AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2008

Titel Olympia in Ketten

In Peking wollte sich China als weltgewandter und toleranter Gastgeber der Spiele präsentieren. Doch das Sportfest ist schon heute ein PR-Desaster. Die Unterdrückung in Tibet und die Kampagne gegen Oppositionelle zeigen: Die jüngste Großmacht bleibt ein Polizeistaat alter Schule.

Von Rüdiger Falksohn, , , , und


Was bleibt, ist das Bild der kleinen Qianci, vier Monate alt, auf dem Arm ihrer Mutter Zeng Jinyan. Angstvoll, aus zerknautschtem Gesicht, schreit die Kleine nach Leibeskräften. Sie weiß natürlich nicht, warum sich die Kamerateams so dicht zu ihr hinabbeugen, sie mit ihren Lichtern blenden und die Mikrofongalgen so gefährlich nahe hängen. Sie hört nur ihre Mutter, die gleichzeitig schimpft und weint, in bitteren Worten die Regierung anklagt und sich tapfer die Tränen aus dem Gesicht wischt. Und die ihr Kind schließlich dem Trubel entführt und nach Hause trägt in die von Schranken abgesperrte Wohnanlage, ein prächtiges Ergebnis vorolympischer Stadterneuerung im Pekinger Vorort Tongzhou. Die Siedlung trägt den schönen Namen "Bo Bo Freedom City".

Welch ein Zynismus. Qianci wird in dieser Freiheitsstadt erst einmal ohne ihren Vater Hu Jia, 34, aufwachsen müssen. Das Erste Mittlere Volksgericht in Peking hat den Dissidenten an diesem Tag zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt - formal wegen eines angeblichen "Aufrufs zur Untergrabung der Staatsgewalt", den Hu in fünf regierungskritischen Internet-Artikeln verbreitet haben soll.

In Wahrheit verurteilten die Richter den Computerexperten, weil er Chinas Gäste für die XXIX. Olympischen Spiele der Neuzeit auf eine Weise empfangen hat, die Pekings Herrscher nicht dulden können. Die in ihren Augen das ganze Staatsgefüge gefährdet.

Kommt, hatte Hu im September vorigen Jahres in einem offenen Brief den Besuchern zugerufen, aber vergesst nicht, dass diese gigantische Jubelfeier, die Blumenmeere, das Lächeln der Hostessen und die Feuerwerksorgien, dass diese blitzblanke Stadt mit ihren avantgardistischen Sportpalästen und Alleen voller Flaggen aus aller Herren Länder, dass diese ganze Harmoniebeschwörung unter dem von der Partei vorgegebenen Motto "Eine Welt, ein Traum" auch ihre bittere Kehrseite hat.

Denn dieser Traum ist für viele Chinesen auch ein Alptraum, zuweilen gar ein blutiger. Er bedrückt ein Land, das, so Hu, "keine Wahlen kennt, keine Religionsfreiheit, keine unabhängigen Gerichte und keine unabhängigen Gewerkschaften". Ein Land, "in dem eine effektive Geheimpolizei Folter und Unterdrückung aufrechterhält, in dem die Regierung selbst die Verletzung von Menschenrechten betreibt und nicht bereit ist, internationale Verpflichtungen einzuhalten".

Natürlich entsprechen diese Worte dem Chinabild eines Quertreibers, der sich seit Jahren für Aids-Kranke und Bittsteller einsetzt, die wegen Pekings Olympia-Bauwut ihre Wohnungen verloren haben. Dass aber auch dieses Bild wahr ist, muss Chinas derzeit berühmtester Dissident nun am eigenen Leib erfahren.

Finstere Tage für China, finster für Olympia und finster für die Welt.

Nach der Niederschlagung der Tibeter-Rebellion in Lhasa und in den westlichen Provinzen des Riesenreichs leidet der Westen am Wiedererkennungsschock einer längst überwunden geglaubten Vergangenheit. Die moderne Wirtschaftsmacht China mit all ihren Attributen westlich geprägter Globalisierung entpuppt sich plötzlich wieder als ganz gewöhnliche Diktatur alten Stils, als perfekter Polizeistaat, in dem es gefährlich ist, seinen Kopf zu heben.

Fast jeder Tag bringt eine neue, bittere Desillusionierung für die eigentlich bewunderungswilligen Ausländer, die so gern staunen über die Skyline von Shanghai, die Modernisierungswut der chinesischen Wirtschaft und die Staus, die stolze Neuwagenbesitzer in Chinas Mega-Citys noch um ein Uhr morgens produzieren.

Pekings Polizisten zerstören nun die Hoffnungen, dass Chinas Aufstieg zur reichen Weltmacht die politische Öffnung notwendig nach sich ziehen würde. Dass Starbucks-Coffeeshops die demokratische Diskussion erzwingen. Oder dass Audi-Limousinen die uneingeschränkte Freiheit garantieren können. Vorbei.

