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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2008

Archäologie: Gralsburg im Regenwald

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Den Kinohelden Indiana Jones gab es wirklich: Vorbild war ein US-Gelehrter, der vor 100 Jahren ins Reich der Inka vordrang. Der vierte Teil der Abenteuersaga greift einen esoterischen Mythos auf. Die darin präsentierten Kristalltotenköpfe liegen tatsächlich in Museen - und sind Fälschungen.

Im 19. Jahrhundert, als Europa noch stolz und wagemutig war, entbrannte unter seinen Nationen ein ehrgeiziger Wettlauf. Zum Südpol stürmten die Pioniere, andere suchten Troja und Babylon. Schatztruhen, Mumien, ja ganze Obelisken wurden erbeutet. Ein Brite drang mit Sprengstoff in die Pyramiden ein.

Die USA standen bei alldem abseits. Erst spät baute das Land wissenschaftliche Institutionen von Gewicht auf, um eigene schlagkräftige Expeditionen auszusenden. Da waren die meisten weißen Flecken schon betreten. Also fuhr man notgedrungen zum Mond.

Nur einer hielt auch schon kurz nach der Jahrhundertwende mit: Hiram Bingham III., Gatte einer millionenschweren Tiffany-Erbin, erwarb sich Ruhm und Lobpreis durch seinen Vormarsch ins Hochland von Peru, wo sich einst das Reich der Inka erstreckte.

Goldene Pflöcke trugen dessen Adlige im Ohr, sie aßen Schlangen, eingelegt in Bier. Die Spanier suchten hier das sagenhafte Goldland Eldorado.

Vorbei an saftigem Dschungelgrün und getreppten Maisfeldern war der Zögling von der Universität Yale die wolkenumdampften Andenhänge emporgeklettert. Schließlich stand der Entdecker 2500 Meter hoch in Machu Picchu, auch die "Gralsburg" der Inka genannt. Fachleuten zufolge diente die Stätte als Winterresidenz ihrer Könige.

Die Bedeutung der grandiosen Ruinen, die wie ein Adlerhorst in den Kordilleren Perus liegen, hat Bingham nie erfasst. Wissenschaftlich gesehen war er eine Niete. Im Ersten Weltkrieg wechselte er zur Jagdfliegerei, landete an Bord eines Zeppelins vorm Weißen Haus und stieg später zum US-Gouverneur auf.

Schreiben aber konnte er. Voller Sehnsucht nach "letzten Dingen" hat der Abenteurer von seinen Reisen nach Südamerika berichtet. Der Bestseller "Lost City of the Incas" von 1948 erzählt von modrigen Gräbern, güldenen Tempeln und seltsamen Riten, bei denen sich die Indios die Augenbrauen ausrissen. Auch erwähnt der Autor den "köstlichen Geschmack" gerösteter Meerschweinchen - eine Leibspeise der Inka.

Comic-Zeichner der vierziger und fünfziger Jahre wurden von seinen Schilderungen inspiriert. Touristen folgten nach. Das Unesco-Weltkulturerbe Machu Picchu besuchen heute bis zu 4000 Gäste pro Tag.

Aber auch im Kino hinterließ der US-Entdecker Spuren. Einer der erfolgreichsten Leinwandheroen Hollywoods, Henry Walton "Indiana" Jones, Lehrstuhlinhaber für Archäologie am Marshall College in Connecticut, ist geformt nach dem Vorbild Hiram Binghams.

Im Mai 1977 habe er mit seinem Freund, dem "Krieg der Sterne"-Erfinder George Lucas, auf Hawaii zusammengesessen, um einen neuen Filmhelden zu entwerfen, berichtet der Regisseur Steven Spielberg, 61. Smart wie Cary Grant sollte die Figur sein, zupackend wie James Bond und schlau wie Albert Einstein.

Heraus kam der Frauenschwarm und "Beschaffer erlesener Antiquitäten" Professor Jones, aus dem ungebrochen der Geist imperialistischer Vorkriegsarchäologie atmet. Statt über Fragen des Kulturgüterschutzes zu debattieren, greift "Indy" lieber zu Bullenpeitsche und Revolver.

Stets sind es letzte Rätsel, verborgenste Kammern und dämonischste Kultobjekte, denen der Held nachspürt. Im "Jäger des verlorenen Schatzes" von 1981 begehrt er die Box mit den Zehn Geboten, im "Tempel des Todes" (1984) einen Riesendiamanten. Im "Letzten Kreuzzug" (1989) versucht er gar jener Schüssel habhaft zu werden, in die angeblich das Blut Christi tropfte: des Heiligen Grals.

Derlei Abenteuer hätten auch Bingham gefallen. Seine nach 1911 durchgeführten Beutezüge in Peru (bei denen er über 5000 kostbare Artefakte unter einem Vorwand außer Landes schaffte) belasten bis heute das Verhältnis zwischen der peruanischen Regierung und dem Yale Peabody Museum nahe Boston.

Auf alten Schwarzweißfotos, die den Eroberer in Expeditionskluft zeigen, tritt die Verwandtschaft mit dem Kinoableger auch äußerlich zutage: der gleiche Schlapphut, das gleiche Leinenhemd.

Echte Altertumsforscher indes mögen sich mit dem Filmhelden nicht anfreunden. Statt wie sie mit Pinsel und Feger vorsichtig krümelige Scherben freizulegen (die sie hernach in langweiligen Monografien beschreiben), tritt "Indy" als Tatmensch an: ein bewaffneter Schliemann für bildungsferne Schichten.

1,2 Milliarden Dollar hat die Trilogie bislang eingespielt. Kein Wunder, dass der Professor nun erneut antreten muss. Nach 19 Jahren Pause startet in den kommenden Tagen "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". In der Hauptrolle: erneut Harrison Ford, inzwischen 65. Die Weltpremiere findet am Sonntag, dem 18. Mai, auf dem Festival in Cannes statt.

Soweit der geheim gehaltene Plot durchgesickert ist, spielt die Fabel diesmal überwiegend in Peru, Binghams altem Einsatzgebiet. Wir schreiben das Jahr 1957, es herrscht Kalter Krieg. Indiana Jones muss in den Besitz eines Kristallschädels gelangen.

Als Widersacher treten auf: fiese Russen und stammelnde Indios, deren mit Spinnweben verhangene Tempel aussehen wie Bausätze aus dem Legokasten. Gedreht wurde auf Hawaii und in einem ausgedienten Raketenhangar in der Wüste von New Mexico.

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