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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2008

Verbraucherschutz: Die neue Klassengesellschaft

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Der Handel mit Informationen über Kunden boomt, meist ohne Wissen der Beteiligten. Aus den Angaben über Konsumverhalten oder Zahlungsmoral erstellen Auskunfteien Bonitätszeugnisse. Schon eine Wohnung im falschen Stadtteil kann die Chancen etwa auf einen Kredit schmälern.

Jens N.* ist Arzt und einer der Leistungsträger dieser Gesellschaft. Er betreibt eine Gemeinschaftspraxis in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, seine Frau ist ebenfalls Medizinerin. Beide fahren große Autos, ihr Jahreseinkommen liegt im sechsstelligen Bereich. Es gibt nicht viel, was Jens N. sich nicht kaufen kann, und als er an der Total-Tankstelle in der Nachbarschaft den Antrag für eine Tankkarte unterschrieb, wollte er eigentlich nur eins: schneller und bequemer tanken.

Die Antwort kam schriftlich, und sie war gleichermaßen eindeutig wie überraschend: Antrag abgelehnt, Begründung - keine.

Der Arzt glaubte an einen Irrtum und fragte nach. Bei Total erfuhr er zu seinem Erstaunen, das liege an seinem Schufa-Eintrag. Eigentlich könne man da nichts machen, aber ausnahmsweise könne er das Kundenkärtchen doch noch bekommen - gegen Vorkasse. Der Mediziner verzichtete und wandte sich stattdessen an den Datenschutzbeauftragten und den Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Damit befindet sich Jens N. inzwischen in bester Gesellschaft. Die Auswirkungen der digitalen Erfassung betreffen mittlerweile Millionen Bundesbürger. Bei den Verbraucherschützern stapeln sich Beschwerden aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen.

Da ist das gutsituierte Ehepaar, das sich vergebens um einen simplen Festnetztelefonanschluss bemüht. Da ist der promovierte Chemiker im Öffentlichen Dienst mit 3600 Euro netto, dem ein Kredit über 5000 Euro verweigert wird. Und da sind unzählige Versandhandelskunden, die sich darüber wundern, warum der Händler ihrer Wahl sie nicht oder nur per Vorkasse beliefert, während Bekannte die Ware per Rechnung bezahlen können.

Die meisten Verbraucher wissen bis heute nicht, dass sie täglich vor Einkäufen und bei fast jedem Vertragsabschluss gerastert, auf Auffälligkeiten geprüft und dann in entsprechende Schubladen sortiert werden. Auf diese Weise unterteilt eine ganze Branche die Gesellschaft in gute und in schlechte Konsumenten, in solvente und vermeintlich insolvente. Es ist eine neue Klassengesellschaft, die so entsteht - und in der ein Blick in den Computer verrät, wer zu welcher Schicht gehört.

Anders als in den achtziger Jahren, als die Angst vor einem Orwellschen Polizeistaat grassierte, sei Deutschland heute eher "auf dem Weg in eine Überwachungsgesellschaft", kritisiert der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. Im Internet-Zeitalter ist es längst nicht mehr nur der Staat, sondern es sind zunehmend private Unternehmen, die einen Wissensschatz über die Bevölkerung anhäufen und für ihre Zwecke auswerten. Vom "Fluch und Segen neuer Technologien zugleich" spricht sogar Wolfgang Schäuble (CDU). Der Überwachungsinstrumenten traditionell eher zugeneigte Bundesinnenminister warnt vor dem Datenhunger der Privatwirtschaft: "Wir müssen aufpassen, im 'Global Village' nicht unsere Freiheit zu verlieren."

Scoring: So funktioniert der Daten-Handel
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Scoring: So funktioniert der Daten-Handel

Zum Verdächtigen wird dort, wen Unternehmen qua negativem Eintrag in Datenregistern dazu machen. Es ist ein System, bei dem man schon dann als unsicherer Kantonist gelten kann, wenn man im "falschen" Wohnviertel lebt oder eine Automarke fährt, die bei säumigen Zahlern besonders verbreitet ist - eine regelrechte Art nachbarschaftlicher Sippenhaft.