Gerade die Olympischen Spiele, die eine Belohnung für Chinas gelungenen Aufschwung sein sollten, zeigen nun, dass sich die Tyrannei weniger geändert hat, als viele glaubten, seit 1989 Panzer auf den Platz des Himmlischen Friedens zurollten, um die Demokratiebewegung niederzuwalzen. "Es wird immer klarer, dass ein großer Teil der gegenwärtigen Repressionswelle nicht trotz der Olympischen Spiele, sondern gerade wegen ihnen geschieht", schreibt Amnesty International in seinem jüngsten China-Bericht über die verratenen Spiele.

In China, das im Westen so gern als eine Art benevolenter Wohlstandsdiktatur angesehen worden war, ist eben vieles noch beim Alten. Am Tag, als in Griechenland das olympische Feuer entzündet wurde, verurteilte ein Gericht den Arbeitslosen Yang Chun Lin zu fünf Jahren Haft, weil er gefordert hatte: "Menschenrechte statt Olympische Spiele".

Gerade im Vorfeld der Wettkämpfe hätten in Peking die Razzien gegen Menschenrechtsaktivisten, aber auch gegen Bettler und Landstreicher zugenommen, klagt der Amnesty-Bericht. Die Polizei hat Listen mit den Namen ausländischer Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und bekannter Aktivisten ausgearbeitet. Sie sollen schnelle Zugriffe ermöglichen, wenn es zu Protesten kommt.

Auch wurden in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen in Umerziehungslager gesteckt, wohl um die Stadt von Störenfrieden jeglicher Couleur zu befreien. Im Januar hatten Pekinger Medien von einer neuen Säuberungskampagne berichtet - "um illegale Aktivitäten auszuhebeln, die dem Image der Stadt schaden und die soziale Ordnung aushebeln".

In den unter Polizeiaufsicht stehenden Lagern sind die Häftlinge den Launen ihrer Aufseher ausgeliefert. Immer wieder berichten Zeugen davon, dass nachts betrunkene Polizisten die Insassen "auffordern, sich ihrer Mitgefangenen anzunehmen" und so die Häftlinge aufeinanderhetzen. Andere Umerzogene beklagen die fehlende medizinische Versorgung und das erbärmliche Essen.

Mit besonderem Eifer vergällen die Behörden den 210 Millionen chinesischen Internet-Surfern die Lust an Kritik und Nörgelei. Seit vorigem Herbst springen bei einigen Nutzern alle 30 Sekunden Polizeisymbole auf; die Cyber-Beamten sollen vor unbedachtem Widerspruch warnen. Zudem wird gegen Handy-Nutzer ermittelt, die per SMS die "öffentliche Sicherheit in Gefahr bringen".

Am brutalsten ist die Repression jedoch in den vom Aufstand heimgesuchten Gebieten Tibets und Westchinas, wo es auch drei Wochen nach ihrem Ausbruch noch Proteste gibt, bei deren Niederschlagung vorigen Freitag acht Tibeter ums Leben gekommen sein sollen. Um die rebellischen Provinzen endlich zu befrieden, verkündete Peking, dass die Regierung noch in diesem Monat über tausend Tibeter vor Gericht stellen will - Angeklagte, die nach den Unruhen verhaftet wurden, und auch jene, die sich in der Hoffnung auf ein mildes Urteil selbst gestellt hatten.

Was ihnen vorgeworfen wird, ist in jener langen Chronologie erkennbar, die Chinas Botschafter vorige Woche an die Weltpresse mailten. Die Rebellen seien von der "Dalai-Clique" vor allem deshalb "zum Aufstand angestachelt" worden, um die "Loslösung" von China zu erzwingen. Auch das gilt als "Aufruf zum Umsturz" nach chinesischen Straftatbeständen und überdies als "Gefährdung der staatlichen Einheit" - Untaten jedenfalls, die schwere Strafen nach sich ziehen.

Doch selbst wenn dieser Aufstand juristisch rasch aufgearbeitet werden sollte, ist er dann vier Monate später vergessen, wenn das olympische Feuer Peking wieder erreicht?

Der gerade begonnene, "Reise der Harmonie" genannte Fackellauf rund um die Welt (und nach einem Gipfelsturm den Mount Everest hinauf wahrscheinlich auch durch Lhasa) dürfte zum Quell einer unaufhörlichen Blamage für die Chinesen werden. Anti-Peking und Pro-Tibet-Proteste wird es praktisch an jeder Station geben, mit der wahrscheinlichen Ausnahme von Pjöngjang, Nordkorea.

In Istanbul schaffte es ein unbekannter Demonstrant vorigen Donnerstag, bis auf fünf Meter an die Fackel heranzukommen, dann packten ihn Polizisten. Der Fackelläufer konnte ausweichen, sofort gingen seine sechs chinesischen Begleiter in blauen Olympia-Trainingsanzügen in Kampfstellung, durchtrainierte Typen mit Sonnenbrillen und Baseballmützen. Peking überlässt den Schutz der Flamme nicht den Sicherheitskräften der jeweiligen Etappenländer, sondern lässt ein paar Feuerwächter gleich mitlaufen.

Die Konflikte um die Stafette sind programmiert. Wie in Bangkok verweigern zahlreiche Sportler und Prominente, die Fackel durch ihre Heimatstädte zu tragen. Bürgermeister ändern die bereits veröffentlichte Laufstrecke und wollen die neue erst im letzten Moment preisgeben. Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit soll das Feuer so etwa durch die indonesische Metropole Jakarta geschmuggelt werden.

