AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2008

Sportmedizin Bis zum Zusammenbruch

Schadet Musikgenuss beim Joggen oder Radfahren? Neue Experimente zeigen: Klangduschen wirken leistungsfördernd - aber sie führen auch zur Ausschüttung von Stresshormonen.

Von Frank Thadeusz


Erinnert sich noch jemand? Einst galt es als schick, im ausgebeulten Jogginganzug und mit sperrigem Walkman durch Wälder und Parks zu traben. Doch die Sportwissenschaft hat längst nachgewiesen: Das Laufen in Baumwolle ist von großem Übel - Freizeitsportler schwitzen in der Naturfaser bestialisch und können sich in den kaum durchlässigen Klamotten einen bösen Wolf laufen.

Jogger mit Musikgerät: Vergleichbar mit der Flucht vor einem Pitbull
CORBIS

Jogger mit Musikgerät: Vergleichbar mit der Flucht vor einem Pitbull

In anderer Hinsicht sind die Gelehrten weit weniger sicher in ihrem Urteil. Zwar wurde der prähistorische Walkman mittlerweile durch den in jeder Hinsicht komfortableren MP3-Player ersetzt; ob aber die Rennerei mit Musikberieselung eher von Vorteil ist oder im Gegenteil womöglich sogar schädlich, darüber zanken die Experten derzeit recht heftig.

Zuletzt hat etwa der Sportpsychologe Costas Karageorghis von der englischen Brunel University die Debatte mit einer verheißungsvollen Botschaft belebt. Wie er bei Tests herausgefunden hat, könnten Läufer ihren Trainingseffekt mit Pop, Rock oder gar Klassik um bis zu 20 Prozent steigern.

Dazu müssten die Freizeitsportler ihre Musikgeräte allerdings konsequent mit Stücken bespielen, die zwischen 120 und 140 Schläge pro Minute aufweisen - eine mäßig flotte Frequenz, in der sich das gängige Hitparadenmaterial aber durchaus bewegt.

Anbieter wie Apple nutzen bereits den Trend und mixen, teilweise zusammen mit dem Sportschuhhersteller Nike, fleißig Lauf-Soundtracks zusammen. Inzwischen sind sogar Programme verfügbar, mit denen die Laufwütigen ihre Songsammlung nach der Schlagzahl pro Minute sortieren können.

Karageorghis war besonders hinter einer Information her: "Wann ist beim Laufen der Flow am größten?" Für seine Versuchsanordnung ließ er 29 sporterprobte Studenten auf dem Laufband ackern. Dazu durften die Probanden ihre - nach Tempo geordnete - Lieblingsmusik hören. Hinterher mussten die Testläufer einen detaillierten Fragenkatalog beantworten.

Anders als angenommen konnten sich die Eleven selbst bei hoher Trainingsintensität am besten mit Musik mittleren Tempos motivieren. Entsprechend formuliert der Wissenschaftler eine Mahnung, die sich wie der Warnhinweis auf einer Medikamentenpackung ausnimmt: "Die Musik für die Trainingseinheit muss sehr sorgfältig ausgewählt werden."

Die Praxis bietet ohnehin oft genug allerhand Grund zur Sorge. Der US-Leichtathletikverband untersagte kürzlich den Einsatz portabler Musikgeräte gänzlich. Unbedarfte Starter bei Marathonveranstaltungen hatten im Rausch der Klänge ihre Vorderleute umgerannt oder, schlimmer noch, sich selbst bis zum Zusammenbruch verausgabt.

Puristen gilt das Joggen mit Kopfhörern sowieso lange als generell verdächtig. Wollen sich da nicht laufende Luftikusse die harte Trainingsarbeit auf unziemliche Art versüßen?

Die harte Linie scheint zumindest durch einen Teil der Forschung gedeckt. Sportmediziner von der University of North Carolina in Chapel Hill haben beispielsweise herausgefunden, dass unter dem Einfluss wummernder Beats während des Laufens das Stresshormon Cortisol in die Blutbahn gepumpt wird - eine ziemlich unerwünschte Nebenwirkung: Eigentlich empfehlen Ärzte dauergestressten Herzinfarktkandidaten, die Laufschuhe überzustreifen, um genau den gegenteiligen Effekt zu erzielen.

Und mehr noch: Die Mediziner berichten auch von einer erhöhten Hauttemperatur bei ihren Probanden, wie sie sonst etwa nach Wutausbrüchen üblich ist. Kaum angenehmer scheinen quälende Nebeneffekte wie Magen-Darm-Probleme.

Die US-Psychologin Kimberly Brownley wiederum hat herausgefunden, dass rasante Stücke offenbar insbesondere bei gestandenen Läufern von Nachteil sind. Während in ihrem Experiment die eher untrainierten Freiwilligen bei rasanteren Rhythmen richtig aufdrehten, reagierten die geübten Dauerläufer mit einer erhöhten Herzfrequenz und der Ausschüttung von Stresshormonen.

"Das Hören von schneller Musik verschlimmert entweder den Trainingsstress bei den geübten Testpersonen - oder mildert ihn bei den untrainierten", deutet Brownley ihren verblüffenden Befund.



Forum - Leistung mit Musik - was hören Sie beim Sport am liebsten?
insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
1810234 18.06.2008
1.
Meinen Bedarf an Leistungssport decke ich während der Arbeitszeit ab. Da ist nix mit Musik. Und es gibt noch keinen Wettbewerb im 100-Kilogramm-Bettlägerige-Wenden oder 60-Kilogramm-Stehunfähige-Halten oder 75-Kilogramm-Mensch-in-den-Rollstuhl-Schwingen. Gäbe es allerdings Musik dazu, hörte ich mir dieses (http://de.youtube.com/watch?v=7vVtFm0Uwfw) an. Allerdings würde ich mir dann das Original besorgen.
Haio Forler 18.06.2008
2.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Wagner.
A.M.HB, 18.06.2008
3.
"Sport ist Mord" (*BartaufwickelmaschineinGangsetz*) - deswegen bietet sich "Killing me softly..." an. Wenn schon, dann aber zartbitter.
Seifert 18.06.2008
4.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Alles,was die Klassik zu bieten hat,beflügelt beim Sport. Teilweise:Leichtigkeit,gepaart mit Kraft -das ist nach mehreren Dutzend Km auf dem Fahrrad nahezu schon (erlaubtes!!)Doping. Und:ein wunder Hintern ist- musikberieselt-manchmal etwas weniger leidend. So,ich klettere jetzt mit WAM* auf's Rad-das mittlere Zentralwestfalen hat viele Reize! *W olfgang A madeus M ozart
Indogermane_HS, 18.06.2008
5.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Klare Sache: Dancefloor-Hits mit mindestens 100 bpm!
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