Und es ist ein System, dem nahezu jede Kontrolle von außen fehlt, weil die Ermittlungen nicht von Staatsdienern geführt werden, sondern von Spezialisten privater Unternehmen, die mit den Kundenprofilen einen schwunghaften Handel betreiben und sich bei Nachfragen gern hinter dem Geschäftsgeheimnis verschanzen.

Zentrale Bedeutung hat dabei das sogenannte Scoring - ein mathematisches Verfahren, bei dem bis zu 300 verschiedene Merkmale über einen Kunden mit ähnlichen Fällen aus der Vergangenheit verglichen werden. Daraus errechnet der Computer einen statistischen Wert, den sogenannten Score. Es ist eine Art Kopfnote, oft zwischen null und hundert, die etwas darüber aussagen soll, wie zahlungswillig und vor allem wie zahlungsfähig der jeweilige Kunde in spe tatsächlich ist.

Was einst als berechtigtes Interesse der Banken begann, die wissen wollten, wem sie einen Kredit einräumen können, wird heute quer durch alle Branchen angewandt: Wer einen neuen Handy-Vertrag unterschreibt, ein Auto least oder sich beim Elektronik-Discounter einen LCD-Fernseher auf Ratenzahlung besorgt, kann davon ausgehen, gecheckt zu werden.

Scoring, sagt der Datenschutzbeauftragte Schaar, sei wie "ein Ölfleck, der sich unkontrolliert ausbreitet".

Selbst Zahnärzte informieren sich mitunter vor teuren Zahnersatzbehandlungen über die Bonität ihrer Patienten, Vermieter scoren Mietaspiranten, Buchbestellungen bei Internethändlern lösen Anfragen bei Auskunfteien aus.

Oft sind es schon individuelle, vermeintlich problematische Konsumgewohnheiten wie der Besitz mehrerer Kreditkarten, Handy- oder Auto-Leasingverträge, die teure Konsequenzen haben können: Entweder die Bankberater verweigern den Kredit ganz, oder sie bieten Darlehen zu schlechteren Konditionen - eine Form der diskreten Diskriminierung, die auch Michael Wilken zu spüren bekam.

