AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2008

Verkehr Salz in der Suppe

Wenn Polizisten mit Blaulicht fahren, wird es lebensgefährlich: Die Beamten sind nach Expertenmeinung zu schlecht ausgebildet und überschätzen sich oft.


Der Polizeiberuf gilt gemeinhin als gefahrenträchtig, die Jagd nach Verbrechern als riskant. In Wahrheit jedoch leben Polizisten, so die Statistiken der Berufsgenossenschaften, genauso sicher wie Köche oder Lagerarbeiter. Die Arbeit eines Bergarbeiters ist um ein Vielfaches gefährlicher.

Demolierter Streifenwagen (in München): Verengtes Blickfeld ab Puls 170
DDP

Demolierter Streifenwagen (in München): Verengtes Blickfeld ab Puls 170

Eine ernsthafte Gefahr allerdings gibt es für Polizisten - und alle Bürger: das Blaulicht auf den Streifenwagen. Fast täglich knallt es auf Deutschlands Straßen bei der Verbrecherjagd, 1435 Beamte starben seit Gründung der Republik durch Unfälle, oft bei Blaulicht-Fahrten. Denn der normale Polizist, so eine aktuelle Analyse von zwei Experten der schleswig-holsteinischen Polizeischule bei Bad Malente, sei für halsbrecherische Manöver im Straßenverkehr weder ausgebildet, noch sei er in der Lage, den enormen Stress zu bewältigen. Den Kollegen fehlten Wissen und Erfahrung, wie die Polizeibeamten Martin Herrnkind und Stephan Schwentuchowski beklagen*.

Die beiden Beamten kennen das Metier. So eine abenteuerliche Verfolgungsfahrt sei für viele Kollegen das "Salz in der Suppe" des Alltags. Die Beamten dürfen ordentlich Gas geben, durch den Gegenverkehr rauschen und bei Rot über die Kreuzung brettern. Und wenn sie sich erst wie bei "Miami Vice" fühlten, bleibe die in den deutschen Dienstvorschriften angemahnte "Sorgfaltspflicht" bisweilen auf der Strecke - mit tödlichen Folgen nicht allein für die Polizisten.

So starb im November vergangenen Jahres in Offenbach bei Frankfurt eine 54-Jährige, als ein Polizeiwagen im Einsatz auf einer Kreuzung einen Opel Corsa rammte. Fünf weitere Menschen wurden bei dem Crash verletzt. Wenige Monate zuvor hatte in Hannover eine Polizistin bei einer Einsatzfahrt einen Fußgänger mit ihrem Streifenwagen erfasst und getötet.

Unfälle wie diese passieren, weil der Fahrer oft völlig überfordert ist: Der Polizist darf den Flüchtenden nicht aus dem Auge verlieren, muss gleichzeitig den Verkehr beobachten, dazu tutet das Martinshorn mit ohrenbetäubendem Lärm, und aus dem Funkgerät plärren ständig neue Befehle. Die Hände werden schweißnass, der Puls rast.

Ab 170 Herzschlägen pro Minute aber, das haben Polizeiuntersuchungen ergeben, bekomme der durchschnittliche Beamte kaum noch einen Satz mit, der länger als zwei Sekunden dauert und mehr als sechs Wörter enthält. Das Blickfeld verenge sich, alle Gedanken konzentrierten sich auf den Verfolgten. An diesem Punkt, raten die Malenter Experten, solle besser Schluss sein.

Allzu oft aber verdrängt der Jagdinstinkt die Vernunft. Je rasanter die Flucht, desto intensiver die Verfolgung. Selbstüberschätzung und "Lust an der Übertretung" der üblichen Regeln, so der niedersächsische Soziologe Rafael Behr, seien "Teil der Polizeikultur", gehörten zum Mythos, der diesen Beruf für manche umgebe.

Aber nur wer die legale Raserei regelmäßig übt, kann halbwegs gelassen bleiben, wenn die Reifen qualmen. Die Beamten der Sondereinsatzkommandos trainieren etwa auf stillgelegten Flugplätzen filmreife Verfolgungsjagden - die normalen Polizisten proben solche Manöver hingegen nur in Ausnahmefällen.

Aus Kostengründen haben fast alle Länderinnenministerien die gesamte Fahrausbildung auf ein Minimum reduziert. Meist müssen sich angehende Beamte mit etwas Theorie und ein paar Runden auf dem Verkehrsübungsplatz begnügen.

Solche Lücken in der Ausbildung können teuer werden: Als etwa die Berliner Polizei 2002 ihre betagten VW Bullis gegen 250 neue, 177 PS starke 5er BMW austauschte, bauten die Ordnungshüter damit innerhalb von zwei Jahren 376 Unfälle. Die Reparaturen kosteten mehr als 600.000 Euro, dazu kamen 21 Totalschäden. Erst dann verordnete Innensenator Ehrhart Körting Nachschulung.

Ähnliches geschah in Hamburg, wo 2005 reihenweise neue Mercedes-Mannschaftswagen umkippten: Die Motoren waren zu stark, die Polizisten preschten im Eifer des Gefechts oft zu schnell um die Ecken - und legten die hochbeinigen Kisten mit Schwung auf die Seite.

Bayern hat immerhin in Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg einen Fahrsimulator entwickelt, auf dem seit 2006 jeder Polizist im Freistaat geschult wird. Nach Ansicht von Jürgen Pfaffenzeller, Ausbildungsleiter im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg, sind die Ergebnisse "sehr zufriedenstellend", auch wenn ein Einfluss auf die Unfallzahlen nicht belegt sei.

Ein Simulator aber kann die Praxis nicht ersetzen. Als ordentlich gilt nach Einschätzung des sächsischen Verkehrsexperten Dieter Müller einzig die Ausbildung in Nordrhein-Westfalen, wo jeder Polizeischüler zu zwei Wochen Auto-Training verpflichtet ist. Blaulicht-Fahrten proben allerdings auch die NRW-Polizisten nicht unter realistischen Bedingungen. Denn die Polizeigesetze aller Länder erlauben die Raserei nur bei echter Gefahr in Verzug - nicht zur Übung.


* Stephan Schwentuchowski, Martin Herrnkind (Hg.): "Einsatz- und Verfolgungsfahrten". Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main; 235 Seiten; 19,80 Euro.



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