AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2008

Medienpolitik Ein Köder für die Presse

ARD und ZDF wollen im Internet nicht nur ihre TV- und Radioprogramme verbreiten, sondern auch Textjournalismus anbieten. Doch das Vorhaben stößt auf den erbitterten Widerstand der Verleger. Wie viel Öffentlich-Rechtliches braucht das Netz eigentlich?

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Wenn man die Größen von ARD und ZDF danach fragt, was eigentlich das Tolle an einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sei, dann gibt es zwei mögliche Antworten. Eine offizielle und eine inoffizielle.

Die eine steckt voller großer Vokabeln wie "Qualität" und "Demokratie", "öffentlicher Auftrag" und "Unverzichtbarkeit", sie strotzt vor Zitaten aus hoch- und höchstrichterlichen Urteilen.



ZDF-Intendant Markus Schächter trägt sie auf den Podien der Republik genauso unfallfrei vor wie der ARD-Vorsitzende Fritz Raff.

Die andere Antwort ist zwar nur inoffiziell, aber dafür auch viel simpler. Sie lautet: Geld muss nicht erst verdient werden. Es ist schon da.

Sie müssten, erzählen die öffentlichrechtlichen Manager schon mal im kleinen Kreis, im Gegensatz zu den Kollegen von den Privatmedien überhaupt nicht darüber nachdenken, ob sich das, was sie machen, irgendwann einmal rentiert. Das sei ein Vorteil, sagt ein ARD-Mann lächelnd, den er im Internet natürlich voll ausspielen könne.

Es ist sehr viel Geld, von dem hier die Rede ist, von mehr als sieben Milliarden Euro, die ARD und ZDF jährlich kassieren. Dieses Gebührengeld soll künftig nicht mehr allein dazu dienen, eine Fernsehalternative zu den Privatsendern zu finanzieren. ARD und ZDF wollen es viel stärker als bisher einsetzen, um den noch jungen journalistischen Angeboten im Internet Konkurrenz zu machen, den Online-Auftritten von "FAZ", "Süddeutsche Zeitung" und zig Regionalzeitungen, den Portalen von "Focus", "Stern" und SPIEGEL.

Das hat seinen Grund. Die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender wurmt es ziemlich, dass etwa die Seiten heute.de und tagesschau.de für das Internet nicht annähernd die gleiche Bedeutung haben wie "Tagesschau" und "heute" für das Fernsehen.

Jede Prognose darüber, dass die journalistische Bedeutung des Web zunimmt, weckt ihre Zukunftsangst, und die wächst immer weiter mit jedem Jahr, in dem die Benutzerzahlen des Internet steigen, mit jeder neuen Untersuchung über das Medienverhalten junger Menschen, die sich vom Fernsehen ab- und dem Internet zuwenden. "Wer nicht ins Netz geht, geht ins Museum", formuliert ZDF-Intendant Schächter sarkastisch.

Was sich die öffentlich-rechtlichen Sender in so einer Lage wünschen, ist nicht schwer zu erschließen. Sie würden die publizistische Dominanz, über die sie am Fernsehmarkt verfügen, am liebsten auch auf das Zukunftsmedium Internet ausdehnen.

"Das Internet gehört allen", hat der ARD-Vorsitzende Raff als Parole ausgegeben, und darunter versteht er längst nicht mehr nur, dass ARD und ZDF ihre TV-Sendungen auf Abruf ins Internet stellen können. Es ist auch nicht mehr genug, dass sie zu diesen Sendungen weitere Informationen im Netz anbieten dürfen. Das wäre für Raff "medientechnisches Mittelalter". ARD und ZDF wollen mehr.

Sie wollen im Internet journalistisch alles machen, was möglich ist. Video, Radio und - da wird es knifflig - auch Text. Mit einem riesigen Apparat im Rücken und einer Heerschar von Journalisten auf Abruf.

Im Grunde wollen sie im Internet betreiben, was ihnen auf Zeitungspapier bisher verwehrt ist. Sie wollen Textjournalismus machen. Sie wollen Presse sein. Elektronische Presse. Mit Gebührengeld bezahlte öffentlich-rechtliche Presse im Internet.

Es ist klar, dass die deutschen Zeitungsverleger Sturm laufen gegen solche Pläne. Sie sehen ihre eigenen Internet-Projekte bedroht.

Auch die Zeitungsverleger sind voller Zukunftszweifel angesichts des schleichenden Bedeutungsverlustes der gedruckten Tageszeitung. Sie schauen sorgenvoll in die USA, deren Papierjournalismus eine massive Krise durchzittert. Auch für die Verleger gibt es auf Dauer keine Alternative, als ihr Glück im Internet zu versuchen.

