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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2008

Spekulation: Tödliche Gier

Von Beat Balzli und Frank Hornig

Gewaltige Geldmengen fließen in die Rohstoffbörsen. Das treibt die Preise für Weizen oder Reis weiter in die Höhe. Hedgefonds und Kleinanleger sind für den globalen Hunger mitverantwortlich.

Es ist nicht lange her, da hat Dwight Anderson die Presse noch mit weit geöffneten Armen und jovial aufbereiteten Anekdoten empfangen. Er erzählte Geschichten aus seiner Welt. Der Welt des großen Geldes.

Freimütig schwärmte der New Yorker Hedgefonds-Manager erst im Oktober von seinen Besuchen auf Palmölplantagen in Malaysia und bei brasilianischen Getreidebauern: "Man konnte deutlich sehen, wie sich das Angebot verknappt."

Schon im Sommer 2006 pries Anderson die kommende "außergewöhnliche Rentabilität" von Ackerfrüchten - ganz egal, ob Mais oder Sojabohnen. Aus seiner Sicht verbarg sich hinter dem weltweit wachsenden Hunger bereits damals ein tolles Geschäft. Ein todsicheres.

Mehrere Dutzend seiner Mitarbeiter durchstreifen in seinem Auftrag die Anbaugebiete der Welt, immer auf der Suche nach neuen Investitionsgelegenheiten. Zurück in New York, am Firmensitz hoch über der Park Avenue im 27. Stock eines Bürogebäudes, wetten sie dann auf Agrarmärkte von Peru bis Vietnam.

Hier oben in den zerklüfteten Gipfeln Manhattans verliert man leicht die Bodenhaftung. Gerade erst ließ sich der Hedgefonds-Manager John Paulson für einen neuen Rekordgewinn feiern: 3,7 Milliarden Dollar - in einem Jahr. In dieser Sphäre gibt es nur eine Sorge: die renditehungrigen Anleger zu enttäuschen.

"Ich lebe dauernd unter Strom", sagte Anderson gern. Unter Kollegen wird er als "Rohstoffkönig" gefeiert, sein Hedgefonds Ospraie ist weltweit der größte der Branche, auch wenn er die Medien mittlerweile meidet. Fotos vom König dürfen auch nicht mehr gedruckt werden. Der milliardenschwere Fonds hat sie einfach vom Markt gekauft. Auch sein Sprecher wird neuerdings vor allem fürs Schweigen bezahlt.

Dabei gibt es Fragen genug. Vor allem Fragen der Moral; Fragen über die Verantwortung internationaler Investoren für die globale Lebensmittelpreiskrise. Nicht nur: Profitieren sie vom Hunger in Honduras, auf den Philippinen oder in Bangladesch? Sondern auch: Befeuern sie diesen aktuellen Notstand mit ihren Börsengeschäften womöglich?

Tag für Tag verschärft sich die Lage. Indonesien verhängte, wie zuvor schon Indien und Vietnam, einen Ausfuhrstopp für einfachen Reis. In Nordkorea steht laut Vereinten Nationen bereits eine humanitäre Krise bevor. Nach Unruhen von Bangladesch bis Usbekistan gingen am Donnerstag vergangener Woche auch Tausende Südafrikaner in Johannesburg auf die Straße, um gegen die hohen Lebensmittelpreise zu protestieren. In Haiti wurde nach Ausschreitungen der Ministerpräsident gefeuert.

Spätestens zum 1. Mai müssen 500 Millionen Dollar an Soforthilfe bereitstehen, verlangt die Uno - sonst drohen schlimme Hungersnöte. Bei der Unesco legten Agrarwissenschaftler zugleich einen Bericht über die dramatische Welternährungslage vor.

Studien wie diese passen bestens ins Bild, wenn Rohstoffhändler, Fondsmanager und Analysten dieser Tage die Preisexplosionen auf den Lebensmittelmärkten begutachten. Die Getreidelager sind beinahe leer, während gleichzeitig die Weltbevölkerung wächst, der Wohlstand steigt und damit die Nachfrage nach oben schnellt.

Futtermais wird knapp, weil die Indu-striestaaten damit Biokraftstoffe erzeugen. Beim Weizen hatten Dürren etwa in Australien verheerende Folgen. Zurzeit reichen die Weltvorräte nur noch für rund 60 Tage.

All das hilft, die Kursrallye seit Anfang 2006 zu erklären: Reis plus 217 Prozent, Weizen plus 136 Prozent, Mais plus 125 Prozent, Sojabohnen plus 107 Prozent.

Trotzdem liefert die klassische Angebots- und Nachfragetheorie nur einen Teil der Wahrheit. Hedgefonds, Indexfonds, Pensionskassen, Investmentbanken: Sie alle trifft nun eine Mitschuld für den verhängnisvollen Kursanstieg.

Denn spekuliert wird längst nicht mehr nur auf Klassiker wie Öl und Gold, sondern auf alles, was essbar ist und an der Terminbörse in Chicago gehandelt wird. Egal, ob Weizen, Orangen oder Schweinebäuche, für alles gibt es Terminverträge.

Mit diesen sogenannten Futures können Bauern von jeher ihre Ernte frühzeitig verkaufen - Menge, Preis und Liefertermin lassen sich fest vereinbaren, selbst wenn die Ähren noch im Wind auf dem Acker wehen. Landwirte und Getreidegroßhändler sichern sich so traditionell gegen Wetterunbill und allzu große Preisschwankungen ab.

Diesen Mechanismus machen sich nun Spekulanten zunutze: Sie kaufen solche Lieferscheine etwa für Weizen günstig ein und wetten auf einen Preisanstieg. Wenn das Getreide dann am vereinbarten Liefertag tatsächlich teurer ist, machen sie Kasse.

Mittlerweile sieht es für Fachleute so aus, als hätten Finanzinvestoren kurzerhand gleich den ganzen Markt gekapert. Sie kaufen wie wild Futures und treiben die Preise kurzfristig weiter in die Höhe. So verdoppelte sich etwa der Preis für Reis seit vergangenem August - auch für die 500.000 Tonnen, die die Philippinen in ihrer Not Anfang Mai kaufen wollen.

Greg Wagner arbeitet seit über zwei Jahrzehnten im Getreidehandel. Sein Büro liegt nur einen Block von der Terminbörse Chicago entfernt. Was dort derzeit etwa beim Weizen passiert, hat der Analyst der Firma AgResource noch nicht gesehen.

"Normalerweise haben wir hier eine überschaubare Gruppe von Verkäufern und Käufern, also von Farmern und Silobetreibern", sagt er. Mit dem Zustrom großer Indexfonds hat sich das geändert. Die Finanzmanager raffen, was sie an Terminkontrakten kriegen können. Folge: "Die Preise klettern immer höher und höher", sagt Wagner.

Inzwischen, so hat er errechnet, halten die Finanzinvestoren die Rechte an zwei kompletten Jahresproduktionen der in Chicago gehandelten Weizensorte "Soft Red Winter Wheat".

Wagner wirkt darüber immer noch ziemlich fassungslos. Der Kapitalismus frisst sich förmlich selbst auf.

Selbst die zuständige US-Aufsichtsbehörde hat die Brisanz des Themas schon erkannt. Für eine Anhörung am Dienstag dieser Woche in Washington D. C. hat die Commodity Futures Trading Commission Vertreter von Goldman Sachs bis zu Anlageriesen wie Pimco und AIG geladen. Ganz oben auf der Tagesordnung: die Rolle von Spekulanten.

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