AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2008

Gesundheit Faul macht dumm

Trägheit schadet auch der geistigen Gesundheit: Wer sich zu wenig bewegt, hat neuen Studien zufolge ein weit höheres Risiko, an Parkinson, Alzheimer oder Depressionen zu erkranken. Umgekehrt erweist sich Sport als die beste Medizin, um Hirnleiden zu behandeln.


Seescheiden sind ein Sonderfall der Biologie. In der Jugend schwimmen sie munter durch den Ozean. Danach lassen sie sich als unbewegliche Knollen auf dem Meeresgrund nieder und lösen ihre primitiven Gehirne auf.

Das dicke und dumme Ende der Manteltiere gilt Medizinern als Fanal für die eigene Spezies. Denn auch beim Menschen häufen sich die Hinweise, sagt der Neurowissenschaftler Fernando Gomez-Pinilla, dass die um sich greifende, "sesshafte Lebensweise gefährlich fürs Gehirn ist". Die neueste Schreckensbotschaft war Ende März im Fachblatt "Neurology" nachzulesen. Träge Frauen und Männer, die im mittleren Alter bereits einen dicken Bauch mit sich herumschleppen, haben im Vergleich zu dünnen Menschen ein nahezu dreifach erhöhtes Risiko, im Rentenalter an Alzheimer und anderen Formen der Demenz zu erkranken.

Bisher waren verkalkte Arterien und schmerzende Rücken, diabetische Füße und brüchige Knochen als Folge mangelnder Bewegung gefürchtet. Doch jetzt kommen Erkrankungen des Denkorgans hinzu: Gehirnschwund, verminderte Denkkraft, Schüttellähmung, Demenzen und Depressionen finden sich gehäuft unter Menschen, die ihr Dasein vorzugsweise im Sitzen und Liegen verbringen.

Diesen Faulpelzen wird zum Verhängnis, dass die Evolution sie nicht auf ein bewegungsarmes Dasein vorbereitet hat. Das Gehirn des Menschen hat sich in Äonen an ein Leben als Jäger und Sammler angepasst - und braucht aus diesem Grund regelmäßige Bewegungsreize, um normal funktionieren zu können.

Körperlicher Müßiggang ist nicht vorgesehen, bringt den Stoffwechsel des Gehirns ins Stocken und begünstigt den Ausbruch von Krankheiten. "Es gibt verschiedene psychiatrische Leiden, die stark mit einem unnormalen Metabolismus zusammenhängen", sagt Gomez-Pinilla, der an der University of California in Los Angeles erforscht, was sich in Gehirnen tut, wenn sich Mäuse und Menschen körperlich betätigen.

Wie er gelangen immer mehr Experten zu der Auffassung, auch das Gehirn brauche ein Mindestmaß an Bewegung, um die von der Natur vorgesehenen Betriebsbedingungen zu erreichen. "Die Gene wollen, dass wir laufen", sagt Thomas Tölle, Neurologe und Psychologe am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. "Die Bewegung und die Rückkopplung über den Organismus sind für das Gehirn wichtig."

Umgekehrt erkennen die Gelehrten, dass körperliche Aktivität die beste Medizin darstellt, wenn das Gehirn bereits erkrankt ist. "Von einem Kuriosum", urteilt der kalifornische Hirnforscher Carl Cotman, "hat sich Sport zu einer der aufregendsten therapeutischen Strategien entwickelt."

"Eine Stunde in der Woche laufen, das wirkt so gut wie hundert Milligramm Betablocker jeden Tag", sagt Tölle, 48, der seinen Migränepatienten inzwischen nur noch ungern pharmazeutische Produkte verschreibt, solange diese das Therapeutikum namens Bewegung noch nicht ausprobiert haben. Der Arzt fragt sich: "Ist es vertretbar, wenn ich Medikamente gebe, ohne diese natürliche Selbstheilungskraft eingefordert zu haben?"