Der grauhaarige 60-Jährige aus Hannover ist eine gepflegte Erscheinung, er könnte glatt selbst als Banker durchgehen. Wilkens Lebensumstände müssten ihn eigentlich zu einem Traumkunden jedes Bankberaters machen: Er hat ein festes überdurchschnittliches Einkommen, ist verheiratet und lebt seit 34 Jahren in derselben Stadt. Umso erstaunter war er, als er auf eine Bankenwerbung hin im vergangenen Jahr eine Filiale betrat und 10.000 Euro zum angepriesenen Zinssatz von 4,5 Prozent aufnehmen wollte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Alle Räder stehen still..
khcdm 24.04.2008
Als nicht ganz Branchenfremder kann ich dazu nur sagen: analphabetische Spezifikationen und mies bezahlte IT ergeben eben eine brisante Mischung. Das ist der Preis für die unter anderem im Total-Offshoring sich äussernde deutsche Technikfeindlichkeit und ein Beweis für die Macht der IT. Freut mich!
2. Illegal
Stefan Albrecht, 24.04.2008
Die Verwertung von Daten über schwarzfahren z. B. halte ich für eindeutig illegal, rein aus meinem persönlichen Rechtsempfinden heraus! So was ist zwar kein Witz aber es ist sehr persönlich und wenn man dabei erwischt wird, muss man ja auch eine Strafe bezahlen. Dabei soll's aber dann auch bleiben! Es ist kein Straftatbestand und aus meiner Sicht wäre allein die Verwendung solcher persönlicher Daten Grund genug die SAF zu liquidieren und alle Festplatten und sonstigen Datenträger zu formatieren oder besser, einzuschmelzen! Hier sind Leute am Werk, die glauben, sich alles erlauben zu können und die riesigen Schaden anrichten.
3. Wenn man wollte, hätte man das seit Jahren wissen können
Edenliving 24.04.2008
Liebe Leute, genau das gibt es in den USA schon seit Jahrzehnten. Und genau die beschriebenen Auswüchse von unkontrollierter und unbegründeter Willkür hat Menschen dort seither in den Ruin oder Schlimmeres getrieben. Das mathematische Verfahren zur Berechnung des Creditscores ist streng geheim, niemand weiss, wie die sein Leben so massiv beeinflussende Zahl überhaupt zustande kommt. Erst die amerikanische Sucht nach Rassengleichheit hat über das dort sogenannte Redlining (Viertel mit Problembevölkerung) Anfänge geschaffen, das Creditscoring wenigstens in soweit zu begrenzen, als dass nun jeder das Recht hat, einmal im Jahr den seinen kostenlos einzusehen, und wenn Probleme auftauchen seinen Widerspruch innerhalb von vier Wochen beantwortet zu bekommen. Immerhin. Warum glauben die Deutschen immer, alles alleine besser zu wissen? Ein Blick in die USA hätte schon vor Jahren gereicht um die entsetzlichen Auswüchse zu sehen.
4. Schufa - Mafia ?
Barbamaree, 24.04.2008
Ich finde die Methoden der Schufa als Privatunternehmen gehen eindeutig zu weit! Auf deren Home-Page sind 10 sogenannte Irrtümer über die Schufa gelistet... Unglaublich, was da bei den Richtigstellungen als toller Service verkauft wird! Die Bonität der Kunden sollte der Verkäufer individuell prüfen, bei großen Unternehmen könnten die LZB die Rolle der Schufa übernehmen, jedoch ohne dieses ominöse Scoring, das mir doch kalt über den Rücken läuft! Bei Schulden, die nicht zurückgezahlt werden, sollte ein Eintrag bei der jeweiligen LZB gemacht werden, das wäre legitim. Alles andere ist Big Brother total, wenn Vater Staat wie die Schufa handeln würde, gäbe es einen Aufstand! Na ja, Schäuble geht ja schon in diese Richtung ...
5. Diskriminierung als Geschäftsmodell
Andreas Heil, 24.04.2008
Zitat von EdenlivingLiebe Leute, genau das gibt es in den USA schon seit Jahrzehnten. Und genau die beschriebenen Auswüchse von unkontrollierter und unbegründeter Willkür hat Menschen dort seither in den Ruin oder Schlimmeres getrieben. Das mathematische Verfahren zur Berechnung des Creditscores ist streng geheim, niemand weiss, wie die sein Leben so massiv beeinflussende Zahl überhaupt zustande kommt. Erst die amerikanische Sucht nach Rassengleichheit hat über das dort sogenannte Redlining (Viertel mit Problembevölkerung) Anfänge geschaffen, das Creditscoring wenigstens in soweit zu begrenzen, als dass nun jeder das Recht hat, einmal im Jahr den seinen kostenlos einzusehen, und wenn Probleme auftauchen seinen Widerspruch innerhalb von vier Wochen beantwortet zu bekommen. Immerhin. Warum glauben die Deutschen immer, alles alleine besser zu wissen? Ein Blick in die USA hätte schon vor Jahren gereicht um die entsetzlichen Auswüchse zu sehen.
Nun, in den USA ist zumindest verboten, nach diesen Merkmalen auch noch automatisiert zu diskriminieren. Wer etwa wie deutsche CEG nach Geschlecht, Alter oder "Herkunftsanmutung" sortiert, hätte da sofort eine Millionenklage am Hals. Kostenlos einsehen können Sie hierzulande natürlich auch. Sie brauchen im Fall der CEG nur nach Neuss fahren, kein Problem, ansonsten berappen Sie recht ordentlich. Bei der Datenqualität müßten Sie eigentlich alle zwei Wochen kontrollieren und dann sind sie schon im Kostenbereich eines Mobilfunkvertrages - und das nur um Fehler und Falschinformationen der Anbieter zu verhindern. Es werden ja auch immer mehr, von denen Sie nicht wissen, was für einen Unsinn, die über Sie zu wissen behaupten. Grund für die faktisch deutlich kostenbehaftete Selbstauskunft ist nur und ausschließlich das Geschäftsinteresse der Anbieter. Bei real kostenloser Selbstauskunft würde ja niemand mehr für die Dienstleistung zahlen wollen, sondern gerne auf die Vorlage der aktuellen kostenlose Selbstauskunft ausweichen.
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