Der SPIEGEL

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23. Juni 2008, 00:00 Uhr

Schule

Traumatische Erfahrungen

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Abitur-Stress, Kopfnoten, Disziplinarstrafen - es gibt viele Gründe, mit Lehrern zu streiten. Noch nie suchten so viele Eltern ihr Recht mit einer Klage vor Gericht.

Theaterkennern gilt Lessings "Emilia Galotti" als hochpolitisches Drama der Aufklärung. Der Neuntklässler einer Düsseldorfer Schule mochte dem Stück über den Herrschaftsstil des Adels und den Freiheitsdrang der Bürger indes schon zu Beginn des zweiten Aktes nicht mehr folgen. Er imitierte Pups-Geräusche - woraufhin sein Deutschlehrer ihn ins Foyer des Schauspielhauses verbannte.

Grundschulklasse (in Frankfurt): An Konfliktpotential herrscht kein Mangel zwischen Schülern und Lehrern
AP

Grundschulklasse (in Frankfurt): An Konfliktpotential herrscht kein Mangel zwischen Schülern und Lehrern

Der Saalverweis hatte ein Nachspiel. Der Vater des 14-Jährigen nahm sich einen Anwalt. In einem Brief ließ der Jurist den Schulleiter wissen, dass in einem Theater allein der Intendant das Hausrecht besitze: Daher könne nur dieser einen Besucher hinauskomplimentieren. Sollte sich ein Lehrer noch einmal so eine Grenzüberschreitung erlauben, werde das "endgültig juristische Folgen" haben, hieß es.

Dass Anwälte in Streitigkeiten mit Schulen eingeschaltet werden, zählt an deutschen Bildungsanstalten inzwischen zum Alltag. Ob Disziplinarmaßnahmen, Notenvergabe oder Versetzungsentscheidungen - an Konfliktpotential herrscht kein Mangel zwischen Eltern und Lehrern. Und die Neigung, den Zwist notfalls sogar vor Gericht auszutragen, nimmt stetig zu.

In einer Zeit, in der sich Bürger ohnehin vermehrt gegen Autoritäten und Obrigkeiten zur Wehr setzen - in der Masse zum Beispiel über Volksbegehren, im Einzelfall über Zivilklagen - wird auch die Instanz Lehrer häufiger in Frage gestellt. Eltern, berichtet der Mülheimer Schulrechtler Thomas Böhm, "werden immer dünnhäutiger".

In Bayern hat sich die Zahl der Beschwerden, die bei den zuständigen Ämtern wegen angeblich ungerechtfertigter Zensuren registriert wurden, innerhalb von zehn Jahren vervierfacht. In Nordrhein-Westfalen suchten im vergangenen Jahr etwa 2000 Elternpaare den Weg zum Gericht oder zur Behörde - fast anderthalb mal so viele wie im Vorjahr.

"Prinzipiell" kann Klaus Bullan, Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hamburg, die erhöhte Sensibilität vieler Eltern "schon nachvollziehen". Pisa-Schock und der Niedergang der Hauptschule hätten das Vertrauen in die Bildungsanstalten und ihre Beschäftigten schwer beschädigt - zumal allerorten betont werde, dass ein Schulabschluss so wichtig sei wie nie zuvor. Immer mehr Eltern seien daher in Sorge, dass ihre Kinder nicht richtig gefördert werden.

Auf der andere Seite beobachtet Bullan, dass zunehmend "schlicht übertrieben" werde. Dann werde um Punkte und Fehler gefeilscht wie auf dem Bazar. Elternabende arteten regelmäßig zu Tribunalen aus, bei Zeugnisgesprächen werde mit dem Anwalt gedroht.

Eine von Bullans GEW-Mitstreiterinnen hat sich vor einiger Zeit gar dafür rechtfertigen müssen, dass sie mit dem Rotstift korrigiert: Es sei doch eine "traumatische Erfahrung" für ein Kind, wenn es in einer benoteten Klassenarbeit derart viele Anmerkungen in der Signalfarbe vorfinde, hielt ihr eine Mutter vor.

"Grotesk" sei es zuweilen, wie kompromisslos sich manche Eltern auf die Seite ihrer Kinder schlügen, sagt Brigitte Hohlfeld, Lehrerin aus Mannheim. Als sie einmal einen Elfjährigen zurechtwies, der ständig in den Klassenraum spuckte, bekam sie anderntags einen Brief von dessen Mutter: Irgendwohin müsse der Junge seinen Auswurf doch entsorgen, schrieb die Frau.

Maße sich ein Lehrer an, einen Schüler nach Rüpeleien nachsitzen zu lassen, riskiere er heutzutage gleich einen Gerichtsprozess - gerade dann, wenn das Kind aus wohlhabendem Hause komme, berichtet Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbands.