Weil ein Großteil ihrer Bewohner chinesischer Herkunft sind, wurde San Francisco als einzige Station des olympischen Feuers in den USA ausgewählt. Nun wird es wohl nicht einmal durch die Straßen der weltberühmten Chinatown getragen werden. Seit Tagen schon versammeln sich jeden Mittag Demonstranten vor dem Rathaus und skandieren: "Lasst Chinas blutige Fackel zu Hause."

Gesinnungsfreunde haben außerdem zwei alternative Fackelläufe angemeldet: Die "Menschenrechts-Fackel" und die "Fackel der tibetischen Freiheit" werden Tage vor der olympischen Flamme in der Stadt ankommen. Zu einer Mahnwache bei Kerzenschein auf dem Platz der Vereinten Nationen am Dienstag werden der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und der Schauspieler Richard Gere erwartet.

Nur noch knapp drei Kilometer soll die Flamme auch durch die indische Hauptstadt Neu-Delhi getragen werden, vom schwerbewachten Tor des Präsidentenpalasts zum berühmten India Gate. Doch statt der eigentlich vorgesehenen 105 Sportler, Politiker und Bollywood-Stars werden höchstens 10 bis 15 Träger die Flamme weiterreichen. Indiens größter Fußballstar Bhaichung Bhutia, ein Buddhist aus dem ostindischen Bundesstaat Sikkim, hat die Ehre abgelehnt. "Was sich in Tibet abspielt, ist nicht richtig", sagt er. "Ich werde die Fackel nicht tragen."

Westliche PR-Profis haben sich einen eigenen Namen für die so dramatisch verkorkste Harmonie-Reise ausgedacht. Für sie wird da die "Flame of Shame" weitergereicht, die Flamme der Schande. Das Wort wird hängenbleiben und Chinas Image weiter schädigen - falls das noch möglich sein sollte.

Kann die Welt unter solchen Umständen überhaupt noch Olympia feiern? Sie wird es wohl. Alle Boykott-Aufrufe waren bisher eher halbherzig, auf jede entsprechende Forderung erhob sich ein Chor von Abwieglern, die entweder die aufstrebende Weltmacht nicht beleidigen, eigene Investitionen schützen oder heimische Sportler nicht frustrieren wollten. Aber Spaß machen wird das Athleten-Treffen kaum mehr; die Hoffnung, die kosmopolitische Feier werde das Riesenreich endgültig als volles Mitglied der Staatengemeinschaft etablieren, ist verflogen.

Wer will schon zur Fanmeile ziehen, wenn die Stadt von Sicherheitsbeamten nur so wimmelt. Die Zehntausenden Polizisten und Soldaten, die die Spiele sichern sollen, sind in den Augen der Besucher nicht länger zu unterscheiden von jenen Truppen, die den Tibet-Aufstand so martialisch niedergeschlagen haben.

Welch ein Desaster: Olympia in Ketten.

Das sah zu Beginn des Jahrtausends noch ganz anders aus. Im Sommer 2001 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Bolschoi-Theater von Moskau seine Wahl getroffen, und die war eindeutig: Schon im zweiten Stimmgang setzte sich Peking durch. Die Konkurrenten hießen Toronto, Paris, Osaka und Istanbul, sie hatten keine Chance. China war ein perfekter Ort für das IOC, das bei seinen Entscheidungen die Idee der Völkerverständigung ebenso berücksichtigt wie die Interessen von Sponsoren. IOC-Präsident Jacques Rogge überzeugte sich 2007 persönlich vor Ort.

Das Land hatte sich zu einem Wirtschaftsgiganten gepuscht, der Westen lässt dort produzieren, was zu Hause zu teuer ist, und es hat Zukunft wie kein anderes: 1,3 Milliarden potentielle Konsumenten. Das Votum war auch deswegen so deutlich, weil Peking acht Jahre zuvor an Sydney gescheitert war.

Die Idee, die Spiele ins Reich der Mitte zu holen, hatte Deng Xiaoping, der große Antreiber des neuen China: 1990 fanden in Peking die Asienspiele statt, ein Jahr nach der Studentenrevolte kamen 6122 Athleten aus 37 Ländern nach China. Es war das erste große internationale Sportereignis in der Geschichte Chinas. Bei einer Besichtigung der Anlagen sagte Deng, sie seien zu gut, um dort nicht bald auch die Olympischen Spiele auszutragen.

Ein besonders einflussreicher Befürworter dieses Plans war Juan Antonio Samaranch, der schon damals greise Chef des IOC. Wenige Monate vor der Entscheidung drehte er, im Beisein des Fernsehens, gemeinsam mit dem Bürgermeister Pekings ein paar Fahrradrunden auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

China ließ sogar Regimekritiker frei, doch die Vorbehalte waren noch zu groß. Peking unterlag mit zwei Stimmen, Samaranch blieb wohlwollend: Sollte sich China noch einmal bewerben, "würden wir uns sehr freuen".

