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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008

Mobilfunk: Beim Tricksen ertappt

Von Manfred Dworschak

Zwei aufsehenerregende Studien über die Gefahren der Handystrahlen sind offenbar das Werk einer Schwindlerin - was wussten die leitenden Professoren?

Es war einer der gruseligsten Befunde über die Gefahren des Mobilfunks. Handystrahlen, so hieß es, zerbrächen die zarten Fädchen des Erbguts in den Zellen. Mögliche Folge: Krebs.

Eine Forschergruppe an der Medizinischen Universität Wien hatte die Schreckensbotschaft verkündet. Man schrieb das Jahr 2005. Mobilfunkgegner freuten sich über die neue Munition. Mit frischem Mut forderten sie drastisch gesenkte Grenzwerte.

Jetzt stellt sich heraus: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist alles ein Schwindel. Eine Labortechnikerin hat einfach reihenweise Daten erfunden.

Mehr noch: Die Frau trickste danach offenbar jahrelang weiter vor sich hin - bis es nun einer Untersuchungskommission der Wiener Universität gelang, sie auf frischer Tat zu ertappen. "Frau K. hat sofort gestanden", sagt Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität. "Wir haben das Arbeitsverhältnis beendet."

Elisabeth K. stand schon eine Weile unter Verdacht - auch eine aktuelle Studie, der sie zugearbeitet hatte, war mit befremdlichen Daten aufgefallen. Schütz ließ deshalb die Angestellte im April zwei Wochen lang heimlich beobachten.

Ergebnis: Elisabeth K. habe ihre Daten "offenkundig fabriziert", sagt Schütz. "Es ging ihr um die Erzeugung vorgefasster Ergebnisse." Der tatsächliche Verlauf ihres Experiments hingegen war der Labortechnikerin ziemlich gleichgültig: "Die hat gar nicht ins Mikroskop geschaut", berichtet der Rektor sichtlich verblüfft.

Gleich zwei vieldiskutierte Studien sind nach dem Geständnis praktisch wertlos geworden; die Uni fordert, dass sie zurückgezogen werden. Bei der älteren aus dem Jahr 2005 ging es um Mobilfunkwellen, wie sie im gewöhnlichen GSM-Netz verwendet werden. Die Schäden am Erbgut, die der Wiener Forschergruppe damals aufgefallen waren, traten zwar nur bei isolierten Zellen in der Petrischale auf - dafür aber schon bei einer Belastung weit unterhalb der Grenzwerte.

Die zweite Studie, erschienen in diesem Frühjahr, kam zu einem ähnlichen Ergebnis, diesmal bei den Funkwellen der modernen UMTS-Netze.

Dass Handys "Strangbrüche" im Erbgut verursachen, gehört zum eisernen Arsenal der Mobilfunkgegner. Bereits 2003 hatte das vielzitierte EU-Forschungsprojekt "Reflex" einen ähnlichen Befund gemeldet. Dessen Koordinator, der Münchner Professor Franz Adlkofer, war nun auch an den zweifelhaften Wiener Studien beteiligt.

Adlkofer blickt auf eine illustre Biografie zurück: Er war fast zwei Jahrzehnte lang als leitender Wissenschaftler in einem Lobbyverband der Zigarettenindustrie tätig. Mit diversen Handystudien aber gelang ihm in den vergangenen Jahren die Konversion zum Volkshelden, zumindest unter den Mobilfunkgegnern.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 243 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2009) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,1 W/kg und 1,57 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,87 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".
Nun zeigt sich Adlkofer zerknirscht. Er spricht von einer "Sauerei". Bei der Studie von 2008 sei es "nicht mit rechten Dingen zugegangen", sagt er. "Man hat uns hinters Licht geführt. Ich bin entsetzt."

Sein Wiener Mitautor Hugo Rüdiger, ehemals Professor in der Abteilung für Arbeitsmedizin, sieht das anders. Rüdiger, der inzwischen emeritiert ist, will von den Arbeiten nach wie vor nicht abrücken.

Bei den älteren Daten sieht auch Adlkofer "keine Veranlassung, das Ergebnis zu bezweifeln". Gleichwohl müsse die Studie von 2005 nun "wiederholt werden - und zwar außerhalb Wiens, das ist klar".

Schuld sei, beteuert der Forscher, allein Rüdigers Assistentin, die Labortechnikerin. Sie führte maßgeblich die Experimente aus, viele Daten stammen von ihr. Aber aus welchem Grund sollte sie geschummelt haben? Adlkofer: "Das war wohl psychopathologisch begründet." Auf Deutsch: Sie hatte einen Knall.

Die Frage ist aber: Wie konnte eine einfache technische Hilfskraft, ob bei Sinnen oder nicht, mit gröblich zusammengeschusterten Daten gestandene Lehrstuhlinhaber überlisten?

