AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2008

Kultur Fee auf Hustensaft

Nahaufnahme: In London stellt Hollywood-Star Scarlett Johansson ein Debütalbum mit Cover-Versionen von Tom-Waits-Songs vor.

Von Moritz von Uslar


Ein schöner und wahrer, weil von keinem PR-Agenten zu planender Moment ist erreicht, als der Filmstar sich plötzlich nach vorn beugt und heftig am rechten Unterschenkel kratzt.

Bravo! Freundliches Gelächter unter den rund 50 Journalisten, die aus ganz Europa in einen Club ins Londoner Westend gereist sind, um an diesem Nachmittag das musikalische Coming-out der Schauspielerin Scarlett Johansson, 23, zu erleben.

Das Mädchen, das mit Filmen wie "Der Pferdeflüsterer" und "Lost in Translation" bekannt wurde, zögert nun, blickt seinen Produzenten an, der neben ihm auf der Bühne sitzt: Habe ich etwas falsch gemacht?

Nicht doch, Darling, du bist nur soeben, für zwei erschütternd lange Sekunden, aus deiner Rolle als blondester und begehrtester Jungstar Hollywoods, als neue Marilyn Monroe, herausgefallen - das war zauberhaft, das wollen wir natürlich öfter von dir sehen!

Wieder zurück in ihrer Rolle, erzählt Scarlett Johansson nun weiter Wissenswertes über ihr erstes Popalbum, das "Anywhere I Lay My Head" heißt und Mitte Mai erscheint: Neben einer neuen Komposition ("Song for Jo") versammelt es ausschließlich Cover-Versionen der amerikanischen Songwriter-Legende Tom Waits.

Moment, das Blondchen hat sich darangemacht, die kaputten und verqueren Säuferhymnen eines der mystisch verehrtesten Liederschreiber Amerikas nachzusingen? Exakt, genau das ist geschehen. Das Album produziert hat der New Yorker David Sitek, 35, von der New Yorker Kunstrockband TV On The Radio.

Knapp 45 Minuten lang hat die Scarlett-CD auf das Publikum eingedröhnt. Und es ist dem Medienvolk erst ein Schrecken, dann respektvolle Verwunderung darüber anzumerken, dass diese Songs so gar nicht wie die Originale und doch genauso kunstsinnig abgefahren und verschroben klingen. Dieses Debüt will jedenfalls nichts mit dem Hitparaden-Pop der Schauspielerkollegin Jennifer Lopez zu tun haben.

Gleich im ersten Song der CD ("Fawn") darf der Hollywood-Star nicht singen - kein schlechter Gag: Das Instrumental steigert sich in einen Sound-Orkan, kreischende Synthesizer und Saxofone. Bombastischer hat der "Thin White Duke" David Bowie seine 78er-Tournee, bei der er voll auf Kokain war, auch nicht begonnen.

Als Scarlett dann singt, klingt sie geradezu schockierend tief - wie ein sicher gutaussehender, intelligenter, junger Mann. Diese Stimme gehört in den New Wave der späten siebziger Jahre, als Frauen wie Patti Smith und Lene Lovich die singende Frau mit ihren Männerstimmen abzuschaffen versuchten. Und dazu passt, was Sitek als grandios aufgedonnerten Kunstrocksound aufbaut, mit viel Elektronik, mit Banjos, Grillenzirpen und gelegentlich herrlich billig scheppernden Beats.

Im Tom-Waits-Klassiker "I Wish I Was in New Orleans" von 1976 klimpert eine Spieluhr. Wenn Scarlett mit ihrer vorsichtig intonierten Stimme, die kaum fünf Töne umfasst, die Tom-Waits-Zeile "I'll drink you under the table" singt, dann klingt das sexy, geheimnisvoll, gekonnt deplaziert.

Das soll die blonde Süße sein, die dem jungen Tennislehrer in "Match Point" beim Pingpong-Spielen die Augen verdreht? Phantastisch! Ganz früher nannte man diese Musik Psychedelic. Für zwei Songs hat der Großvater aller verstörenden Kunstrocksounds, David Bowie, sein "Ohoho" als Background-Gesang beigesteuert.

Die musikalische Karriere der Schauspielerin kommt natürlich nicht aus dem Nichts: Unvergessen ist ihr Karaokeauftritt in dem Film "Lost in Translation". In Musikvideos von Bob Dylan und Justin Timberlake hat sie mitgemacht und zuletzt, "Yes we can" gospelnd, in einem Werbevideo für Barack Obama. Auf einem Hollywood-Charity-Album fiel Mrs. Johansson als stimmlich souveräne Interpretin des Gershwin-Standards "Summertime" auf.

Und noch mal: Was für eine Freude, sie, die führende Hollywood-Blondine, dort oben auf der Bühne sitzen zu sehen! Ihr Aussehen wirkt erst in der zweiten Minute (in Minute eins sieht sie eher originell als schön aus). Das immer richtige Dreieck aus weißblonden Haaren, weißer Haut, kirschrotem Mund. Ihr weicher, herrlich unsportlich aussehender Körper, (deshalb vergleicht man sie mit der Monroe, weil sie deren Fünfziger-Jahre-Figur hat).

Der Produzent bezeichnet sich selbst nun als "Überproduzenten". Seinen Sound verortet er beim neuerdings wieder todeshippen Achtziger-Jahre-Dream-Pop der schottischen Band Cocteau Twins. Wenn Siteks Band TV On The Radio in London auftritt, drängeln sich die Galeristen und Fotografen, unter ihnen die Modemacherin Stella McCartney und das Model Kate Moss. Gefragt, wie Scarlett denn klingen sollte, antwortet Sitek so kryptisch avanciert, wie seine Musik klingt: "Wie eine Fee auf Hustensaft."

Wie der Produzent und sein Babe da auf der Bühne sitzen, müssen einem der klassische Liedermacher und seine Muse, etwa Lee Hazlewood und Nancy Sinatra, Serge Gainsbourg und Jane Birkin, einfallen. Es ist die alte Geschichte vom hippen Bastard und seinem unschuldigen Engel.

Ahnt Scarlett, was für ein aufregendes Album da in ihrem Namen entstanden ist?

Der Star erklärt: "Ich habe versucht, ein Album aufzunehmen, für das ich selber 15,99 Dollar zahlen würde." Das sollte man schon ausgeben.



© DER SPIEGEL 15/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.