Das China, das acht Jahre später in Moskau kandidierte, war ein anderes Land. Diesmal wurden keine Dissidenten entlassen. Diesmal war der Antrag weniger eine Bitte nach Wiederaufnahme in die Staatengemeinschaft, sondern das Begehren eines selbstbewussten Staates, der sogar den Ort des Massakers von 1989 mit Sand aufschütten wollte für die lässigen Beachvolleyball-Wettbewerbe. Die ganze Welt, versprach Chinas IOC-Vertreter He Zhenlian, werde von der Vergabe an Peking profitieren.

Viele Argumente der jetzigen Boykott-Debatte wurden schon damals diskutiert. Der außenpolitische Ausschuss des US-Repräsentantenhauses sprach sich mit großer Mehrheit gegen Peking aus. Die Zahl der Menschenrechtsverletzungen in China sei "abscheulich", das Europaparlament äußerte sich ähnlich.

Thomas Bach, heute Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und damals zweiter Mann des IOC, sagte seinerzeit: "Es gibt zwei Schulen. Die eine sagt, dass man die Spiele nicht in ein Land vergeben sollte, solange es nicht einen gewissen Menschenrechtsstandard erfüllt. Die andere Schule sagt, dass die Spiele dabei helfen, das Land zu öffnen."

Bach und Samaranch haben den Chinesen geglaubt, weil sie ihnen glauben wollten. Liu Jingmin war damals schon Vizebürgermeister Pekings und so etwas wie der Sprecher des Bewerbungskomitees. Heute ist er Vizepräsident des Pekinger Organisationskomitees, und seine Versprechen vom Frühjahr 2001 klingen aus jetziger Sicht grotesk. "Bekommt Peking die Spiele", hatte er gesagt, "hilft das der Entwicklung der Menschenrechte." Liu suggerierte, aus China könne ein liberales Land werden und redete von "völliger Freiheit" für Reporter.

Als die Vergabe perfekt war, träumte man von einer wunderbaren Party, auf der sich die Chinesen als offene, tolerante und freundliche Weltbürger präsentieren, die die Organisation eines Riesen-Sportfestivals perfekt und pannenfrei bewältigen - all dies in einer aufgeräumten Stadt mit extravaganter Architektur.

30 000 Journalisten und 500.000 Besucher aus dem Ausland werden erwartet. Nach Jahrzehnten der Isolation, der blutigen Kampagnen und politischen Experimente ist China wieder da - und hat nichts anderes im Sinn als seinen "friedvollen Aufstieg".

Auch führende US-Sinologen wie Richard Baum glaubten, die globale Aufmerksamkeit werde "zusammen mit Pekings starker Motivation, der Außenwelt die bestmöglichen Spiele zu präsentieren, verhindern, dass Chinas Führer die großen politischen Fehler der Vergangenheit wiederholen".

Die KP ihrerseits wollte nicht zuletzt auch bei vielen skeptischen Bürgern punkten und beweisen, dass nur sie imstande ist, solch eine organisatorische Leistung zu vollbringen und den angeblich immer wieder von Ausländern gedemütigten Chinesen zu Stolz und Selbstbewusstsein zu verhelfen. Ihr Kalkül: Wer sich für die Spiele begeistert, der kann gar nicht anders, als auch die Partei zu lieben.

In ihrem Überschwang machte die Parteispitze jedoch einen fatalen Fehler. Sie glaubte, die Politik aus ihrer Olympia-Gala heraushalten zu können, während sie selbst die Spiele fleißig für ihre Zwecke instrumentalisierte. Als Menschenrechtler, Umweltschützer und nicht zuletzt die Tibeter begannen, das olympische Forum ebenfalls zu nutzen, fielen die chinesischen Führer aus allen Wolken und empörten sich. Die Spiele müssen unpolitisch sein, fordern sie seither.

Zu spät - seit Lhasa ist jeglicher Kredit verspielt, lange bevor die Muskelparade am 8. August losgeht. Würden die Spiele noch einmal vergeben, hätte Peking wohl keine Chance mehr auf den Zuschlag.

Dem "Fest der Jugend" fernbleiben will aber kaum eine Nation wirklich - und es dürfte auch wenig bewirken. Eher heizt ein Boykott nationalistische Trotzreaktionen an, wie die Erfahrung zeigt.

Im Vorfeld der Berliner Nazi-Nabelschau 1936 etwa hatte die US-Athleten-Union ein Fernbleiben erwogen, sich aber dann mit knapper Mehrheit doch zur Anreise entschieden, obwohl ihr schon lautstark rassistische Parolen entgegenhallten ("Neger haben auf der Olympiade nichts zu suchen").

Die NSDAP inszenierte, trotz und wegen der massiven Ablehnung im Ausland, eine Propagandaschau ungekannten Ausmaßes, mit Leni-Riefenstahl-Filmen, die den arischen Athletenkörper ästhetisch überhöhten. In Erinnerung blieb aber vor allem der überragende farbige Amerikaner Jesse Owens, der Superstar von Berlin.

