AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008

Geografie: Wikipedia der Navigation

Von Manfred Dworschak

Scharen von Freiwilligen haben damit begonnen, den Erdball neu zu vermessen. Ausgerüstet mit GPS-Empfängern, durchstreifen sie Städte, Dörfer und Wälder. Ihr Ziel: ein Welt-Stadtplan, der alle bestehenden übertrifft - und dennoch nichts kostet.

Heute ist Kaisersbach an der Reihe, Kaisersbach bei Murrhardt an der Murr, ein stiller Flecken tief im Schwäbischen Wald. Die Aktivisten Böck, Wurst und Fingerle schalten ihre Geräte ein und ziehen los.

Vom Postwegle geht es in die Blumenstraße, weiter ins Reißäckerwegle und hinaus in die blühenden Wiesen. Es sieht wie ein Spaziergang aus. Aber die Geräte, es sind GPS-Empfänger, zeichnen akkurat die gesamte Strecke auf. Wegle um Wegle wandert Kaisersbach in den Datenspeicher. Das ist die Mission.

In der Gegend um Murrhardt sahen die Leute schon öfter wunderliche junge Männer durch die Straßen ziehen mit Kästchen in der Hand. Selten, dass noch ein Einwohner Argwohn zeigt - er bekommt dann erklärt, was hier entsteht: eine von Grund auf neue Karte der Welt.

Kaisersbach fehlte noch.

Hanno Böck, Bernd Wurst und Fabian Fingerle, im Werktagsleben Studenten und Computerbastler, gehören einer rasch wachsenden Bewegung an, die sich der Neuvermessung des Erdballs verschrieben hat. Überall sind ihresgleichen unterwegs, in den Slums von Manila ebenso wie in den Schluchten von Manhattan; selbst entlegene Dörfer in Rumänien hatten schon Besuch von den Geometern neuen Typs.

Gut 30.000 Köpfe zählt das Projekt OpenStreetMap weltweit, ein gut Teil davon ist regelmäßig aktiv. Es lockt ein hohes Ziel: Ein Stadt- und Wegeplan soll entstehen, der an Detailtreue und Aktualität alles übertrifft, was es bisher gibt ( www.openstreetmap.org).

Zwei Unternehmen, Navteq in den USA und Tele Atlas in den Niederlanden, versorgen bislang fast exklusiv die Welt mit digitalen Karten. Ihre teuren Produkte stecken in beinahe jedem Navigationsgerät. Dazu gibt es Gratisangebote wie Google Maps, das aber ebenfalls auf den Karten des marktbeherrschenden Duopols beruht.

Die Freizeitkartografen nehmen es also wahrlich mit mächtigen Gegnern auf. Sind diese Leute bei Trost?

"Die Wikipedia hörte sich anfangs auch größenwahnsinnig an", sagt Böck. "Wer hätte damals gedacht, dass Freiwillige eine Enzyklopädie zustande kriegen, die den Brockhaus alt aussehen lässt?"

OpenStreetMap will, mit einem Wort, die Wikipedia der Navigation werden. Hier wie dort gilt das Prinzip des gleichen Zugangs für alle: Jeder kann Wegstrecken eintragen, den Umriss eines Wäldchens korrigieren oder auch das Abbild seiner Heimatstadt bereichern um die Verteilung der Briefkästen, Sitzbänke und Klohäuschen.

Die kollektive Fleißarbeit ist schon weit gediehen. Vor kaum vier Jahren rief der britische Programmierer Steve Coast mit ein paar Kumpanen das Projekt ins Leben - heute gibt es in England kaum mehr weiße Flecken. "In Deutschland dauert es noch ein Jahr, vielleicht nur ein halbes", sagt Böck. Auf dem Land ist bislang vieles unerschlossen, aber Städte wie Karlsruhe oder München sehen schon detailreicher aus als bei Google Maps.

Vor allem bei den unzähligen Fuß- und Radwegen können kommerzielle Kartendienste schwerlich mithalten. Sie müssen jahrein, jahraus das Straßennetz abfahren, das sich beständig ändert - Straßen kommen hinzu, werden umbenannt oder für eine Fahrtrichtung gesperrt. Allein für Navteq sind rund 700 Mitarbeiter unterwegs, und doch schaffen sie nur die Autostrecken. Für Fußgänger oder Radfahrer taugen ihre Karten nur sehr beschränkt.

Die Laienzunft der Landvermesser tut ihr Werk dagegen fast wie nebenbei: auf dem Weg ins Büro, beim Spaziergang mit dem Hund, auf der Radtour am Wochenende. Die Hauptarbeit erledigt der Empfänger in der Hosentasche. Mit Hilfe der GPS-Ortungssatelliten merkt er sich automatisch die zurückgelegte Strecke.

Hanno Böck hat außerdem eine Kamera dabei, mit der er die Straßenschilder, den Spielplatz, die Kirche, die Post fotografiert. Denn später, zu Hause am Computer, ist es mit den rohen Streckendaten allein nicht getan. Es gilt, die Karte möglichst detailliert zu beschriften. Allein für Feldwege stehen fünf Qualitätsstufen bereit, vom asphaltierten Wirtschaftssträßchen bis hin zur undeutlichen Traktorspur. Wer weiß, wozu so was mal gut sein mag.

Wenn Böck fertig ist, lädt er seine Beute hoch auf die Zentralrechner von OpenStreetMap, wo alle Teilstrecken automatisch verhäkelt werden. Rund um die Uhr treffen hier die Beiträge ein. Wer ein paar Stunden zusieht, erlebt das Erdbürgertum in Aktion: Aus Vällingby, Bad Salzdetfurth und Murmansk kommen die Daten, aus Riga, Valparaíso und von der Garmischer Windbeutelalm.

  • 1. Teil: Wikipedia der Navigation
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