"Das stellt mich vor ein großes Rätsel", sagt Alexander Lerchl, Professor für Biologie an der Bremer Jacobs University. "Ein erfahrener Wissenschaftler müsste sofort sehen, dass da was faul ist."

Lerchl war es, der den Fall ins Rollen brachte. Ihm war aufgefallen, dass die angeblich beobachteten Daten einander viel zu stark ähnelten. "Das ist ein häufiger Fehler, wenn Leute Resultate fälschen", sagt Lerchl. Also rechnete er nach. Und fand: "Es ist statistisch und logisch unmöglich, dass diese Daten aus echten Experimenten stammen."

Der Biologe erforscht selbst seit Jahren mögliche Auswirkungen des Mobilfunks auf den Organismus. Die Wiener Studien waren ihm schon länger suspekt. "Es gibt einfach keinen vorstellbaren Wirkmechanismus, der Erbgutschäden bei so energiearmen Wellen erklären kann", sagt er.

Auf Lerchls Insistieren hin wurde die Wiener Universität tätig. Nun harrt noch die unrühmliche Rolle der Professoren Adlkofer und Rüdiger einer Klärung. "Das werden wir als Nächstes untersuchen", sagt Wolfgang Schütz.

Dem Rektor ist die menschliche Dimension solcher Dramen nicht fremd: "Das ist ganz typisch für wissenschaftliche Betrugsdelikte", sagt Schütz. "Nicht selten steckt dahinter eine junge Mitarbeiterin, die sich mit ihrem Chef sehr gut stellen will."


Anmerkung der Redaktion:

Die Fälschungsvorwürfe gegen Elisabeth K. wurden vom Rat für Wissenschaftsethik der Medizinischen Universität Wien und von der Österreichischen Kommission für Wissenschaftliche Integrität überprüft. Beide Gremien fanden keine Belege für die Fälschungsvorwürfe. Im 2008 erstellten Endbericht des Rates für Wirtschaftsethik hieß es wörtlich:

"Der Rat für Wissenschaftsethik hat eindeutige Beweise dafür gefunden, dass im Zeitraum, in dem die Untersuchungen für die Arbeit Schwarz et. al (IAOEH, 2008) durchgeführt wurden, eine Mitarbeiterin, die die Auswertungen der Proben bei dieser Arbeit allein durchgeführt hatte, in der Lage war, durch eine (dem Handbuch entsprechende) Einstellung des Displays der Codierungsmaschine zu erkennen, ob eine Probe befeldet oder nicht-befeldet war. Diese Tatsache (Kenntnis des Codes der Verblindungseinrichtung der Befeldungsvorrichtung seit September 2005) wurde von dieser Mitarbeiterin in der Sitzung des Rates für Wissenschaftsethik vom 24.7.2008 zugegeben und die Aussage schriftlich bestätigt.

Die Berechnung des Codes kann zwei Folgen haben: Zum einen können Daten erhoben werden, deren Erhebung unbewusst, nicht frei von Unvoreingenommenheit (biased), in eine gewünschte Richtung gelenkt wurde oder die in eben dieser Weise in eine bestimmte Richtung interpretiert werden. Zum anderen können Daten bewusst in eine gewünschte Richtung manipuliert werden.

Der Rat für Wissenschaftsethik konnte nun keine Beweise dafür erbringen, dass mit Hilfe der festgestellten Kenntnis der in Rede stehenden Labormitarbeiterin, wie die Verblindung der Befeldungskammern gebrochen werden kann, Daten bewusst gefälscht oder fabriziert wurden. Eine Datenfälschung oder -fabrikation wurde von der betreffenden Mitarbeiterin mehrfach bestritten und sie wurde von einer anderen Auskunftsperson diesbezüglich - auch mit dem Hinweis auf die ordnungsgemäß erfolgte Codierung der Objektträger und damit auf die zweite Verblindung - entlastet.

Der Rat für Wissenschaftsethik gelangte bei der ihm in seiner Geschäftsordnung übertragenen vorläufigen Beurteilung dieses Sachverhaltes an Hand der "Richtlinien für Good Scientific Pratice der Medizinischen Universität Wien" - im Folgenden: Richtlinien - zur Auffassung, dass das Brechen des Codes durch eine Labormitarbeiterin und Mitautorin (ohne dies ihrem Vorgesetzten mitzuteilen) als ein Akt wissenschaftlichen Fehlverhaltens ("scientific misconduct") zu bewerten ist. Dass sich diese Mitarbeiterin, ohne für entsprechende Änderungen im organisatorischen Ablauf zu sorgen, nicht der Mitarbeit und der Mitautorenschaft enthielt, ist eine gravierende Sorgfaltspflichtverletzung. Als schwerwiegend erwies sich dieses Fehlverhalten der Mitautorin auch deshalb, weil gerade bei den hier in Rede stehenden Experimenten deren doppelte Verblindung durch die verwendeten, in Zürich entwickelten Expositionskammern als besonderes Qualitätsmerkmal in den Arbeiten hervorgehoben wurde. Der Rat für Wissenschaftsethik stellt hiermit fest, dass diese Daten nicht mehr als wissenschaftlich verlässlich zu bezeichnen sind.

