AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2008

Genetik Peepshow ins Ich

Junge Firmen offerieren Privatleuten den Blick ins Erbgut: Wer bezahlt, soll seine genetischen Stärken und Schwächen erfahren. Was bringt die Entblößung?

Ein Selbstversuch von Marco Evers


Der Tod ist dem Menschen sicher, doch das Wie und das Wann bleiben ihm ein Geheimnis. Wo droht Gefahr, vom Herzen oder von der Leber? Und wie lässt sie sich abwenden? Für so existentielle Fragen bemühten die Lebenden früher gern Orakel, Hexen und Eingeweide; heute aber gibt es vermeintlich Besseres.

Genetische Verwandtschaft: 23andMe sagt einem, mit welchen Menschen weltweit man wie viel genetische Ähnlichkeit hat

Genetische Verwandtschaft: 23andMe sagt einem, mit welchen Menschen weltweit man wie viel genetische Ähnlichkeit hat


Gentests!

Der Spaß ist nicht ganz billig. 999 Dollar (rund 640 Euro) berechnet das Start-up-Unternehmen 23andMe aus dem Silicon Valley. Noch mehr müssen Neugierige beim gleichfalls kalifornischen Navigenics berappen, etwas weniger bei Decode Genetics aus Island. All diese Firmen wollen Geld verdienen, indem sie hineinblicken in anderer Leute Gene und ihnen erzählen, was es dort zu lesen gibt: Enthüllungen über die eigene Abstammung; intime Details über genetische Schwächen, Stärken und Risiken; eine Ahnung von dem, was die Zukunft an Schrecklichem bringen mag.

Fünf Jahre nach der definitiven Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat das Zeitalter der Gen-Peepshow für jedermann begonnen. Doch lohnt es, sich so dermaßen nackt zu machen? Was, wenn einem die Botschaft aus dem Kleinstgedruckten gar nicht behagt?

Dem SPIEGEL ist es gelungen, ein Versuchsobjekt auf die Gen-Mission ins Unbekannte zu schicken: mich, Wissenschaftsredakteur, 41 Jahre alt, von Allergien geplagt, ansonsten so weit gesund, Abkömmling einer früh durchglobalisierten Familie, die stets davon ausging, dass sich in ihr vor über hundert Jahren Gene aus Asien eingesprengselt hatten.

Ja, ich habe mich testen lassen. Ich habe in ein Röhrchen gespuckt und es ins Auftragslabor von 23andMe nach Kalifornien geschickt. Die Laboranten dort haben nicht mein gesamtes Genom mit seinen Milliarden Buchstaben aufgedröselt (das wäre vielfach teurer, in diesen Genuss kamen bisher nur eine Handvoll Menschen). Stattdessen haben sie mit "Genchips" automatisch meine genetische Konstitution an bestimmten Positionen im Erbgut ausgelesen, nämlich dort, wo es richtig lohnt.

Es gibt massenhaft Stellen, wo sich die Gen-Gebäude der Menschen jeweils nur durch einen einzigen Baustein unterscheiden. Dieser kleine Unterschied kann bedeutungslos sein oder auch das Verderben bringen. 580.442 solcher "SNPs" ("Single Nucleotide Polymorphisms") hat die Firma in meinem Erbgut bestimmt - einen gut Teil meiner Individualität.

Ist das gefährlich? Oder soll ich mich freuen?

Nach drei Wochen lag das Ergebnis vor, nicht in Form eines Arztbriefs, sondern als bunte, passwortgeschützte WebSeite (kein Wunder: Anne Wojcicki, die Mitbegründerin von 23andMe, ist die Ehefrau des Google-Milliardärs Sergey Brin. Google ist Investor bei 23andMe). Ich näherte mich dieser Web-Seite missmutiger als einem Steuerbescheid. Tagelang scheute ich mich, dem Schicksal ins Auge zu blicken. Dann tat ich es.

Und jetzt weiß ich seltsame Dinge.

Auf Chromosom 5 etwa habe ich an Position 73.403.994 ein "Cytosin" auf dem einen Elternchromosom, ein "Thymin" auf dem anderen. Wie gefährlich ist das? Oder soll ich mich freuen? Niemand weiß dies. Die Testfirma hat rund 10.000 Seiten Material über mich, doch daraus werden selbst Experten nicht schlau. Genomforschung ist eine Großbaustelle, vor allem bei 23andMe. Erst für 70 Merkmale (aber stetig mehr) ist es der Firma gelungen, Geninformation und Genstudien so zusammenzubringen, dass das Erbe eine Geschichte erzählt.

Zum Beispiel diese: Meine Leber stellt eine spezielle Variante eines Enzyms her, das mir hilft, Koffein schnell zu verstoffwechseln. Darum kann ich sehr viel Kaffee trinken, ohne damit mein Risiko für einen Herzinfarkt zu erhöhen. Vielleicht hilft Kaffee sogar, es zu senken.

Oder diese: Einer von 100 Europäern ist genetisch so gebaut, dass er gegen das Aidsvirus immun ist. Ich aber bin einer der übrigen 99, für mich bleibt das Leben gefährlich, denn malariaresistent bin ich auch nicht. Immerhin bin ich keiner der Pechvögel, bei denen BSE-Fleisch frühzeitig zu menschlichem Rinderwahn führen kann.

Als Sechziger-Jahre-Baby habe ich keine Muttermilch bekommen - wegen günstiger Gene aber, so bescheinigt zumindest der Testbericht, hat dies meiner Intelligenzentwicklung nicht geschadet. Außerdem habe ich erfahren, dass mein Ohrenschmalz honigfarben sei (aha!) statt gräulich wie bei manchen anderen. Überdies sei ich mühelos fähig, auch als Erwachsener Milch zu verdauen.



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