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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2008

Pädagogik: Diktatur der Unschuldigen

Von Elke Schmitter

Wie stellen die Deutschen sich eine gute Kindheit vor? Immer mehr Eltern verzweifeln an ihren kleinen Tyrannen. Der Bestseller eines Psychologen befeuert die Debatte um die richtige Erziehung.

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist klein und aus Fleisch und Blut, doch wenn es nachts in der Zimmertür steht, sind die Eltern hilflos gegen Geschrei und Nörgelei, die alles Hätscheln und Kosen, alle Nachgiebigkeit und Liebe nicht verhindern können.

Gehätschelte Kinder in der Freizeit: Nie gab es so wenige, und nie war die Sorge um sie so groß
Westend61 / Vario Images

Gehätschelte Kinder in der Freizeit: Nie gab es so wenige, und nie war die Sorge um sie so groß

In der Schule wird es nicht zuhören und nicht still sitzen können, sondern die Lehrerin quälen, und nach vielen erfolglosen Versuchen, es zu einem glücklichen Kind zu machen, wird man ihm etwas namens Ritalin geben müssen, das wie ein Wunder dafür sorgt, dass es sich konzentrieren kann. Und vielleicht wird ja der Psychologe, zu dem es einmal die Woche geht, die restlichen Verhaltensstörungen auch noch in den Griff kriegen.

Das Gespenst trägt den Namen "Kleiner Tyrann". Es ist derart gefürchtet, dass ein Buch mit dem Titel "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" des Autors Michael Winterhoff ein Bestseller geworden ist, von der "Bild"-Zeitung in Auszügen nachgedruckt*. Das ist um so erstaunlicher, als das Buch ein wenig unbeholfen geschrieben ist und zugleich anspruchsvoll argumentiert; es ist ohne psychologische Vorbildung kaum verständlich und alles andere als ein Erziehungsratgeber.

Es trifft allerdings auf einen bloßliegenden Nerv, der pocht und klopft und schmerzt - und zwar nicht nur bei jenen, die Kinder haben oder mit ihnen umgehen. Die Frage, wie Kinder zu erziehen sind und wie es gelingt, sie zu guten Erwachsenen zu machen, treibt die ganze Gesellschaft um.

Schulmisere und Pisa-Hysterie, "Super Nanny" und das "Lob der Disziplin", Erziehungsgeld und die Förderung von Kindertagesstätten, Kinderarmut und -verwahrlosung, schließlich die Gewalt gegen Kinder und deren Gewalttätigkeit: All das sind seit Jahren verlässlich aufregende Themen. Nie gab es bei uns weniger Kinder, und nie war die Sorge um sie so groß.

Eine subtil apokalyptisch gestimmte Gesellschaft, gebeutelt von elementaren Ängsten, befühlt am Kind die eigene Verletzlichkeit und prüft die eigene Verfassung: Wie gut (oder wie böse) sind wir "eigentlich"? Wie tauglich für die Zukunft? Und warum sind wir überfordert von einem Vorgang, der bis vor kurzer Zeit sozusagen nebenher gelang - nämlich den Nachwuchs zu erhalten und großzuziehen?

Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater und Therapeut, geht von konkreten Befunden aus, die er um eher gefühlte Annahmen ergänzt. In seiner Praxis häufen sich Fälle von Kindern mit elementaren Störungen - in ihrer körperlichen Kompetenz, in ihrer sprachlichen Entwicklung, in ihrem Sozialverhalten. Nach seiner Beobachtung fällt es immer mehr Kindern schwer, zur angemessenen Zeit zu laufen, zu klettern und korrekt zu sprechen; er konstatiert Mängel in der Konzentration, in der Fähigkeit, Frustrationen zu ertragen und sich auf soziale Situationen einzustellen.

Sprechende Einzelheiten - so die Tatsache, dass Erzieherinnen heute gar nicht mehr erwarten, ein dreijähriges Kind "sauber", also windelfrei in den Kindergarten aufzunehmen - ergänzen seinen allgemeinen Eindruck von zunehmender Überforderung bei Eltern und Kindern aus unproblematischen Milieus. Dabei bemerkt er viel Beschäftigung mit den Kindern und "ihren Problemen"; an gutem Willen fehlt es keineswegs. Etwas ist faul. Aber was?

Kurz gesagt, ein Missverständnis: Die Eltern wollen Partner ihrer Kinder sein. Sie gestehen ihnen mehr Freiheiten und Rechte zu, als beide Seiten brauchen und ertragen. Sie lieben sich um Kopf und Kragen, weil sie in ihren Kindern kleine, bedürftige Wesen sehen, denen sie ihre eigenen verdrängten und enttäuschten Wünsche erfüllen: nach konfliktfreiem Miteinander, nach lustbetontem Alltag, nach Entspannung und Freiheit von Zwang. Sie machen aus der Kindheit jene Wellness-Oase, nach der sie selbst sich sehnen.

Sie unterscheiden kaum zwischen sich und dem Kind. Wenn während einer Beratung eine Dreijährige auf den Schoß der Mutter klettert, ihr ins Gesicht greift, sie unterbricht, dann sieht Winterhoff nicht nur bei dem Kind ein Problem. Die Störung liegt auch bei der Mutter: Sie empfindet ihr Kind noch als Baby, quasi als eigenen Körperteil, eine unbewusste Fortsetzung ihrer selbst; sie mutet weder sich noch ihrem Kind jene Trennung zu, die da heißt: Mein Wille ist ein anderer als deiner. Und in diesem Moment zählt der meine.

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