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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte: Der Hakenkreuzzug

Von Ansbert Kneip

Wie Google Earth bei der Entnazifizierung der Welt hilft

Avrahaum Segol sah das Satellitenbild zum ersten Mal, als ein Freund in der Tageszeitung blätterte, ihn anstieß, lachend auf das Foto zeigte und fragte: "Wer, um alles in der Welt, baut denn so was?" Der Freund fand das Foto kurios, Segol nicht.

Zu sehen war die Luftaufnahme einer Navy-Basis in San Diego, Kalifornien. Vor kurzem noch wären solche Bilder unmöglich gewesen, Militäranlagen dürfen nicht überflogen und fotografiert werden. Aber jetzt gibt es Google Earth, eine Weltkarte im Internet, gefüttert mit Abertausenden Satellitenbildern. Und eines davon zeigt die Navy-Unterkunft NAB 320-325: vier L-förmige Häuser, aus dem All betrachtet bildeten sie ein Hakenkreuz.

Ein offizielles US-Gebäude, das sich zum Symbol von Nazi-Deutschland fügt - das konnte kein Zufall sein. Die Frage, wer so etwas baut und vor allem warum, begann Segol zu interessieren. Segol, Amerikaner mit Wohnsitz in Israel, hatte nun eine Aufgabe. Wenn es eine Erklärung gab für das amerikanische Hakenkreuz, einen geheimen Sinn: Er würde es herausfinden.

Drüben in San Diego lösten die Google-Earth-Bilder nur einen flüchtigen Skandal aus. Die jüdische Zeitung schrieb über das Hakenkreuz, Bürgerrechtler aus der Antidiskriminierungsliga wurden aktiv, ein Radiomoderator und eine Kongressabgeordnete verlangten eine Erklärung von der Navy.

Die Gebäude, so sagte ein Navy-Sprecher, seien einfach ungeschickt geplant - wie sie von oben aussehen, wäre erst nach der Grundsteinlegung 1969 aufgefallen. Es gebe keinen Anlass, die Anlage umzubauen. Für die Navy schien die Sache damit erledigt.

Allerdings nicht für Avrahaum Segol in Jerusalem. Er verbrachte die folgenden Monate damit, Beweise dafür zu sammeln, dass die Navy nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte.

Segol trieb alte Zeitungsartikel auf und stellte Bauzeichnungen ins Internet. Er gab Interviews, das Thema blieb in den Medien, mit Segol als Kronzeugen. Er glaubte inzwischen, einer Verschwörung auf der Spur zu sein, einem staatlich gedeckten Antisemitismus.

Im September 2007 gab die Navy genervt nach. In den Haushalt 2008 wurden 600.000 Dollar für die Umgestaltung von NAB 320-325 eingestellt.

Damit hätte es gut sein können. Doch in der Zwischenzeit waren bei Google Earth weitere Hakenkreuz-Bauten aufgetaucht: ein Wohnhaus in München, ein Uni-Gebäude bei Delhi, ein - mittlerweile umgebauter - Brunnen in Belgien und im März 2008 schließlich das Wesley-Acres-Seniorenheim in Decatur, Alabama. Eine Heimstatt für Menschen in Altersarmut, getragen von der Methodistischen Kirche und co-finanziert durch das amerikanische Wohnungsprogramm.

Im weitesten Sinne also ein staatliches Gebäude. Segol erkannte plötzlich, welchen Zusammenhang es gab zwischen San Diego und Decatur. Er war etwas ganz Großem auf der Spur, jedenfalls glaubte er das. Er hatte eine Mission, und die nahm er ernst.

Es ist nicht einfach, ein Gespräch mit Segol zu führen. Er redet gern in Frageform, er möchte, dass man selbst auf die Antwort kommt. "Die Navy-Basis wurde 1969 gebaut, damals gab es dort ein Flugverbot. Wer also waren die einzigen Menschen, die das Hakenkreuz aus der Luft sehen konnten?"

Astronauten?

"Richtig. Erster Flug zum Mond 1969. Und wer hat die Mondrakete gebaut?"

Wernher von Braun.

"Genau", sagt er, "Wernher von Braun und die deutschen Nazi-Ingenieure." Also die Leute, die nach 1945 für das Raketenprogramm der Amerikaner forschten. Das Hakenkreuz von San Diego, meint Segol, ist ein Tribut der Nasa an die Deutschen.

Aus der "Frankfurter Allgemeinen"

Aus der "Frankfurter Allgemeinen"

Das klingt erst einmal überraschend, und bevor man einwenden kann, dass die deutschen Ingenieure ja nie mitgeflogen sind, das tolle Bauwerk also gar nicht sehen konnten, hat Segol zum finalen Schlag ausgeholt: Der Ort, an dem die Deutschen damals arbeiteten, Huntsville, Alabama, liegt nur 40 Kilometer vom Hakenkreuz-Altenheim entfernt. Das wurde 1980 fertiggestellt, also etwa zu der Zeit, als die Ingenieure in Rente gingen. "Und wie viele Jahre", fragt Segol, Triumph in der Stimme, "liegen zwischen 1969 und 1980?"

Elf?

"Und was fällt Ihnen da auf?"

Nichts eigentlich.

"Elf Jahre, Apollo 11, die erste Mondlandung." Zweimal die Elf, damit war für Segol klar: Die beiden Hakenkreuze gehören zusammen - Teil einer äußerst raffinierten Verbeugung vor der Ingenieurskunst der Nazis.

Der Anwalt des Altenheims bezeichnet Segols Wahrheiten als lächerlich. Tatsächlich habe die Unterkunft ganz anders gebaut werden sollen, aber weil das Geld knapp gewesen sei, habe man sich eine raumsparende Variante entschieden.

Segol ist ein Besessener, ganz offenkundig, aber die Besessenheit, mit der er in seinem Universum nach Zusammenhängen sucht, hat etwas bewirkt - und zwar in der realen Welt: Nicht nur die Navy-Basis in San Diego wird umgestaltet, auch das Altenheim in Alabama soll nun aufgehübscht werden.

Wie genau der Umbau aussieht, ist noch nicht klar, wahrscheinlich werden die Häuser mit Balkonen verbreitert.

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