AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008

Gleichberechtigung "Nun jammern Sie mal nicht"

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, 49, über Gleichberechtigung, die grauen Herren aus ihrer Partei und die Frage, warum so viele Frauen mit Til Schweiger ins Bett, aber kein Kind von ihm wollen.


SPIEGEL: Frau Ministerin, wir sind wegen der Gleichberechtigung da.

Von der Leyen: Zwei Männer, die wegen der Gleichberechtigung kommen. Das find ich schon mal gut.

SPIEGEL: Wir wollten mal wissen, wann die eigentlich erreicht ist?

Von der Leyen: Man könnte sagen: Wenn durchschnittliche Frauen in Führungspositionen sind.

Ministerin von der Leyen: "Das lässt auch für Deutschland hoffen"
REUTERS

Ministerin von der Leyen: "Das lässt auch für Deutschland hoffen"

SPIEGEL: Oder wenn 15 der 30 Dax-Unternehmen von Frauen geführt werden?

Von der Leyen: Hätt ich auch nichts dagegen!

SPIEGEL: Oder wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr eine Frau ist?

Von der Leyen: In Spanien ist gerade eine Verteidigungsministerin vereidigt worden, die jetzt mit schwangerem Bauch Militärparaden abnimmt. Das lässt auch für Deutschland hoffen.

SPIEGEL: Wären wir gleichberechtigungstechnisch weiter, wenn das Dekolleté einer Bundeskanzlerin keine nationale Debatte mehr auslösen würde?

Von der Leyen: Top! Ich glaube, Sie haben begriffen, worauf es ankommt.

SPIEGEL: Danke. Noch ein Vorschlag: Müsste der James Bond nicht langsam mal von einer Frau gespielt werden?

Von der Leyen: Zumindest würde das den Film interessanter machen.

SPIEGEL: Hm ... sicher?

Von der Leyen: Ein weiblicher James Bond wäre nicht so brutal, sie wäre viel subtiler. Und das fände ich interessant. Zudem wär ich gespannt, wie der Bond-Boy aussieht.

SPIEGEL: Gut, dann hätten wir das mit der Gleichberechtigung ja geklärt.

Von der Leyen: Überhaupt nicht. Sie haben ja nur Beispiele aus dem Berufsleben und der Filmwelt genannt. Darf ich mal eine Gegenfrage stellen?

SPIEGEL: Sicher. Das gehört doch auch zur Gleichberechtigung.

Von der Leyen: Haben Sie nicht was Entscheidendes vergessen? Beruf ist wichtig, keine Frage. Aber das Leben besteht aus mehr als dem Job.

SPIEGEL: Nun sagen Sie schon.

Von der Leyen: Gleichberechtigung ist für mich dann erreicht, wenn Männer nicht mehr als Weicheier beschimpft werden, wenn sie sich um ihr Baby kümmern oder um den gebrechlichen Vater. Männer können mehr sein als der Geldbeschaffer, der jeden Abend bis um acht im Büro sitzt.

SPIEGEL: Vielleicht sind deutsche Männer ja gern bis acht im Büro?

Von der Leyen: Das glaube ich nicht. Junge Männer wollen nicht mehr auf das Arbeitstier reduziert werden. Zwei Drittel wünschen sich, der Erzieher und nicht nur der Ernährer ihres Kindes zu sein. Aber 80 Prozent fürchten, dass sie in der Firma mit Hohn und Spott übergossen werden, wenn sie für ein paar Monate zu Hause bleiben wollen.

SPIEGEL: Sie meinen, wir Männer leiden unter unserer eigenen Macho-Kultur?

Von der Leyen: Es gibt eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin über das Selbstbild junger Männer. Wenn man sie fragt: Wer wird in Zukunft die Gesellschaft prägen, dann sagen die meisten, der Karrieremann. Wenn man sie aber fragt: Wer sollte unsere Gesellschaft prägen, wählt die Mehrzahl den Vater, den fürsorglichen Mann.

SPIEGEL: Wollen Sie sagen, wir sind schizophren?

Von der Leyen: Viele Männer haben ihre Wunschvorstellung im Kopf. Aber sie haben große Zweifel, ob sie das auch durchsetzen können.

SPIEGEL: Könnten Sie uns Männern nicht dabei helfen?



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