Und ausgerechnet auf der Informationsplattform der Zukunft sollten die Öffentlich-Rechtlichen ihre finanzielle Übermacht ausspielen dürfen? Schon mit einem Bruchteil ihrer Etats könnten ARD und ZDF rasch dominant werden und die wachsende journalistische Vielfalt allmählich ersticken.

Seit Monaten schwelt der Streit über dieses Thema. Doch richtig giftig wurde er erst vor zwei Wochen. Da gelang es der Lobby der Zeitungsverleger, in einem Entwurf für eine anstehende Änderung des Rundfunkstaatsvertrags einen Satz unterzubringen, den sich die Verleger dort seit Monaten hineinwünschen. Es ist ein Satz, der für ARD und ZDF festschreibt: "Eine elektronische Presse findet nicht statt."

ZDF-Intendant Schächter war darüber so empört, dass er die Autoren des Entwurfs bei den im eigenen Haus organisierten Mainzer Tagen der Fernsehkritik donnernd "unter Zensurverdacht" stellte.

SWR-Intendant Peter Boudgoust, in der ARD zuständig für die Internet-Strategie, brachte seinen Rundfunkrat gar dazu, öffentlich in Stellung zu gehen gegen den Entwurf der Politik. Die Wächter stellten ihm in schönstem Kanzleideutsch einen Freifahrtschein aus: "Der Rundfunkrat unterstützt den Intendanten nachhaltig in seinem Bemühen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Möglichkeit zur Erfüllung seines dynamischen Auftrags gerade im Online-Bereich zu erhalten."

Es ist exakt dasselbe Gremium, das nach den Plänen der ARD künftig darüber wachen soll, ob ein neues Internet-Angebot des SWR öffentlichen Mehrwert hat oder nicht.

Bisher hatten ARD und ZDF hauptsächlich versucht, den Argwohn der Verleger mit Kuscheloffensiven und Umarmungstaktik zu ersticken. Besonders Boudgoust, der im Jahr 2009 ARD-Vorsitzender werden soll, hat darin inzwischen eine gewisse Meisterschaft entwickelt. Interessengegensätze schleift er gekonnt weg, wenn er Sätze sagt wie: "Es kann gar nicht genug Qualitätsjournalismus geben."



insgesamt 2289 Beiträge
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Seite 1
Severine1985, 15.04.2008
1. Was spricht gegen die Texte?
Zitat von sysopSollen ARD und ZDF ihre Gebührengelder in Textangebote im Internet stecken? Oder sich auf Radio und Fernsehen beschränken?
Ich lese lieber einen Text, als mir einen Film anzusehen oder eine Radiosendung zu hören. Anstatt die Tagesschau anzusehen, lese ich die Nachrichten auf tagesschau.de und fände es sehr schade und rückschrittlich, wenn dieses Angebot wegfallen würde.
DJ Doena 15.04.2008
2.
Sie sollten mal versuchen, den Großteil der sieben Milliarden in vernünftiges Programm zu stecken: Und bevor jemand mit dem Feigenblättchen arte/Phoenix kommt: Die kosten Peanuts.
kleiner-moritz 15.04.2008
3.
Zitat von sysopSollen ARD und ZDF ihre Gebührengelder in Textangebote im Internet stecken? Oder sich auf Radio und Fernsehen beschränken?
Nein, denn was nützt es, die doch meist dünnschichtige Berichterstattung auch noch aufzuschreiben? Die Anregung zu sehen reicht aus. Beim Deutschlandfunk finde ich es allerdings gut - ist aber nicht das Thema.
tomkater 15.04.2008
4.
Zitat von DJ DoenaSie sollten mal versuchen, den Großteil der sieben Milliarden in vernünftiges Programm zu stecken: Und bevor jemand mit dem Feigenblättchen arte/Phoenix kommt: Die kosten Peanuts.
Ich finde das Programm von ARD und ZDF um Klassen besser, als das, was RTL, Sat1 und Co zu bieten haben.
Severine1985, 15.04.2008
5. Was spricht gegen Texte?
Zitat von sysopSollen ARD und ZDF ihre Gebührengelder in Textangebote im Internet stecken? Oder sich auf Radio und Fernsehen beschränken?
Ich lese lieber einen Text, als mir eine Fernsehsendung anzuschauen oder Radio zu hören. Anstatt mir die "Tagesschau" anzusehen, nutze ich lieber das Internetangebot www.tagesschau.de. Warum wurde mein erster solcher Beitrag hier (mit gleichem Inhalt) eigentlich zensiert??
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