Der Psychiater John Ratey hält es genauso. Seine Praxis im amerikanischen Cambridge hat er mit Absicht so gewählt, dass seine Patienten erst zwei steile Treppen erklimmen müssen, ehe sie ins Therapiezimmer gelangen. Bis vor kurzem noch habe sich in der Nervenheilkunde alles um Pillen gedreht, erzählt Ratey, 60: "Ich habe früher ja selbst Vorträge für die großen Pharmakonzerne gehalten."

Dann aber fand Ratey, der an der Harvard Medical School Vorlesungen gibt, in der Literatur immer mehr Hinweise auf den segensreichen Einfluss der Bewegung aufs Denkorgan. Nun geht er jeden Morgen ins Fitnessstudio, hat soeben ein Ratgeberbuch zum Thema veröffentlicht und versucht, all jene seiner Patienten zu mobilisieren, die bisher zu träge sind. "Ganz gleich, was Ihr Problem ist", sagt Ratey ihnen, "wenn Sie beginnen, sich zu bewegen, wird Ihnen das auch bei der Bewältigung des seelischen Problems helfen."

Dabei war lange in den Lehrbüchern der Neurologie zu lesen, Muskelarbeit könne das Oberstübchen schon aus biologischen Gründen gar nicht beeinflussen. Man sei davon ausgegangen, dass "ein Automatiezentrum wegen der Bedeutung des Gehirns dessen Durchblutung und Stoffwechsel stets konstant halten würde", erinnert sich Wildor Hollmann, 83, von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Dann jedoch ließen Hollmann und Kollegen zwölf junge, gesunde Männer auf dem Fahrradergometer strampeln - und entdeckten, dass die Durchblutung bestimmter Hirnregionen sehr wohl stieg: je nach Belastung um bis zu 30 Prozent. Im Zuge der Mehrdurchblutung, das ist inzwischen klar, entstehen sogar neue Blutgefäße, etwa in Kortex, Kleinhirn und Hippocampus.

Überdies wird eine Fülle von Proteinen hergestellt und im Gehirn aktiv, sobald der dazugehörige Leib sich regelmäßig bewegt. Viele dieser Proteine - das zeigen Tierversuche - sind Wachstumsfaktoren und wirken wie eine Art Dünger auf das Gehirn. Die Stoffe VEGF und IGF1 etwa fördern die Neubildung von Blutgefäßen; ein Protein namens BDNF begünstigt das Wachstum neuer Nervenzellen im Hippocampus, hilft beim Abspeichern von Langzeitinhalten und scheint die Folgen von Gehirnerschütterungen zu mildern.



