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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008

Sozialforschung: Selbstmord durch Ansteckung

Von

Breiten sich Religionen und politische Überzeugungen wie Epidemien aus? Sind auch Suizid, Fett- und Trunksucht ansteckend? Soziologen gehen diesen Fragen mit neuartigen Verfahren auf den Grund: Sie füttern Computer mit den Lebensdaten riesiger Menschenmengen.

Peter Hedström ist bestens informiert über 1116 unglückliche Menschen, die zu Lebzeiten nicht viel verband. Sie lebten nur alle in Stockholm, und sie haben sich umgebracht.

Hedström weiß, wer zu den Familien der Toten gehörte; er weiß auch, wo sie arbeiteten und wer ihre Kollegen waren. Hedström, Soziologieprofessor in Oxford, weiß so viel, dass er ein Rätsel ergründen konnte, das als unlösbar galt: Gibt es verborgene Beziehungen zwischen den Fällen? Haben die Leute einander gekannt?

Und vor allem: Gab mitunter die eine Tat den Anstoß für die andere?

Schon lange kursiert der Verdacht, dass ein Suizid Folgefälle nach sich ziehen kann, dass er irgendwie ansteckend ist. Aber wenn ja, wer ist anfällig dafür? Und welche Wege nimmt die Infektion?

Bekannt ist, dass Fälle, über die viel berichtet wird, Nachahmer finden - weswegen die Medien in der Regel schweigen, außer bei besonders denkwürdigen Häufungen wie unlängst in einem Winkel von Südwales, wo binnen 13 Monaten 17 Jugendliche ihrem Leben ein Ende machten.

Der gewöhnliche Suizid dagegen geht fast immer still und ohne öffentliches Aufsehen vonstatten. Nur ein überschaubarer Kreis gerät in Mitleidenschaft. Und bislang wusste niemand, ob auch Angehörige, Freunde oder gar Arbeitskollegen sich von einem Freitod anstecken lassen.

Hedströms Forschergruppe legt nun erstmals Zahlen vor. Nach einem Suizid in der Familie steigt das Risiko demnach für die Angehörigen auf mehr als das Achtfache. Aber auch am Arbeitsplatz, wo kaum jemand das vermutet hätte, ist die Erschütterung offenbar beträchtlich. Dort ist es nach einem Freitod dreieinhalbmal so wahrscheinlich wie zuvor, dass sich ein weiterer Mitarbeiter das Leben nimmt.

Noch krasser ist der Befund, betrachtet man die Zahl der Fälle. Zwar wirkt ein Suizid im beruflichen Umfeld nicht halb so stark wie in der Familie, aber er zieht dort nicht weniger, sondern doppelt so viele Folgefälle nach sich. Der Durchschnittsmensch hat eben weitaus mehr Kollegen als Angehörige - die schwächere Wirkung erstreckt sich auf einen größeren Kreis.

Die Forscher wundern sich allerdings, warum von der Infektion durch Kollegen nur Männer betroffen sind. Frauen bleiben da, anders als in der Familie, statistisch unbeeindruckt. "Sie sind innerlich wohl nicht so stark an die Arbeitsstätte gebunden", vermutet Hedström.

Die Studie erscheint Anfang nächsten Jahres in der Zeitschrift "Social Forces" - so geruhsam geht es in diesem Fach noch zu. Der Datenschatz, auf dem die Arbeit beruht, ist dagegen von neuzeitlicher Brisanz. Hedström hatte Zugriff auf eine Datenbank, wie sie noch kein Sozialforscher nutzen konnte. Die gesamte Bevölkerung im Großraum Stockholm für das Jahrzehnt von 1990 bis 1999 ist darin erfasst: 1,2 Millionen Erwachsene mitsamt Angaben über Schulbildung, Ehestand, Vorstrafen, ja sogar Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Vor allem aber verraten die Daten, wer mit wem verwandt war und mit wem er gearbeitet hat.

Der Reichtum geht auf einen Sammeleifer zurück, wie ihn nur ein skandinavischer Wohlfahrtsstaat aufbringt. Dort gilt die Regel: Je mehr die Ämter über den Bürger wissen, desto besser können sie sich um ihn kümmern. Zudem bekommt jeder Schwede bei seiner Geburt eine zehnstellige Nummer, die ihn lebenslang begleitet. Für die Forscher war das ein entscheidender Vorteil. Denn so konnten sie - anonymisiert - die Akten verschiedener Behörden zusammenführen.

In Deutschland würden die Datenschützer derart tiefe Einblicke nie dulden; hier stößt schon der Plan einer einheitlichen Steuernummer auf Sperrfeuer. Aber nur mit weitreichenden Sozialdaten lässt sich so etwas Seltenes wie ein Suizid überhaupt nach Vorläufern und Folgetaten absuchen. Bislang konnten die Forscher bestenfalls Einzelfälle studieren, die für die Gesamtheit wenig besagten. Oder sie hatten zwar viele Fälle, wussten aber nicht, was diese miteinander zu tun hatten.

"Erst heute haben wir die Computer, mit denen wir so riesige Datenmassen erschließen können", sagt Hedström. Das kommt nicht nur der Suizidforschung zugute. Die nächste Studie ist schon in Arbeit. "Wir wollen herausfinden", sagt Hedström, "wie die soziale Mischung der Nachbarschaft, in der die Menschen leben, ihre berufliche Laufbahn beeinflusst."

