagen es. Das is Alter Wein in neuen Schläuchen. Nur das diesmal ein paar Löcher drin sind ;).
4. no woman no cry
el fispresli 31.03.2008
Zitat von sysopIn Bayern wird derzeit eine neue Art der Fremdsprachenvermittlung erprobt. Statt Schulbuch-Englisch lernen die Zweitklässler eine stark vereinfachte Art der englichen Grammatik mit kleinem Wortschatz. Das Ziel ist es, sich überhaupt verständlich machen zu können sowie die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Was denken Sie, macht dieser neue Zugang zum Lernen einer Sprache Sinn?
Das gibts schon: pidgin - english! Bob Marley: "no woman no cry"
5.
-akw- 31.03.2008
Zitat von phiGibt es dazu einen Artikel? So auf Anhieb verstehe ich die Aufregung nicht. Jeder Anfänger lernt zuerst eine vereinfachte Form der Sprache mit einem minimalen Wortschatz.
Das hab ich mich auch gefragt. Wenn dieser Unterricht aber so aussieht, dass der Lehrer dieses Pidgin English vor den Schülern spricht, finde ich es nicht gut. Was soll das bringen? Gerade Zweitklässler dürften sowieso erheblich weniger Probleme mit der Erlernen einer Fremdsprache haben also z.B. Fünftklässler.
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