1980 boykottierten erstmals komplette Nationen Olympia, weil die gastgebende Sowjetunion Afghanistan besetzt hatte. In die "Hauptstadt einer Invasionsmacht" mochte Washingtons Außenminister Cyrus Vance keine US-Equipe entsenden, denn das "hieße, den olympischen Mantel für die Handlungen dieser Nationen auszuleihen".

Neben den Westdeutschen schlossen sich 41 Nationale Olympische Komitees an, 24 weitere verzichteten bei der Gelegenheit aus finanziellen oder sportlichen Gründen, oder sie ließen die Einladung unbeantwortet. Viele Verbände widersetzten sich allerdings ihren Regierungen, ließen nur anstandshalber die Eröffnungsfeier aus oder marschierten ohne Landesfahne ein.

UdSSR und DDR scheffelten gut gedopt die Medaillen; aus Afghanistan zogen sich die Sowjets erst Ende der Achtziger zurück. 1984 revanchierte sich der Ostblock durch einen Verzicht auf Los Angeles.

Die Daheimgebliebenen durften sich jeweils ärgern, weil sie jahrelang umsonst trainiert hatten, politisch wurde nichts erreicht. So blieb denn auch die deutsche Sportszene zunächst zurückhaltend, als jetzt ein Verzicht auf Peking zur Debatte stand. Der Deutsche Olympische Sportbund winkte ab, die Athleten reagierten erleichtert. "Olympische Spiele sind für jeden Athleten das Größte", meinte Hammerwerfer Markus Esser, ein Boykott wäre wie "ein Schlag ins Gesicht".

Während die Funktionäre zu den Vorgängen in Tibet beharrlich schwiegen, stets mit dem ebenso alten wie törichten Hinweis, Olympia und Politik seien zwei Paar Schuhe, zeigten zumindest einige Athleten Haltung.

Die Mainzer Stabhochspringerin Anna Battke kündigte an, in Peking immerhin protestieren zu wollen. Es sei eine Pflicht, "auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen". Die Degenfechterin Imke Duplitzer will die Eröffnungsfeier auslassen, weil sie sich "ein wenig an 1936" erinnert fühle: "Auch damals hat sich ein Regime bei Olympia präsentiert."

Doch der Handlungsspielraum ist stark eingeschränkt. Laut IOC-Charta sind innerhalb der Olympiastätten politische Meinungsäußerungen tabu. Es drohen Ausschluss und Aberkennung von Medaillen.

Die deutschen Wasserballer, Mitfavoriten um Gold, haben deshalb die Idee, in orangefarbenen Bademänteln aufzulaufen, in der Farbe buddhistischer Mönche. Andere Olympioniken unterstützen das Menschenrechtsportal "netzathleten.de" und wollen Bändchen mit dem Aufdruck "Sports for human rights" tragen. Mehr als solch dezente Solidarität hat Tibet nicht zu erwarten - niemand will die Karriere gefährden.

Wer gegen das Verbot unzulässiger Propaganda verstoße, "kann unverzüglich und nach Prüfung des Einzelfalls ausgeschlossen werden", erklärte Ende voriger Woche der regelkundige deutsche IOC-Vertreter Walther Tröger. "Wer allerdings aus Gewissensgründen an den Spielen nicht teilnehmen möchte", fügte er an, "dem steht das selbstverständlich frei."

Eine Ermunterung zu individuellem Boykott? Der Augenblick wäre passend, auf China einzuwirken, die Chance ist da. Denn sicher ist: Chinas Konzept einer glattflächigen Eigenwerbung funktioniert nicht mehr. Weder eine rauschende Eröffnung noch sonstige bunte Einfälle werden jene uniformierten Brutalos vergessen lassen, die in Diensten Pekings die Straßen in Tibet und anderswo säuberten.

Dabei sah bis dahin so vieles rosig aus für die Weltmacht im Wartestand. Mit seinen Wolkenkratzern und schicken Flughäfen, mit seinen Repräsentanten, die sich auf internationalen Märkten und Messen so vertraut bewegen wie im Nudelrestaurant vor der Haustür, die sich in Investmentfonds und Rohstoffmultis einkaufen, wirkt China mittlerweile wie ein moderner kapitalistischer Staat.

Noch nie ging es den Bürgern so gut wie heute, sie dürfen reich werden, verreisen, sich ein Apartment kaufen, in Harvard studieren und all das tun, wovon sie vor 30 Jahren nicht zu träumen wagten. Querköpfe aber riskieren schwere Strafen.

Der KP steht ein ausgeklügeltes System aus Staatsfarmen und psychiatrischen Kliniken, Umerziehungs- und Arbeitslagern, Gefängnissen und "Rechtsschulen" zur Verfügung, in denen die Kommunisten unbequeme Geister verschwinden lassen. Im vorolympischen China wird nach Berichten von Opfern auf Polizeiwachen noch immer geprügelt und gefoltert. Das Recht, wenn es denn überhaupt vorhanden ist, wird gebeugt und gedehnt. Sippenhaft, wie im Fall Hu Jias, dessen Frau Zeng Jinyan unter ständiger Bewachung lebt, ist gang und gäbe.