Solche Großvorhaben stehen für eine neue Richtung in der Sozialforschung: Computer werden mit Daten aus dem wirklichen Leben großer Menschenmengen gespeist. Damit kommen neue Fragen in Reichweite. Zum Beispiel: Wie verbreiten sich politische Überzeugungen in der Gesellschaft? Ist auch die Magersucht ansteckend? Oder die Religion?

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Für Fragen dieser Art greifen Statistiker gern zur Netzwerktheorie, die soziale Beziehungen mathematisch nachbaut. Die Leute erscheinen darin als Knoten, die verschieden stark miteinander verknüpft sind. Ganze Gesellschaften lassen sich so als vielmaschige Gebilde erfassen.

Ein Vorzug solcher Modelle ist, dass Computer gut mit ihnen rechnen können. Daher ist nun bald nichts mehr vor dem kühnen Zugriff der Netzwerkforscher gefeit: Die Verbreitung einer Religion, wie sie von einem Bekehrten zum nächsten springt, könnte sich als ebenso epidemisch erweisen wie die Fettleibigkeit, die ja schon länger in dem Verdacht steht.

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Forum - Ansteckende Verhaltensweisen?
insgesamt 61 Beiträge
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1. Wenn DAS
...ergo sum, 30.04.2008
alles "ansteckend" ist, das ist es Doofheit wohl auch, oder ? Wie schön, - dann haben einige Leute demnächst eine neue Ausrede weshalb sie mal wieder für gar nichts etwas können. Und, - gibt´s dagegen schon eine Impfung ? Ich frag´ja nur mal so.
2.
Peter-Freimann 30.04.2008
Zitat von sysopBreiten sich Religionen und politische Überzeugungen wie Epidemien aus? Sind auch Suizid, Fett- und Trunksucht ansteckend? Soziologen gehen diesen Fragen mit neuartigen Verfahren auf den Grund: Wie ansteckend sind menschliche Verhaltensweisen?
Natürlich sind Verhaltensweisen ansteckend. Der Mensch ist alles andere als ein Individualist, obwohl das gerade dem Mainstreamdenken, der Werbung des Marktes und der Eitelkeit schmeichelt. Noelle-Neumann hat auch schon lange in der "Schweigespirale" darauf hingewiesen, dass Menschen ein sehr feines Gespür dazu haben, herauszufinden, welches öffentliche Credo gerade angesagt ist, diesem wird dann in aller Regel munter gefolgt.
3.
BerSie, 30.04.2008
Da sich die Ausbreitung von Sprachen mit der von Epidemien vergleichen lässt (siehe Language ist a Virus...), ist die Annahme der Soziologen eine Untersucheung wert. Dass sich Religionen (etwa Islam und Christentum) auch nach dem Muster von "Krankheiten" verbreitet haben, scheint offensichtlich.
4. Soziales Umfeld = viral?
Mort 30.04.2008
Dass das Umfeld Einfluss nimmt, und das durchaus Ähnlichkeiten mit Krankheitsverbreitungen hat, ist doch nur naheliegend. Gleich und gleich gesellt sich gern - dementsprechend gibt es Parallelen. Bei Krankheiten hierzulande v.a., weil man sich numal im Kollegen- oder Freundeskreis oder über Familienmitglieder ansteckt. Aber auch, weil manche Krankheiten in bestimmten sozialen Gruppen, aus denen sich üblicherweise auch der größte Teil der Bekannten zusammen setzt, verbreiteter sind. Ähnlich dürfte es wohl auch bei anderen Eigenschaften sein. Wenn sich z.B. jemand umbringt, weil sein Job die Hölle war, und er in seinem sozialen Umfeld bzw. aufgrund seiner Ausbildung keine Alternative sieht, dürfte das wohl auch auf einige seiner Kollegen zutreffen. Ähnlich dürfte es wohl auch z.B. mit Fettleibigkeit oder Magersucht in bestimmten Freundeskreisen aussehen. Das als "Ansteckung" zu bezeichnen, halte ich aber für einen falschen Schluss. Da könnte man im Umkehrschluss ja auch Intoleranz als Immunität bezeichnen.
5. Spannend
specchio, 30.04.2008
Aus diesem interessanten Artikel lese ich nicht heraus, wie man denn ausschließen kann, dass "Ansteckung" und nicht parallele Infizierung vorliegt. Ich meine, rotten sich nicht nur Gleichgesinnte zusammen? Die müssten sich dann nicht mehr anstecken, allenfalls sich aufschaukeln. Was den Arbeitsplatz angeht: mitnichten liegt hier Zufälligkeit vor. Ich selbst konnte an Untersuchungen teilnehmen, die zu dem Ergebnis führten: "Kennst Du einen, kennst Du alle". Ganz erstaunlich. Die Personalmischung ist nicht zufällig, sondern gewachsen. Ist der Urheber, der Chef, ein kompetenter sich liebender Gutmensch oder ein machtbesessenes Rhinozeros? Das führt jeweils zu ganz verschiedenen, jeweils überraschend homogenen Belegschaften. (Bis hin zu Hygiene-Gepflogenheiten auf den Firmentoiletten.) Wie dem auch sei: Sollte der Mensch tatsächlich ein sozial lebendes Wesen sein?
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