insgesamt 31 Beiträge
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Liberté, 25.04.2008
1. In einem gesunden Körper...
"Von diesem paradiesischen Zustand ist das Gehirn der meisten Einwohner der Industriestaaten allerdings weit entfernt. Während unsere urtümlichen Verwandten, die Neandertaler, jeden Tag schätzungsweise 40 Kilometer liefen, absolvieren heutige Durchschnittsbürger täglich ungefähr anderthalb Kilometer zu Fuß." http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,548638,00.html Wahrscheinlich der Hauptgrund, aus dem die Neandertaler (überraschenden Kontakt mit wilden Tieren einmal ausgenommen) durchschnittlich 90 Jahre alt wurden, wohingegen der heutige Durchschnittsbürger mit 35 ins Gras beisst.
chaoskatze 25.04.2008
2. Demnach wären sogenannte Behinderte in arger Gefahr der Verdummung
RollstuhlsportlerInnen vielleicht (!?) ausgenommen. Aber was ist mit bewegungseingeschränkten Leuten oder RollstuhlfahrerInnen, die aus anderen als Beinlähmungsgründen diese Art der Fortbewegung nutzen? Die z.B. nich locker-flockig mal eben so um den Block joggen können nur aus Spass an der Freud oder aus Trainingserwägungen? Sind bettlägerige Leute dümmer als andere? Ist Stephen Hawking dabei zu verblöden? Oder mal wieder Gesunder-Geist-NUR-im-Gesunden-Körper-Gequatsche und, logisch weitergedacht, im Kern faschistisch?
Onsager 25.04.2008
3. Aletrnative Sport
Ich gehe sicher soweit mit, dass Bewegungsmangel die geschilderten Folgen hat. Warum allerdings immer Sport als DIE Alternative herangezogen hat, erschliesst sich mir nicht. Wenn ich einen schlechten Tag habe, betrachte ich die Antwort als gewollt von Leuten, die weiter protestantischen (Kopf-)Arbeitseifer ausbeuten wollen, aber die Folgen sozialisieren wollen. Denn den Sport bezahlt niemand. Man kann zusaetzlich ja auch dran verdienen, an Klamotten etc., etc. Dabei geht es nur um koerperlichen Ausgleich und der ist keinesfalls auf Sport beschraenkt. Jeder Selbstversorger hat den - allerdings steht er als Konsument nur noch eingeschraenkt zur Verfuegung. In gewisser Weise ist Sport in der genannten Form sinnlos - eine rein defensive Massnahme, zu der sich schon aus dem Grund so wenig Leute zwingen koennen, angstgetrieben und durch den ausschliesslichen Reparaturanspruch (statt die Ursachen zu beseitigen) sehr limitiert in seiner Wirkung. Wenn koerperliche Betaetigung allerdings ein direktes Ergebnis haette, dann saehe das schon anders aus.
crimplene 25.04.2008
4. Sport ist mord(slangweilig)
Zitat von OnsagerIch gehe sicher soweit mit, dass Bewegungsmangel die geschilderten Folgen hat. Warum allerdings immer Sport als DIE Alternative herangezogen hat, erschliesst sich mir nicht. Wenn ich einen schlechten Tag habe, betrachte ich die Antwort als gewollt von Leuten, die weiter protestantischen (Kopf-)Arbeitseifer ausbeuten wollen, aber die Folgen sozialisieren wollen. Denn den Sport bezahlt niemand. Man kann zusaetzlich ja auch dran verdienen, an Klamotten etc., etc. Dabei geht es nur um koerperlichen Ausgleich und der ist keinesfalls auf Sport beschraenkt. Jeder Selbstversorger hat den - allerdings steht er als Konsument nur noch eingeschraenkt zur Verfuegung. In gewisser Weise ist Sport in der genannten Form sinnlos - eine rein defensive Massnahme, zu der sich schon aus dem Grund so wenig Leute zwingen koennen, angstgetrieben und durch den ausschliesslichen Reparaturanspruch (statt die Ursachen zu beseitigen) sehr limitiert in seiner Wirkung. Wenn koerperliche Betaetigung allerdings ein direktes Ergebnis haette, dann saehe das schon anders aus.
Sport ist eine oft doch eher stupide Angelegenheit, deren gesundheitlichen Nutzen man erst verspätet bemerkt. Ich empfehle ja eher unterhaltsamere Dinge wie Wandern, Gärtnern etc. Da sieht man was oder hat das Ergebnis direkt vor Augen. Gesellschaftsverändernd ist das nicht, aber gut für's Individuum.
tomrobert 25.04.2008
5. Ich halte das alles für falsch!
Die Pharmaindustrie verdient ja nichts mehr , wenn hier die Wahrheit gesagt wird. Man stelle sich vor, die Leute teiben nun alle Sport anstatt diesen Mist zu fressen, der seit Jahrzehnten über die Ärzte den Leuten verabreicht wurde. Das führt ins totale Profitdesaster. Nur weil die Krankenkassen und korrupten Politiker entdeckt haben, dass die Kosten höher werden könnten als die Profite, kann man doch altbewertes Denken nicht eifach ändern. Besser schnellablebende Alzheimerpatienten.Das entlastet die Rentenkasse und boostet die Profite,kurzzeitig.
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