Weiters hat der Rat für Wissenschaftsethik festgestellt, dass die als Erstautorin in der Publikation in IAOEH 2008 genannte Mitarbeiterin nicht die Voraussetzungen des Punktes 1.7.3.4.1 der Richtlinien erfüllt, wonach die erste Stelle auf der Autorenliste jenem Mitarbeiter zusteht, der prozedural, intellektuell oder konzeptionell den größten Beitrag zum Projekt erbracht hat. Es ist nicht hervorgekommen, dass der Erstautorin die "einleitende Initiative zur Inangriffnahme" der Arbeit IAOEH 2008 "mit substantiellem Beitrag zu Konzeption und Studiendesign" (Punkt 1.7.3.2.1 der Richtlinien) zukam. Sie hat an der Durchführung der Auswertungen nicht mitgewirkt, an der notwendigen Überarbeitung der Arbeit im Jahr 2006 nicht mitgearbeitet und die Endfassung des schließlich vom Corresponding Autor zur Publikation eingereichten Manuskriptes nicht gelesen. Es sind daher nicht wenigstens drei der unter Punkt 1.7.3.2.1 bis 1.7.3.2.5 der Richtlinie genannten und für die Nennung als Autor, geschweige denn als Erstautor, erforderlichen Punkte im Sinne des Punktes 1.7.3.2 der Richtlinien erfüllt. Dieser Sachverhalt musste als ein der Publikation anhaftender "Verstoß gegen die definierten Regeln der Autorenschaft" und damit als ein wissenschaftliches Fehlverhalten im Sinne des Punktes 2.1.1 der Richtlinien ("scientific misconduct") beurteilt werden.

Betreffend die Arbeit Diem et al (Mutation Research, 2005), für die ebenfalls der Vorwurf der Datenfabrikation erhoben wurde, konnte der Rat für Wissenschaftsethik hierfür keine Beweise, weder für ein Brechen des Codes noch für eine Fälschung oder Fabrikation von Daten erbringen.

Allerdings wurde im Rahmen dieser Untersuchung festgestellt, dass diese Arbeit auf limitierten Daten, die innerhalb von zweieinhalb Wochen (von der oben erwähnten Wiener Labormitarbeiterin in Berlin) erhoben wurden, beruht. Insbesondere wurde für jeden Zeitpunkt nur ein (!) Befeldungsversuch mit jeweils zwei Proben durchgeführt und trotzdem wurden statistische Berechnungen vorgenommen und publiziert (mit Angabe einer Standardabweichung). Dies stellt eine wissenschaftlich nicht vertretbare Vorgangsweise dar und reduziert die Aussagekraft dieser Arbeit."

In der 2010 verfassten Stellungnahme der Kommission für Wissenschaftliche Integrität hieß es wörtlich:

"Es blieb allerdings unklar, wie aus den verfügbaren Originaldaten die publizierten Ergebnisse entstanden sind. Die Kommission konnte auf dieser Grundlage den von Herrn Lerchl erhobenen Fälschungsvorwurf weder bestätigen noch entkräften. Auch in Bezug auf die Arbeiten Diem et al. 2005 und Schwarz et al. 2008 konnten die Fälschungsvorwürfe nicht verifiziert werden. Bei allen Publikationen entspricht die Dokumentation der Originaldaten und deren Darstellung nicht den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis und lassen somit die Sorgfalt vermissen, die notwendig ist, um die publizierten Ergebnisse nachvollziehen zu können. Angesichts der Bedeutung der Ergebnisse für die breite Anwendung der Mobilfunktechnologie wäre es angebracht gewesen, vor der Publikation die Experimente von einer unabhängigen Arbeitsgruppe bestätigen zu lassen. Allerdings wurden die Experimente von Diem et al. 2005 von der Arbeitsgruppe um Herrn Prof. Speit im Jahr 2006, also nach der Veröffentlichung der Daten, wiederholt. Dabei konnten die Ergebnisse der Wiener Arbeitsgruppe nicht reproduziert werden. Der Umstand, dass Speit et al. die Ergebnisse nicht reproduzieren konnten, bedeutet nicht, dass damit der Fälschungsvorwurf bestätigt wäre."

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