AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2008

Bundeskanzlerin "Det is keen Bild hier!"

Keine Fotos von der Seite, keine von unten: Angela Merkel inszeniert sich ausgefeilter als der Medienprofi Gerhard Schröder. Es soll bloß keiner merken.

Von Christoph Schwennicke


Es hat gegossen wie aus Kübeln. Die Kameramänner und Fotografen vor dem Weißbräuhaus in Erding lassen es an Disziplin mangeln, sie drängen auf den blauen Teppich, weil ihnen sonst das Wasser vom Baldachin in Bächen in den Kragen laufen würde. Dann erscheint Angela Merkel mit CSU-Chef Erwin Huber, sie hat eine heitere Miene aufgesetzt, sie wirkt freundlich. Doch plötzlich bricht ihr Gesicht in sich zusammen, ihr Hochdeutsch auch. Merkel stürzt auf einen Sicherheitsbeamten los, der zwischen ihr und den Kameras steht und somit im Bild.

"Was is'n das hier?", faucht sie in märkischer Mundart, ganz sie selbst, unverstellt. "Det is ja keen Bild hier!" Ein Kameramann hatte sich, weil der Sicherheitsmann im Wege stand, so postiert, dass er aus ungünstigem Winkel gefilmt hätte. "Geh'n Se doch mal 'n bisschen aus der Latichte!", schimpft Merkel weiter auf den armen Sicherheitsmann ein.

Dann kann es endlich weitergehen. Die Kanzlerin setzt wieder ihr Sonnengesicht auf und erklärt, warum das ganz toll werden wird hier in Erding beim Geschwistertreffen von CDU und CSU.

"Det is ja keen Bild hier!" Es kommt selten vor, dass man so direkt hineinblicken kann in den Kopf von Angela Merkel. So redet sie eigentlich nur, wenn keine Kamera läuft. Dieser Satz von Erding aber verrät, was sie wirklich umtreibt jenseits der Stanzen, die sie loswerden wird. Was zählt, sind schöne Bilder. Schöne Bilder sind noch wichtiger als schöne Worte, das weiß sie: "Ich war ja mal Pressesprecher!", kommentierte sie ihren beherzten Eingriff von Erding, während sie Hand an den Sicherheitsmann legte.

Es gab einmal einen Kanzler in Deutschland, der Brioni-Kanzler genannt wurde und gar nicht verhehlte, dass es ihm Freude machte, sich selbst zu inszenieren. Dieser Kanzler war bei "Wetten, dass...?" aufgetreten, er ging gern mit Kameras in Gartenlaubenkolonien und bestellte dort lautstark Getränke: "Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier!" - der Spruch wurde später zum Rap-Song. Schröder schillerte wie ein Popstar, jede Bundespressekonferenz mit ihm geriet zu großem Kino. Er war der Medienkanzler.

Dann kam Angela Merkel, und alle Welt glaubte, sie sei der Gegenentwurf zu Schröder. Doch inzwischen inszeniert sich Merkel sogar noch stärker als Gerhard Schröder. Nicht so offen, gerade dadurch aber noch effektiver. Angestrengt versucht sie, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Sie ist Medienkanzlerin, ohne so genannt zu werden. Heimliche Medienkanzlerin.

Zuletzt hatte sie wieder eine überaus ertragreiche Woche. Bilder über Bilder, schöne Bilder. Erst sonntags in Erding vor dem Bräuhaus. Dann montags in Straubing mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Schließlich am Mittwoch mit US-Präsident George W. Bush im Idyll des Gästehauses von Meseberg.

Im Auswärtigen Amt ärgert man sich schon lange, dass Merkel Außenminister Frank-Walter Steinmeier die roten Teppiche wegrollt, wo sie liegen. "Die gönnt uns keine Fluse", grollt es aus der SPD-Spitze.

Auch in Straubing und Meseberg beanspruchte Merkel die gesamte Bühne für sich. Wieder durfte Steinmeier nur hinter den Kulissen rumschleichen, während Merkel mit Bush die Bühne bespielte. Viel Fassade, wenig Fakten: Der Anteil an Politik in dieser internationalen Festwoche sei "unanständig niedrig" gewesen, sagt ein Delegationsmitglied hinterher.

Im Zubringerbus von Meseberg ins Pressezentrum von Lindow stöhnen die Tageszeitungsreporter, wie sie denn mit dem bisschen Nichts die großen Seiten füllen sollen, die ihre Redaktionen vorgesehen haben. Selbst Bushs angebliche Liebe für deutschen Spargel wird so rasch zum denkbaren Bestandteil der Geschichten. Anderntags stehen eben Spargelgeschichten in den Zeitungen. Vor allem aber finden sich mehrspaltige Bilder, auf denen Merkel mit der mächtigsten lahmen Ente der Welt durch einen Blumengarten von Schloss Meseberg wandelt.

Merkels Medienstrategie folgt immer demselben Muster. Es werden Anlässe geschaffen, Erwartungen aufgebaut, um dann genehme Berichterstattung und gute Bilder generieren zu können.

Vergangenen August flog Angela Merkel angeblich zur Rettung des Klimas nach Grönland, um sich dort in einem knallroten Anorak vor dem kalbenden Gletscher von Ilulissat fotografieren zu lassen. Der G-8-Gipfel in Heiligendamm vor einem Jahr geriet zur märchenhaften Inszenierung einer Kanzlerin, die den US-Präsidenten zu scheinbar konkreten Klimazielen zwingt. Die Ziele hat der Präsident längst wieder vergessen, geblieben sind die Fotos der acht mächtigsten Menschen der Welt im größten Strandkorb der Welt - und einer Kanzlerin, die den Kerlen zeigt, wo es langgeht. In einem internen Papier, das sich wie ein Drehbuch liest, wurde damals festgehalten, dass das Gipfelthema "Weltwirtschaft" "weiter weg" von der Bevölkerung sei, das Gipfelthema "Klima" hingegen "besser kommunizierbar". Die Kanzlerin persönlich verlange, die Erwartungen vor dem Treffen "deutlich herunterzufahren" - um hinterher umso mehr glänzen zu können.

Vor zehn Jahren wurde herzlich gelacht, als beim Bundesparteitag der SPD in Leipzig ein Drehbuch entdeckt wurde, das vom Einmarsch Gerhard Schröders und Oskar Lafontaines bis zu den Lichteinstellungen und dem Schlussapplaus alles festgelegt hatte. Der Apparat von Angela Merkel arbeitet nicht anders, alles will die Chefin unter Kontrolle haben.



© DER SPIEGEL 25/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.