AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008

Affären Projekt "Clipper"

Jahrelang soll die Telekom im ganz großen Stil Journalisten, eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzelt haben. Durch ein ominöses Fax aufgerüttelt, verspricht der neue Vorstandschef René Obermann nun rückhaltlose Aufklärung. Die Staatsanwaltschaft prüft bereits.


Berichterstattung über die Telekom-Affäre von
Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk, Beat Balzli und Thomas Schulz


Vielleicht wäre sie nie ans Tageslicht gekommen. Diese "unappetitliche Geschichte", wie ein hochrangiger Telekom-Mann am Freitag vergangener Woche murmelte. Diese absurde Melange aus ganz viel Wirtschaftskrimi und einer ordentlichen Portion Macht und Größenwahn, einem Schuss Paranoia, komplett demontierter Mitbestimmung und missachteter Pressefreiheit.

Wie gesagt: Vielleicht wäre der ganze Vorgang in den Akten der Deutschen Telekom AG verschwunden. Aber dann musste ja auch noch das leidige Geld dazukommen. Und vor allem dieses Fax, das vor rund vier Wochen in der Bonner Zentrale landete wie ein dröhnendes Echo aus einer anderen, einer früheren, einer vergangenen Unternehmensära. Man konnte das Schreiben an den Chefsyndikus als unverhohlene Drohung deuten. Immerhin heißt es am Ende des dreiseitigen Papiers, das dem SPIEGEL vorliegt: "Unterschätzen Sie nicht mein Aggressionspotential und meine Leidensfähigkeit."



Zumindest war es eine Abrechnung in zweierlei Sinn: Der Telekom-Top-Jurist wurde vom Chef einer Berliner Beratungsfirma aufgefordert, sich schleunigst mit ihm in Verbindung zu setzen. Ziel: "Eine geregelte, gegen Indiskretionen gesicherte Beendigung unserer Geschäftsbeziehung."

Zugleich zog das Schreiben quasi einen Schlussstrich unter Aktionen, die über einen langen Zeitraum nur einem Zweck gedient haben sollen: deutsche Wirtschaftsjournalisten sowie Aufsichtsräte und auch Top-Manager des Konzerns und ihre telefonischen Kontakte zueinander auszuspähen.

Auftraggeber: die Telekom selbst, damals operativ geführt von Kai-Uwe Ricke und kontrolliert von einem Aufsichtsrat, den der damalige Post-Chef Klaus Zumwinkel anführte.

Auftragnehmer: die Berliner Beratungsfirma, deren Chef es in seinem Fax vom 28. April an Deutlichkeit nicht missen ließ: Ziel der Spähoperationen "Clipper", "Rheingold" und einiger anderer "Nebenprojekte" sei "die Auswertung mehrerer hunderttausend Festnetz- und Mobilfunk-Verbindungsdatensätze der wichtigsten über die Telekom berichtenden deutschen Journalisten und deren privaten Kontaktpersonen" gewesen.

Und damit nicht genug.

Das gleiche Spiel habe man mit "mehreren Aufsichtsratsmitgliedern der Arbeitnehmerseite" wiederholt - "über einen Zeitraum von insgesamt anderthalb Jahren".

Weitere Spähattacken seien "konkret geplant und beauftragt" gewesen, unter anderem "die Überwachung eines Ihrer Anteilseigner mit Hauptsitz in New York". Dabei kann es sich nur um den Telekom-Aktionär Blackstone handeln, auch wenn gerade dieser Verdacht arg großspurig daherkommt.

Überdies habe man in das Büro eines "wichtigen Wirtschaftsjournalisten" einen "Maulwurf eingeschleust", der über mehrere Monate "direkt an die Konzernsicherheit" der Telekom berichtet habe.

Der Chef der Sicherheitsfirma lässt keinen Zweifel: "Die Projekte können selbst im nachrichtendienstlichen Maßstab nur als ungewöhnlich flächendeckend und ausgefeilt bezeichnet werden."

Das alles - so die schriftlichen Vorwürfe - sei "direkt vom Vorstand (in enger Abstimmung mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden) beauftragt und direkt vom Vorstandsvorsitzenden über das Aufsichtsratsbüro bezahlt" worden. Nur offenkundig nicht ganz. Denn um ein paar Außenstände entbrannte schließlich der Streit.

Noch ist überhaupt nicht absehbar, was von all den Vorwürfen eines derart gewaltigen Lauschangriffs wirklich den Tatsachen entspricht. Immerhin: Die Telekom bestätigt, dass sie den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft übergeben hat.

Wegen laufender Ermittlungen könne man allerdings zu Einzelheiten keine Stellung nehmen. Das Vorgehen sei mit dem Aufsichtsrat und seinem Vorsitzenden abgestimmt. "Wir nehmen den Vorgang sehr ernst. Wir werden alles tun, um die Staatsanwaltschaft bei ihren Bemühungen um eine lückenlose Aufklärung zu unterstützen", versichert der amtierende Telekom-Chef René Obermann.

Lothar Schröder, oberster Gewerkschafter und Vize-Chef im Aufsichtsrat des Bonner Telefon-Multis, der von den Spähaktionen möglicherweise sogar selbst betroffen war, ist empört: "Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein Vertrauensbruch ohne Beispiel und ein unglaublicher Skandal, bei dem die Schuldigen schnellstens zur Rechenschaft gezogen werden müssen."

Schröder bestätigt indes, dass er trotz aller Betroffenheit den Eindruck gewonnen habe, dass das jetzige Management an einer lückenlosen und schnellen Aufklärung äußerst interessiert sei.

Als die ersten Hinweise auf mögliche Ungereimtheiten in der Sicherheitsabteilung einliefen, reagierte Obermann sofort. Der Sicherheitschef wurde abgelöst, die gesamte Abteilung vollkommen umgekrempelt.

Obermann meldete die prekären Vorgänge nicht nur ins Kanzleramt und ans Bundesfinanzministerium in Berlin, sondern reichte den gesamten Vorgang an die Bonner Staatsanwaltschaft weiter. Die muss nun ermitteln: Wer hat sich wann was zuschulden kommen lassen in jener für die Telekom so entscheidenden Phase zwischen 2005 und 2006, als noch Obermanns Vorgänger Ricke regierte.



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