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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2008

Computer: Wir sind die Guten

Von Ansbert Kneip

Sie hacken Wahlcomputer und Firmenrechner, kopieren den Fingerabdruck von Minister Schäuble. Sie wollen beweisen, wie angreifbar die digitale Welt ist - die Hacker vom Chaos Computer Club haben die Rolle des obersten Datenschützers übernommen.

Die Sache mit Schäubles Fingerabdruck, sagt Constanze Kurz, die habe eine Menge Arbeit gemacht. Hätte sie nicht mit gerechnet. Constanze Kurz, 34 Jahre alt, blondes Haar, Informatikerin an der Humboldt-Universität Berlin, ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Sie hat sich in der Böse Buben Bar verabredet, das ist ganz in der Nähe der Clubräume in Berlin-Mitte, und natürlich passt der Name auch so schön: Klar, Hacker sind böse Buben.


Hacker, das sind Leute, die dem Bundesinnenminister heimlich einen Fingerabdruck abnehmen, tausendfach auf Folie drucken, verteilen, so wie es der Chaos Computer Club getan hat. Und nun kann sich jeder den Abdruck auf den eigenen Zeigefinger kleben und damit eine Zugangskontrolle überwinden. Das Lesegerät würde glauben, der Finger gehöre tatsächlich zu Wolfgang Schäuble, so gut ist die Kopie, und so dumm sind die Lesegeräte.

Jeder kann Wolfgang Schäuble sein, zumindest in der Theorie. Um aber praktisch mit dem Abdruck etwas anzufangen, müsste zunächst einmal irgendwo eine Tür stehen, die sich selbst für den deutschen Innenminister erst öffnet, nachdem er seinen Fingerabdruck vorgezeigt hat.

So eine Tür gibt es nicht.

Egal, "darauf kommt's nicht an", sagt Constanze Kurz. Es ist eine Frage des Prinzips.

Kurz fährt einen Kleinwagen, einen Smart, er parkt vor der Tür. An diesem Smart lässt sich sehr schön erklären, was für ein Prinzip das ist, um das es den Hackern vom Chaos Computer Club geht, beim Fingerabdruck, bei Wahlcomputern, Firmenrechnern oder eben Kleinwagen.

Die Hackerin hat gelernt, ihr Auto selbst zu reparieren, sie kann Kleinteile auswechseln und in der Elektrik herumfrickeln, aber das reichte ihr nicht. Also versuchte sie das, was normalerweise nur der Fachmann in der Kfz-Werkstatt darf: das Auto an einen Laptop anschließen und ein Diagnoseprogramm laufen lassen. Sie suchte im Wagen nach der Schnittstelle, forschte nach einem passenden Adapter für den Rechner, fand irgendwo im Internet das Diagnoseprogramm, und als sie alles beieinander hatte, konnte sie einfach mal nachschauen, wie es im elektronischen Hirn ihres Autos denn so aussieht.

Jedes moderne Fahrzeug besitzt so ein Computergedächtnis, es speichert die Motordaten, die Fehlermeldungen der Elektronik oder registriert kritische Situationen, beispielsweise wenn der Querbeschleunigungssensor ein Schleudern registriert. Die Mechaniker wissen dank des Rechners, welche Fehler sie beheben müssen, welche Bauteile austauschen. Laien sollten davon eigentlich die Finger lassen.

Constanze Kurz hat also einen Zugang benutzt, der nicht für sie gedacht war, und ein Programm benutzt, das nicht für sie gemacht ist. Sie hat ihren Smart gehackt. Und die Daten, auf die sie stieß, bewertet sie anders, als ein Kfz-Meister es tun würde: "Da kann man ein schönes Bewegungsprofil mit erstellen", sagt sie.

Das ist das Prinzip: Türen öffnen, Daten sichten, vor Missbrauch warnen. Ob es wirklich jemanden gibt, der sich dafür interessiert, wann Constanze Kurz morgens den Motor startet, spielt dabei keine Rolle.

Vor kurzem war Kurz zu Gast bei Peter Schaar, dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz. Schaar mahnt von Amts wegen, er ist meistens in der Defensive. Datenschutz gilt vielen als hinderlicher Luxus. Dann muss Schaar zum Beispiel erklären, warum Daten aus den Mautbrücken über der Autobahn nicht zur Verbrecherjagd benutzt werden dürfen. Wahrscheinlich beneidet Schaar den Chaos Computer Club (CCC) um die Möglichkeit, einfach mal spektakulär zu zeigen, wie einfach sich Daten missbrauchen lassen.

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Chaos Computer Club: Deutschlands neue Datenschützer

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