Im Februar wurde am Düsseldorfer Verwaltungsgericht zum Beispiel über die Klage eines gutsituierten Elternpaares verhandelt, dessen 13-jährigem Filius mit Schulverweis gedroht wurde. Der Junge hatte gemeinsam mit Mitschülern eine Internet-Seite ins Netz gestellt, auf der eine Lehrerin als "Fotze" beschimpft wurde. Die Eltern argumentierten, dass ihr Junge sich aufgrund seines jugendlichen Alters "der Tragweite des Inhalts nicht bewusst gewesen" sei. Sogar bis zum Bundesgerichtshof klagten sich Mutter und Vater eines Frankfurter Siebtklässlers, der nach einer Rangelei zu einer Stunde nachsitzen verdonnert worden war. In beiden Prozessen entschieden die Gerichte im Sinne der Schulen, wie meist. Die Eltern, so Schulrechtler Böhm, bekämen in nicht einmal zehn Prozent der Fälle recht.

Dass die Schulen vor Gericht in der Regel obsiegen, macht den Umgang für die Lehrer nicht leichter. Wegen der Konflikte zwischen Schulen und Elternhäusern lädt das Land Niedersachsen seine Pädagogen nun zu Crash-Kursen ein, in denen sie die Abwehr wütender Erziehungsberechtigter trainieren sollen. Ein Vorfall an einer hannoverschen Grundschule hatte das Schulministerium besonders alarmiert: Der dortige Rektor war von einer Mutter mit einer Tasse beworfen worden.

Dabei geraten Eltern und Lehrer über Verhältnisse in Streit, die sie oft gar nicht zu verantworten haben. Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums ("Turbo-Abitur" das die Klagebereitschaft der Eltern mächtig erhöht hat, betrifft Pädagogen kaum geringer als Schüler. Auch Pannen wie jüngst beim Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen erschüttern das Vertrauen in die Institution Schule: Dort musste eine Prüfung in Mathematik wiederholt werden, weil eine Aufgabe unlösbar war.

Dieter Dornbusch, Chef des Bundeselternrats, hält viele Klagen von Vätern und Müttern daher für "absolut berechtigt". Eine Langzeitstudie der Universität Potsdam unter 20 000 Pädagogen bestärkte jüngst die Kritiker: Die Forscher hatten herausgefunden, dass jeder zweite Lehrer überfordert oder resigniert sei.

Die größte Skepsis entwickeln die Eltern von Grundschülern - wenn es um die Frage geht, auf welche weiterführende Schule Sohn oder Tochter nach der vierten Klasse wechseln. Den meisten Zoff gibt es in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Bayern, in denen nicht die Eltern über den Weg ihrer Kinder entscheiden, sondern Lehrer und Noten.

So musste sich das Verwaltungsgericht Minden mit dem Antrag eines Elternpaares auseinandersetzen, dessen Sohn am sogenannten Prognoseunterricht teilgenommen hatte. Ein Kind kann sich dabei nachträglich für den Besuch der Realschule oder des Gymnasiums qualifizieren. Das Prüfungsgremium bestand aus drei erfahrenen Lehrern, zwei von ihnen waren Schulleiter. Dem einstimmigen Jury-Beschluss, dass der Junge auf der Hauptschule am besten aufgehoben sei, schenkten die Eltern aber keinen Glauben: Offenbar fehle den Lehrern die Qualifikation, den Jungen richtig zu erkennen, argumentierten sie vor Gericht.

Kopfnoten: Beschwerdewelle wegen Zensuren für Arbeits- und Sozialverhalten
DPA

Kopfnoten: Beschwerdewelle wegen Zensuren für Arbeits- und Sozialverhalten

Die jüngste Beschwerdewelle, die sich über Nordrhein-Westfalen ausbreitet, ist der Wiedereinführung der sogenannten Kopfnoten geschuldet. Die Kinder werden nun auch in Kategorien wie Leistungsbereitschaft oder Zuverlässigkeit benotet. Wie sensibel manche Eltern reagieren, wenn ihrem Nachwuchs schlechte soziale Eigenschaften attestiert werden, zeigte sich Mitte Januar, als die Kopfnoten erstmals auf den Zeugnissen erschienen. Noch nie habe er es mit so vielen aufgebrachten Müttern und Vätern zu tun gehabt, sagt Frank Mauerer von der Schulaufsicht der Bezirksregierung Düsseldorf. Dabei seien die Zensuren für Arbeits- und Sozialverhalten nicht einmal versetzungsrelevant.

Trotzdem zog eine Mutter vors Verwaltungsgericht Münster, um bessere Kopfnoten auf dem Halbjahreszeugnis ihres Sohnes durchzusetzen. Sie hatte Angst, dass ihr Filius nicht nur im Schul-, sondern auch im Berufsleben erhebliche Nachteile zu erleiden habe. Die Richter lehnten die Klage ab - der Junge war erst zehn Jahre alt.

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