Richter braucht es nicht, um Kleinkriminelle, Prostituierte, Drogenabhängige oder Anhänger verbotener religiöser Organisationen wie Falun Gong bis zu vier Jahre in Umerziehungslager zu stecken. Das darf die Polizei entscheiden. Derzeit sitzen über 300.000 Häftlinge in insgesamt 310 solcher Camps. Es braucht auch keinen Richter, wenn die Beamten meinen, der Delinquent müsse noch ein Jahr länger bleiben, weil er nicht genug Reue gezeigt habe.

Zudem haben Ordnungshüter das Recht, Verdächtige wochenlang in Arrestzellen zu sperren, einen Anwalt lassen sie oft nicht zu. Dissident Hu wurde nachts stundenlang verhört. Damit seine Frau nicht mit Journalisten spricht, drohten ihr Beamte: "Wir nehmen dir dein Kind weg, du bekommst es nur zum Stillen zurück."

Vielen chinesischen Juristen geht die Allmacht der Polizei zu weit. Und auch die Regierung denkt mittlerweile darüber nach, das drakonische Strafrecht zu mildern. So soll "Umerziehung durch Arbeit" auf ein Höchstmaß von unter 18 Monaten begrenzt werden, und Verdächtige sollen das Recht auf einen Anwalt erhalten.

Weil in den vergangenen Jahren immer mehr Kriminelle, zum Teil unschuldig, hingerichtet wurden, richtete der Oberste Gerichtshof neue Kammern ein, die alle Entscheidungen der Provinzgerichte überprüfen. Das tun sie allerdings nur nach Aktenlage, Zeugen werden nicht gehört. Gleichwohl werden, berichten Fachleute, weniger Straftäter mit Genickschuss oder Giftspritze getötet als früher. Wie viele es sind, bleibt Staatsgeheimnis, Schätzungen nennen bis zu 6000 im vorigen Jahr. Das ist noch immer mehr, als in allen anderen Ländern mit Todesstrafe zusammengenommen.

Nur wenige Stunden nach dem Urteil gegen Hu Jia sitzt der Amerikaner John Kamm im Zimmer 402 des Pekinger Renaissance-Hotels auf einem beigefarbenen Sofa. Alle drei Monate kommt der Gründer der Duihua-Stiftung nach Peking. Duihua heißt Dialog.

Kamm versucht, in diskreten Gesprächen politische Häftlinge freizubekommen oder zumindest ihre Lage zu erleichtern. Auch dieses Mal wird er eine Liste mit den Namen politischer Gefangener übergeben. "Die Atmosphäre in Peking ist so gespannt, wie ich sie seit 1989 nicht mehr empfunden habe", sagt Kamm und rückt seine Harry-Potter-Brille zurecht. Der Empfang durch die Regierungsbeamten sei zwar freundlich gewesen, der Ton jedoch sehr scharf. "Es gibt kein Anzeichen dafür, dass die Chinesen aufgrund der internationalen öffentlichen Meinung einlenken werden."

Insgesamt wurden nach offiziellen Daten im vorigen Jahr 742 Menschen wegen Delikten wie "Gefährdung der Staatssicherheit" verhaftet, viele davon in der muslimischen Region Xinjiang. "Das sind doppelt so viele wie 2005", sagt Kamm. "Das Olympia-Jahr 2008 wird auch bei den politischen Verhaftungen ein Rekordjahr."

Obendrein müssen sich die KP-Oberen plötzlich Sorgen machen in einem ganz anderen Bereich, der bis vor kurzem rundum glänzte: der Wirtschaft. Deren Daten waren bislang recht erfreulich. Der Aktien-Index hatte sich seit Mitte 2005 mehr als vervierfacht. Schüler, Studenten, Rentner, die ganze Volksrepublik schien fast nur noch aus Zockern zu bestehen.

Um an der Börse mitspielen zu können, belasteten Millionen Chinesen ihre Wohnung mit Hypotheken. Bis zu den Sommerspielen, spekulierten sie, würden die roten Planer keinen Crash zulassen. Denn Peking fachte die Blase ja kräftig mit an.

Eine Rekordzahl von Staatskonzernen verwandelte sich in Aktiengesellschaften, immer neue Jubelbilder gingen um die Welt, etwa als im Herbst der Bergbaukonzern Shenhua Energy an den Markt ging. Auf einem roten Teppich reihten sich die Firmenbosse feierlich auf, sie konnten kaum fassen, was sie über sich auf der riesigen elektronischen Anzeigetafel lasen. Um fast 90 Prozent schnellte der Aktienkurs am ersten Tag in die Höhe.

Doch das olympische Aktienfieber kühlte ab, noch bevor die tibetischen Mönche revoltierten. Das Überangebot an neuen Börsentiteln drückte die Kurse, und es wuchs die Angst vor den Folgen der weltweiten Finanzkrise auch für China. Seit seinem Höchststand im vorigen Jahr verlor der Index von Shanghai über 40 Prozent seines Werts.

"Er fällt wieder, er fällt" - das waren die letzten Worte eines Aktionärs namens Xie, bevor er Mitte März im Verkaufsraum eines Wertpapierhauses in Chongqing tot umfiel. Der 61-Jährige hatte vier Fünftel seiner Ersparnisse an der Börse verloren.

