AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2008

Presse Kollektiv der Rückgratlosen

Modejournalismus ist eine absurde Medienart, die mit kritischer Unabhängigkeit so viel gemein hat wie Rudis Reste Rampe mit Prada. Der Zirkus wird dominiert von einer Handvoll Konzerne, die sich der Macht ihrer Werbemillionen durchaus bewusst sind.

Von Christian Krug


Am Abend sind alle ganz aufgeregt. Nicht, weil die Schauen des Tages den Redakteuren so den Atem geraubt hätten, nein, danach gibt man sich cool und sagt etwas abschätzig: "Meine Güte, ist Giorgio alt geworden, seit Jahren dieselbe Sauce." Oder: "Ich stand eben neben Donatella. Ich glaube, die ist schon tot. Sah aus wie 'ne Wachsfigur."


Was man halt so sagt, wenn man sich mächtig und unabhängig geben will vor den Kollegen. Man raucht eine Zigarette und reckt auffällig den Hals, um zu signalisieren, dass irgendwo in der Straße eine der unzähligen dunkelblauen Limousinen samt Fahrer auf einen wartet, damit man zum nächsten Termin in der Stadt eilen kann. Nicht Kleider machen Leute in Mailand oder Paris. Mercedes-Limousinen kleiden den Redakteur von Welt.

Man darf sich die gerade wieder laufenden Modewochen (auch wenn's derzeit "nur" um "Men's Fashion" geht) nicht als Spaß vorstellen. Eng getaktet zeigen die Designer ihre Produkte. Von morgens um neun bis abends um neun. Immer gerade am anderen Ende der Stadt. Immer in der Rushhour. Und immer in sengender Hitze. Nirgendwo auf der Welt wird so viel geklagt wie hier.

Das geht schon bei der Ankunft im Hotel los. Denn der Typ an der Rezeption ist quasi der Bote des Weihnachtsmanns. Ein unauffälliges Linsen über seine Schulter in das Leben der anderen. Natürlich weiß man, wo welcher Kollege wohnt. In welchem Fach dessen Umschläge lagern. Dann der Moment: Der Portier überreicht ein Päckchen, in dem die Einladungen zu den Schauen des nächsten Tages stecken. Im Zimmer werden hastig und allein die Umschläge aufgerissen. Denn dort erfährt man schwarz auf weiß, wo man steht in der Hierarchie der Modeindustrie. Zu welcher Schau hat man eine Einladung bekommen? Und wenn ja, vor allem: Wo sitzt man?

Block F, Reihe 2, Platz 23. Verdammt, ist das die Reihe hinter dem Designer und den angekündigten Weltstars? Bin ich dem großen, wunderbaren Armani wirklich so viel wert? War ich artig genug für diese Ehre? Dann der Moment des Zweifelns: Was, wenn Block F ganz am Rand liegt. Da, wo sie eigentlich immer die japanischen Journalisten plazieren oder die Südamerikaner? Und: Hatte die Kollegin von der "Elle" nicht gesagt, sie habe noch eine Einladung zum Dinner? Wo ist denn die? Haben die mich schlicht vergessen?

Natürlich muss herausgefunden werden, welcher Kollege in der Nähe sitzt und wer auf gar keinen Fall vor einem sitzen darf. Eher würde man sich entleiben. Mode ist eine ernste Sache in diesen Tagen.

Diese überlebenswichtigen Details klärt man am besten an der Bar vom Principe di Savoia, dem alten, etwas angestaubten Grand Hotel mitten in Mailand und während der Modewoche eine Art Basislager der Industrie. Nicht unähnlich den Hotels der Kriegsreporter in Krisengebieten, wo sie sich treffen, um die Macht der Warlords zu diskutieren, die hier eben Gucci, Versace oder Prada heißen. Mailand ist Börse und Arena zugleich.

Die Laufstege sind die Schlachtfelder und die Hotelbars die Newsrooms. Hier wird gelästert und geschimpft, dass man glauben könnte, die Branche sei am Ende. Doch in den Modezeitschriften findet sich später davon kein Wort. Kritik überlässt man den Kollegen der Tageszeitungen, denn die haben eh kaum Anzeigen der Modehäuser - und daher auch nichts zu verlieren.

Modeanzeigen sind der Kleister der Fashion-Magazine. Das Anzeigenstorno eines großen Modehauses kommt einer Art Kriegserklärung gleich. In der Hundertschaft der Modemaulhelden finden sich deshalb nur sehr wenige, die auch kritisch über die Laufsteginszenierungen schreiben.

Und nur eine Person hat den Mut auszusprechen, was die meisten denken: Suzy Menkes, 64, von der "International Herald Tribune", seit 20 Jahren die Scharfrichterin der Branche und die Einzige, die aus der Menge ruft: Der Kaiser ist nackt! An ihr lehnt das Kollektiv der Rückgratlosen wie ein Betrunkener an einer Statue. Seht her, eine von uns! Die Suzy.



Neben ihr hat nur noch eine Platz: Anna Wintour, 58, seit 1988 Chefin der amerikanischen "Vogue", die mächtigste Frau des Gewerbes und Vorbild für die giftspeiende Chefredakteurinnen-Fiktion in "Der Teufel trägt Prada". Der Rest will so sein wie die Wintour - so wichtig, so mächtig, so glamourös.

Eine Schau fängt erst an, wenn die Wintour sitzt. Egal, ob es eine Stunde Verspätung nach sich zieht. Sollen die Mode-Lemminge doch maulen. Und wenn sie dann mit ihrer Entourage anrauscht und in der ersten Reihe, Mitte des Laufstegs - wo denn sonst? - Platz nimmt, wollen alle nur eins: in ihrer Nähe sein.

Ein guter Platz definiert sich allein durch den Sitzplatz der "Vogue"-Chefin. Man sagt nicht, ich habe in Block F, Reihe zwei, gesessen. Man sagt: Ich habe nur drei Reihen hinter Anna gesessen, oder ich saß genau IHR gegenüber. Nur: Wie kommt man dahin?

Das ist in Wahrheit die einzig wichtige Frage, die Moderedakteure beschäftigt: nicht, welche Schau nun besser oder schlechter war. Klamotten sind mal bunt, mal weiß, mal eng, mal weit. Pfeif drauf! Aber wie nah bin ich Anna Wintour?

Das ist es, was zählt. Der Rest des Geschäfts ist demütigende Arithmetik.

Die Regeln der Modeindustrie lassen sich in etwa so beschreiben: Ein- bis zweimal im Jahr macht der Redakteur oder die Redakteurin eines Magazins, das etwas auf sich hält, Termine bei den PR- und Marketingchefs (meist sind es Frauen) der großen Modehäuser. Schon an den Zusagen kann man ziemlich genau ablesen, wie wichtig man ist. Bekommt man nur Termine mit den Hofschranzen, der PR-Chefin persönlich oder gar mit dem Chef des Hauses?

Wer genügend Termine im Gepäck hat, fährt mit seinem "redaktionellen Konzept" in den Tempel der Designer und erklärt, wie wichtig einem die Mode ist, wahlweise wie bedeutsam man italienische Mode findet oder französische.

Dann zeigt man vor, was man bisher auf den Modeseiten seiner Zeitschrift inszeniert hat. Meist sind es unscharfe Bilder, möglichst künstlerisch fotografiert und mit irgendeiner Story verbrämt wie: Pas de deux - aber ganz jetzig! Vorher-Nachher-"Brigitte"-Look ist bäh. Die Designer möchten ihre Mode als Kunst inszeniert wissen, nicht als Klamotte. Man ist schließlich nicht bei H & M.



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