AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2008

Boom der Nano-Partikel Kleine Teilchen, großes Risiko

Nanoteilchen sind überall: in Sonnencreme, in Zahnpasta, in Unterhosen. Sie machen Salben cremiger, Textilien frischer, Wurst rosiger. Jetzt mehren sich Hinweise, dass von den Wunderpartikeln Gesundheitsgefahren ausgehen. Noch operiert die junge Industrie fast im rechtsfreien Raum.

Von und


Vielen Dank, lieber Leser, dass Sie Ihren Körper der Forschung zur Verfügung stellen und ihn völlig unbekannten Substanzen aussetzen. Vielleicht machen diese Stoffe Sie gesünder, vielleicht auch krank. Zu Risiken und Nebenwirkungen brauchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker gar nicht erst zu fragen, denn der hat auch keine Ahnung bislang.


So oder so ähnlich müsste sich der Beipackzettel lesen für eine Vielzahl von Alltagsprodukten: für Sonnencreme und Zahnpasta, für Antifaltencreme und Kaugummi, für Socken und Wandfarbe. Ohne es zu wissen, greifen Verbraucher täglich zu Produkten, in denen sogenannte Nanopartikel enthalten sind - ultrafeine Krümelchen, die kleiner sind als 100 Nanometer, also rund 5000-mal kleiner als der Punkt hinter diesem Satz.

Die Vorsilbe Nano ist hergeleitet vom griechischen Wort für Zwerg. Und der molekulare Zwergenwuchs verleiht riesige Fähigkeiten: Sporthemden stinken nach dem Tragen nicht mehr - dank submikroskopisch kleiner Silberpartikel. Sonnencreme, einst weiß wie Theaterschminke, wird durchsichtig - Titandioxid im Nanoformat blockt zwar das schädliche UV-Licht ab, lässt aber das sichtbare Licht hindurch. Antifaltencremes wiederum wirken genau andersherum: Winzige Partikel spiegeln das Licht so geschickt in Stirnrunzeln hinein, dass diese kaum noch Schatten werfen und deshalb weniger auffallen. Und unsichtbar kleine Noppen auf Badezimmerkacheln lassen Schmutz abperlen durch den berühmten Lotos-Effekt, den man auch bei Wasserpflanzen beobachten kann. So weit die guten Nachrichten.

Die schlechten: Seit einer Weile mehren sich die Hinweise auf Risiken. Die Zwergenteilchen sind so klein, dass sie möglicherweise wie Sand im Getriebe der Körperzellen wirken: In Tierversuchen und an Zellkulturen wurde mehrfach nachgewiesen, dass die bakterienkleinen Krümelchen unerwünschte Reaktionen auslösen können: Werden sie von Fresszellen geschluckt, überlasten sie das Immunsystem und schwächen die Abwehr gegen Infektionen. Werden sie eingeatmet, dringen sie so tief in die Lunge ein, dass sie über die Lungenbläschen bis in den Blutstrom gelangen - und von dort aus sogar bis ins Gehirn, wo sie am Entstehen von Parkinson und Alzheimer beteiligt sein könnten.

Eindeutig bewiesen ist davon bislang nichts, aber Monat für Monat tauchen neue Hinweise auf. In der Fachzeitschrift "Nature Nanotechnology" zum Beispiel verkündeten Forscher der Universität Edinburgh unlängst, dass Labormäuse nach dem Einspritzen von Kohlenstoffröhrchen (Nanotubes) in die Bauchhöhle ähnliche Krankheitssymptome zeigen, wie man sie von Asbest kennt.

Ist Nano also das neue Asbest? Noch ist es zu früh für eine Antwort, noch lassen sich die Ergebnisse von Versuchen an Mäusen oder Zellkulturen kaum verallgemeinern, noch werden oft absurd hohe Dosen verabreicht. Außerdem gibt es keine Nanoopfer zu beklagen. Aber die Sorge in der Fachwelt wächst. Nun mischen sich auch die Verbraucherschützer ein.

"Mittlerweile sind über 500 Nanoprodukte auf dem Markt, und jede Woche kommen etwa drei weitere hinzu", sagt Gerd Billen, Leiter des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Neben sich hat er einen bunten Gabentisch mit Produkten aufgebaut, von Reinigungsmitteln bis zu Socken, alle mit Nanopartikeln versetzt. Billen fühlt sich unwohl angesichts dieser bunten Bescherung: "Wir wehren uns gegen die schleichende Einführung von Nanoprodukten. Wir brauchen eine Kennzeichnungspflicht", meint er und warnt: "Unsere Akzeptanzampel schaltet gerade von Grün auf Gelb."

Das sind ungewohnte Töne. Bislang galt Nano als sexy und innovativ; ein amerikanischer MP3-Player, ein indisches Auto und eine deutsche Fernsehsendung schmücken sich mit dem Begriff. Doch nun beginnt die Stimmung zu kippen. Die Nanorisiken könnten eine der heißen Streitfragen der kommenden Jahre werden, vergleichbar mit Atomenergie oder Gentechnik.

Die unterschiedliche Haltung zu den Nanorisiken trennt auch das Bundeskabinett in zwei Lager: Die christdemokratische Forschungsministerin Annette Schavan will, dass "exzellente Ergebnisse in der Nanotechnologie schneller und effizienter in Produkte von morgen umgesetzt werden". Mit über 130 Millionen Euro fördert sie die Nanoforschung. Und zusätzlich lässt sie einen bunten "Nanotruck" durchs Land tingeln mit der Botschaft, dass das auch richtig so sei.

Weitaus skeptischer geht der sozialdemokratische Bundesumweltminister Sigmar Gabriel an das Thema heran: "Die größten Risiken für Mensch und Umwelt gehen von Nanomaterialien aus, die als freie Partikel in Produkten enthalten sind, zum Beispiel in Kosmetika", heißt es in einem Hintergrundpapier seines Ministeriums (BMU). Eine beim BMU angesiedelte Nanokommission soll die Risiken besser erkunden. Kommissionschef Wolf-Michael Catenhusen warnt zwar vor einer pauschalen Verteufelung der Nanotechnik: "In Computern beispielsweise ist ihr Einsatz wahrscheinlich unproblematisch." Zu größerer Vorsicht hingegen rät er insbesondere bei Lebensmitteln.

Das sehen die deutschen Verbraucher ähnlich. Noch stehen sie der Nanotechnik insgesamt sehr wohlwollend gegenüber, mit über 60 Prozent Zustimmung sogar weitaus positiver als zum Beispiel die US-Verbraucher. Nano-Nahrung allerdings lehnen 84 Prozent der deutschen Befragten ab, so eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung. Der Bund für Umwelt und Naturschutz fordert sogar ein "Moratorium für den Einsatz von Nanomate- rialien im Lebensmittelsektor".

Gerade hier aber wirken Nanopartikel regelrecht Wunder: Sie lassen Pulver besser rieseln, transportieren Vitamine, ersetzen Fett, machen Saucen cremiger, verhindern, dass Wurst grau wird. Doch ob und wo genau sie eingesetzt werden, das hält die Branche geheim.

"Die Lebensmittelindustrie lässt uns im Dunkeln tappen", schimpfte Catenhusen in Berlin vor ein paar Wochen auf einer Konferenz zum Thema: "Wenn die Nahrungsmittelbranche so weitermacht, droht denen ein Kommunikations-GAU, wie wir es von der Gentechnik kennen." Erstmalig sollen nun Ende kommender Woche auch Vertreter von Lebensmittelfirmen zu einem Treffen der Nanokommission erscheinen.



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