Nur einen Tag später sprang eine Anlegerin aus dem 23. Stock eines Hochhauses in Shenzhen, aus Verzweiflung über den Aktien-Crash. Und vor der städtischen Börse schwenkte vergangene Woche ein Aktionär eine Fahne mit dem wütenden Slogan: "Warum tut Peking nichts?" Erst als die Polizei kam, ging er heim.

Fast wöchentlich besänftigt Premier Wen Jiabao auf Reisen seine Untertanen. Mal drückt er darbenden Bauern die Hand und beklagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Mal bemitleidet er Kunden eines Supermarkts, die über die steigenden Preise, vor allem für Schweinefleisch, jammern.

Chinas Kommunisten sind hochnervös, auch ohne Tibet. 30 Jahre nachdem Deng die Politik der Öffnung und Reformen verkündete, reißt der Fortschritt immer tiefere Gräben ins Volkskollektiv. Das moderne China lässt sich daher immer schwerer regieren, und gerade deshalb setzten die Führer große Hoffnungen auf Olympia.

Endlich steuerte das Reich der Mitte wieder auf ein gemeinsames Ziel zu, das alle unbeschwert hätten bejubeln können - wären da nicht der altböse Dalai Lama, die von ihm aufgehetzten Tibeter und ihre publizistischen Hilfstruppen im Westen.

Das Freudenfest sollte sowohl von ethnischen Spannungen als auch von den Kehrseiten des Wirtschaftswunders ablenken. In den Nachrichten des staatlichen Fernsehens, gleich zur Begrüßung, werden die Zuschauer allabendlich daran erinnert, wie viele Tage es noch bis zur Olympiade hin sind. Die Sprecher verlesen inbrünstig Jubelmeldungen, aber selbst in dieser Sendung lassen sich die wachsenden ökonomischen Sorgen nicht ausblenden.

Vor allem die drohende Rezession in den USA macht der Weltfabrik zu schaffen. Plötzlich erkennt die Großmacht, wie hilflos ihre Volkswirtschaft inzwischen von der Supermacht jenseits des Pazifiks abhängt, dem wichtigen Kunden, der zugleich der größte Schuldner ist. Weil China gleichwohl Jahr für Jahr Millionen neuer Arbeiter mit Jobs versorgen muss, birgt schon eine kleinere Konjunktur-Delle soziale Sprengkraft.

Auch ohne Tibet hätte die Welt in diesem Jahr also Anlass genug, kritisch hinter die chinesische Fassade zu schauen, die ausländischen Olympia-Sponsoren inklusive.

Noch vor vier Jahren konnten beispielsweise die Statthalter von VW in Peking ihre Freude kaum fassen. Für einen Riesenbetrag hatten sie das Recht erworben, den olympischen Fuhrpark zu bestücken. Doch nun ist die Begeisterung verflogen.

In Wolfsburg hat Konzernsprecher Andreas Meurer die unangenehme Aufgabe, das Engagement herunterzuspielen: Anders als Coca-Cola oder Microsoft sei VW kein "internationaler Sponsor", man leiste nur logistische Unterstützung, sie beziehe sich "rein auf China".

Ein Verzicht, sagt Meurer, sei "kontraproduktiv". Doch VW könnte sich gar nicht mehr zurückziehen, selbst wenn es wollte. Auf seinem wichtigsten Auslandsmarkt handelt der Autobauer im Joint Venture mit zwei von Chinas mächtigsten Staatskonzernen, sie sind jeweils strikt in die Industriepolitik der Regierung eingebunden. Würde VW die Olympiade boykottieren, wäre das fast so, als würde Hu Jintao sich selbst ausladen.

Auch andere deutsche Sponsoren wie Adidas und Schenker sind in der Zwickmühle. Daheim stehen sie als Zahlmeister einer Propagandashow da, in China aber würden selbst halblaute Appelle zur Mäßigung als Parteinahme für die Tibeter verstanden werden. Ein landesweiter Boykott ihrer Produkte wäre denkbar.

Wer nur das ultramoderne China kennt, der kann kaum ermessen, wie fanatisch sich chinesischer Volkszorn derzeit gegen die westliche Kritik an der Unterdrückung Tibets austobt, sowohl in der staatlichen Presse als auch im Internet. Es ist, als hätte China die Uhr um Jahrzehnte zurückgedreht.

Chauvinistischer Staatsfunk steht auf dem Programm. Und passend dazu kommt auch Xing Zhibin zum Einsatz. Seit drei Jahrzehnten verkündet die TV-Veteranin - züchtiges Kostüm, gestrige Frisur - in den Abendnachrichten jede neue ideologische Wendung. Als leite sie eine "Kampfsitzung" während der Kulturrevolution, verliest sie mit schriller, anklägerischer Stimme die Vorwürfe gegen den Volksfeind Nummer eins, den Dalai Lama.

Kein Tag vergeht ohne Warnungen vor neuen Verbrechen, die der Exil-Gottkönig plane: "Nach unseren Erkenntnissen wollen die tibetischen Separatisten als Nächstes Selbstmordeinheiten bilden, um gewaltsame Attacken zu starten", verkündet das Ministerium für Öffentliche Sicherheit.

