AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Unverlangt eingesandt

Wie sieben Spanierinnen vergebens für mehr Bildung warben

Von Ralf Hoppe


"Wir brauchen", sprach Doña Rosa, "30.000 Euro." Die anderen Frauen nickten, genau das hatten sie befürchtet.

Es waren sieben Frauen, sie saßen wie an jedem Freitag in dem Kämmerchen neben dem Klassenzimmer, saßen um einen alten Tisch, an der Wand zwei wacklige Bücherregale, dies war die sogenannte Bibliothek. Draußen wurde es Herbst, María del Mar schenkte Milchkaffee aus der Thermoskanne aus, Wichtiges galt es zu besprechen.

Kalendermotiv "April"
AP

Kalendermotiv "April"

Mit 30.000 Euro, so Doña Rosa, könnten sie den Anbau finanzieren, hätten dann einen richtigen kleinen Saal, acht mal zehn Meter, mit einer Bühne und Scheinwerfern, für Theateraufführungen oder ein Flamenco-Konzert - denkt daran, es ist für unsere Kinder, sagte Doña Rosa, die anderen nickten.

Das Dorf Serradilla del Arroyo, 400 Einwohner, die allermeisten im Rentenalter, liegt auf dem spanischen Hochplateau, auf der Landkarte links von Madrid. Ein paar Häuser, eine Kirche, daneben die vielleicht winzigste Schule der Welt, die Tierra-Alba-Grundschule: ein Lehrer, sieben Schüler. Und deren sieben Mütter, Doña Rosa und ihre Freundinnen, im Durchschnitt 36,2 Jahre alt, sie bilden den Verein "Tierra Alba", Ziel: bessere Bildungschancen.

Der Anbau. Oder wenigstens ein Computer. Oder wenigstens ein paar Bücher.

Der aktuelle Kassenstand, sprach an jenem Abend Doña Rosa, betrage leider null Komma null Euro, die anderen nickten, genau das hatten sie befürchtet.

Seit vier Jahren stellen die sieben Anträge bei der zuständigen Behörde in der Provinzhauptstadt Salamanca, all diese Anträge wurden abgelehnt; es lohnt sich nicht, in diese Winzschule zu investieren. Im Frühjahr veranstalteten Rosa und ihre Freundinnen Lotterien, sie buken "bollas" und "churros", letztes Mal nahmen sie knapp 100 Euro ein.

Vorschläge, bitte, sagte Doña Rosa.

Doña María, die Hübscheste, meldete sich. Wir sollten, sagte sie, wir sollten irgendwie - na ja, was Verrücktes tun. Die anderen kicherten.

"Was meinst du?", fragte Doña Rosa.

An jenem Abend gingen sie nachdenklich heim. Es war spät geworden, Marías Vorschlag hatte eine hitzige Debatte ausgelöst, einige Frauen waren ganz und gar nicht überzeugt, erst recht nicht bereit, aber immerhin - es war eine Idee.

Es dauerte zwei Wochen, dann waren sie überzeugt.

Das erste Foto machten sie im Wald. Rosa knipste, sie hatte eine kleine Fuji-Digitalkamera; und die hübsche María lag auf einem Baumstamm, die Beine züchtig übereinandergeschlagen, die Brüste mit Kiefernzapfen bedeckt. Denn dies war die Idee der Frauen von Tierra Alba: zwölf Fotos, die die Schönheit von Serradilla und Umgebung zeigten und die Schönheit der örtlichen Frauen, nackt oder halbnackt, das alles in einen Kalender gepackt; und wenn man pro Kalender fünf Euro kriegen würde, drei davon als Gewinn, dann wäre, bei 10.000 verkauften Kalendern, der Anbau für die Schule geritzt.

Das Ausziehen ging jetzt ohne Zickerei vonstatten, Rosa hatte Überzeugungsarbeit geleistet. War denn nicht das berühmteste Aktmodell der Kunstgeschichte eine Spanierin gewesen, die Herzogin von Alba? Gemalt von Francisco de Goya? Und wem das nicht passte, na und? "A mujer bonita, todo el mundo la critica", wie das Sprichwort sagt - als schöne Frau muss man ohnehin Kritik einstecken, also sei's drum!

Sie machten insgesamt 50 Fotos, in der Bäckerei (vor Broten und Torten), im Dorfmuseum (vor Forken und Pflugscharen), im Jagdzimmer von Anas Mann (Doña Itziar mit Jägerhut, Fuchspelz und Flinte). Und dann saßen sie zusammen und fragten sich: Sind die Bilder gut? Sind wir schön?

In Serradilla gibt es eine Kneipe, die Kirche, einen lokalen Kräuterlikör; was es nicht gibt, ist zum Beispiel eine Galerie für Fotokunst oder ein Buchladen mit exquisiter Auswahl an Bildbänden. Die Ehemänner der sieben Frauen sind Maurer, Bäcker, Kranführer, und der Pfarrer, obschon Akademiker, ist schon vom Berufsbild her kein Experte für erotische Fotografie. Waren die Bilder also gut oder peinlich? Doña Rosa und die anderen wussten es nicht. Hätte es jemanden gegeben, den sie hätten fragen können, dann hätten sie möglicherweise erfahren, dass die Bilder ungelenk und unkomponiert waren und dass Schönheit einen Regisseur braucht, Lichtführung, und dass hinter einem erotischen Foto eine Geschichte stecken muss, eine Verführung.

So aber ließen Rosa und ihre Freundinnen 200 Kalender drucken, verschickten sie an Buchläden, Kioske in ganz Spanien, auf Kommissionsbasis, also auf eigenes Risiko. Und als die ersten 200 verschickt waren, orderten sie 2000 weitere nach. Das war Anfang Januar.

Sie ahnten ihren Fehler, als von den ersten 200 Kalendern fast alle zurückkamen, 7 gingen verloren, 193 Stück wurden zurückgeschickt - unverkäuflich. Sie erkannten ihren Fehler, als im März dann weitere 2000 Kalender geliefert wurden, druckfrisch, und es war klar, dass kein Mensch auf diesem Planeten diese Kalender haben wollte.

Das Leben geht weiter, nur eben jetzt mit Schulden. Insgesamt sind es 10.440 Euro für Druckkosten und Versand, und Doña Rosa und die anderen treffen sich immer noch jeden Freitag in dem Kämmerchen neben dem Klassenzimmer, und neulich erst eröffnete Doña Rosa die Sitzung mit den Worten: "Wir brauchen 40.000 Euro."

Mehr zum Thema


© DER SPIEGEL 20/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.