Die Propaganda stößt auf offene Ohren.

Für die Mehrheit der Chinesen geht es

nicht um Demokratie oder Diktatur, auch nicht um Menschenrechte. Es geht schlicht

um die Einheit des Vaterlandes und um die Herrschaft der Han-Chinesen über ethnische Minderheiten wie die Tibeter. Und deshalb sieht sich China, wieder einmal, im Abwehrkampf gegen den Rest der Welt.

Die Sympathien für Tibet im Westen rufen bei der stolzen Kulturnation Erinnerungen an die Aufteilung durch das Ausland wach. Erst öffneten die europäischen Imperialisten das Land gewaltsam im Zuge des Opiumkriegs von 1840 bis 1842, später fielen die Japaner ein und unterwarfen massakrierend große Teile Chinas.

Vor allem unter jungen, von der Partei erzogenen Chinesen flammt überzogener Nationalstolz leicht auf. Im Cyberspace, wo ein Heer staatlicher Zensoren regimekritische Blogs sofort löscht, darf das Volk seinen geballten Unmut über die Europäer nach Herzenslust abreagieren.

"Einst benutzten sie Kanonen, um ihre üblen Taten in China zu begehen", schimpft ein Blogger auf dem beliebten Web-Portal sina.com, "das wagen sie jetzt zwar nicht mehr, stattdessen aber kommen sie mit dem Slogan von Demokratie und Menschenrechten." Ein anderer wirft den Westlern vor, "gehirngewaschen" zu sein - und reicht damit ein westliches Argument kampfeslustig zurück.

Trotz macht sich breit, auch an höchst offiziellen Stellen. Die Spiele seien ein Ereignis der ganzen Welt, keine Bühne speziell für China, sagt Jiang Yu, die Sprecherin des Außenministeriums in Peking und äußert zugleich vorbeugend: "Glauben Sie nicht, China könne isoliert werden, wenn jemand nicht kommt."

Fast schon bereuen es die Chinesen, dass sie sich überhaupt auf das Wagnis Olympia einließen. Vor dem Auftakt feuere die Westpresse ihre ganze Munition gegen China ab, schreibt Liu Zuokui von der regierungstreuen Akademie für Sozialwissenschaften. Nun würden "die üblen Absichten dieser Leute enthüllt".

Die Politiker reden nicht mehr von fröhlichen Wettkämpfen, von Spaß, von einer entspannten Begegnung der Jugend der Welt. Nur noch von "sicheren Spielen" und von der Aufgabe, "die Stabilität zu erhalten". Bestärkt wurden sie jüngst in ihrer Furcht vor Bösewichtern, als Stewardessen eine Uigurin in einem Flugzeug von Ürümqi nach Peking entdeckten, die Benzin in die Kabine geschmuggelt hatte und es offenbar entzünden wollte.

Die Behörden durchforsten die Biografien ausländischer Journalisten und Sportler nach politischen Aktivitäten. Stolz zeigten Polizisten Pressevertretern, wie sie um das Hauptstadt-Stadion jede Bushaltestelle mit Kameras überwachen.

Nichts soll und darf nunmehr das hehre Ereignis stören. Entsprechend steif verlief die Zeremonie vorige Woche auf dem Tiananmen-Platz, als die Funktionäre das olympische Feuer aus Griechenland empfingen. Polizisten und Soldaten riegelten das Herz Chinas weiträumig ab, unter die geladenen Teilnehmer und Journalisten mengten sich jede Menge Aufpasser, die darauf achteten, dass die Künstler nichts "Politisches" sagten.

Wozu Peking die Olympiade jetzt eigentlich noch braucht? Staats- und Parteichef Hu Jintao war jedenfalls keinerlei Begeisterung anzumerken, als er vergangenen Montag die olympische Fackel an den ersten Läufer übergab, unter Polizeischutz und abgeschirmt vom Volk. "Wenn Hu und Premier Wen so könnten, wie sie wollten", sagt ein KP-Kenner, "dann würden sie die Spiele absagen."

Doch das wäre ein unverzeihliches Zeichen der Schwäche. Also rückt die Partei enger zusammen - Augen zu und durch.

Stocksteif, in dunklem Anzug und mit rotem Schlips stakste Hu über den Platz des Himmlischen Friedens. Hinter ihm leuchtete das riesige Mao-Porträt, und vor ihm erhob sich das Mausoleum, in dem der einbalsamierte Vorgänger ruht. Auch optisch verkündete Peking der Welt mit dieser TV-Inszenierung: Seht her, die olympische Flamme lassen wir brennen, aber nur im alten ideologischen Rahmen.

Noch nicht einmal die Berichterstattung zur Übergabe des olympischen Feuers ließ Peking frei vonstatten gehen. Als der japanische Sender NHK, der auch in chinesischen Hotels zu empfangen ist, über Proteste gegen den Fackellauf berichtete, unterbrachen die Zensoren die Sendung sofort.

Der Bildschirm wurde schwarz.



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