AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Kriminalität: Jagd auf "Jonny Hell"

Von Holger Stark

Agenten des amerikanischen Secret Service haben in Deutschland einen estnischen Hacker gestellt - offenbar auf eigene Faust.

Die beiden amerikanischen Agenten, dunkle Anzüge und Dienstmarken vom Secret Service, standen regungslos neben der Schlange der Flugreisenden am Frankfurter Flughafen. Sie warteten, bis Aleksandr Suvorov und seine Freundin Vika an der Reihe waren, Terminal 1, Singapore Airlines nach Bali, drei Wochen Erholung hatte das Liebespaar gebucht. Als Suvorov seinen estnischen Reisepass über die Schaltertheke schob, erinnern sich Augenzeugen, da traten die Special Agents Paul B. und Timothy G. vor, zückten ihre Ausweise und eröffneten ihm: "Sie sind festgenommen." Es war der 3. März, kurz vor 22 Uhr.

Verdächtiger Suvorov: Juristen beschäftigen sich mit einer Akte, die einige Merkwürdigkeiten enthält
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Verdächtiger Suvorov: Juristen beschäftigen sich mit einer Akte, die einige Merkwürdigkeiten enthält

An jenem Montagabend erwartet Suvorov, 24, nicht ein Nobelhotel auf Bali, sondern eine karge Zelle der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Seither wartet er auf seine Auslieferung in die USA. Er gilt als internationaler Top-Hacker, der in großem Stil sensible Daten mittels Trojanischer Pferde entwendet und weiterverkauft haben soll. Der junge Este, der angeblich hinter dem Hacker-Pseudonym "Jonny Hell" steckt, gehöre zu "einem der weltweit größten Zirkel, die mit gestohlenen Kreditkartennummern" handelten, mutmaßt der Fernsehsender ABC.

Die Jagd auf "Jonny Hell" bewegt mittlerweile nicht nur die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten, sondern auch die deutsche Justiz. Denn bei dem abendlichen Arrest haben die Agenten aus dem amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main offenbar auf eigene Faust agiert. "Die Vermutung liegt nahe, dass die US-Behörden Deutschland gezielt ausgesucht haben, um eine möglichst reibungslose Festnahme zu erreichen", kritisiert Suvorovs Anwalt Oliver Wallasch. Die Geheimpolizei, die für Computerkriminalität zuständig ist, verfolgt den Esten bereits seit 2005. Der Anwalt hat Indizien dafür, dass die Agenten das Pärchen bereits beim Einkaufsbummel in der Frankfurter Innenstadt observierten.

Eine Geheimdienstoperation mitten in der Main-Metropole, das wäre Anlass für eine transatlantische Verstimmung - aber schon der Arrest auf dem Airport wird ein politisches und juristisches Nachspiel haben. Weil amerikanische Ermittler in Deutschland keine Hoheitsrechte besitzen und offiziell niemanden festnehmen dürfen, hat Wallasch vergangene Woche Anzeige wegen Freiheitsberaubung gestellt. Inzwischen hat der Fall auch das politische Berlin erreicht. Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele spricht von "Amtsanmaßung" und will von der Bundesregierung wissen, welche Konsequenzen sie "gegenüber den USA ergreifen wird".

Nun müssen zunächst das Oberlandesgericht Frankfurt am Main und anschließend das für Auslieferungen zuständige Bundesamt für Justiz entscheiden, ob Suvorov den Amerikanern übergeben wird. Die Juristen beschäftigen sich dabei mit einer Akte, die einige Merkwürdigkeiten enthält.

Denn Suvorov war in der deutschen Datenbank zum Zeitpunkt seiner Festnahme offenbar gar nicht erfasst. "Laut eigenen Erkenntnissen sowie einer durchgeführten Fahndungsabfrage", so notierte ein Polizeioberkommissar nach der Festnahme, habe "keine Ausschreibung" bestanden; eine Anfrage beim Bundeskriminalamt "verlief ebenfalls ohne Erkenntnis/Erfolg". Die ratlosen Beamten behalfen sich mit einer Rückfrage bei der diensthabenden Staatsanwältin, die anordnete, Suvorov dennoch über Nacht in der Zelle zu behalten; als Begründung nennt die Staatsanwaltschaft die Faxkopie eines kalifornischen Haftbefehls vom 8. Februar 2008, den die Agenten dabeihatten.

Aufgeschreckt durch das temporäre juristische Vakuum wurde das US-Justizministerium im fernen Washington noch in der Nacht aktiv und kündigte dem Bundesamt für Justiz per E-Mail an, ein "vorläufiger Haftbefehl" werde alsbald übersetzt.

Laut des nachträglich übermittelten Fahndungsersuchens ist der Computerexperte verantwortlich "für das Hacking von gewerblichen Datenbanken, die Millionen Kreditkartenkontonummern beinhalten", der entstandene Schaden "beläuft sich auf über hundert Millionen Dollar", entsprechende Hinweise hätten sich auf der Festplatte eines mutmaßlichen Komplizen gefunden.

Das wäre, wenn es stimmt, einer der größten und spektakulärsten Fischzüge in der Neuzeit der Computerkriminalität.

Welche Rolle Suvorov dabei spielt und was geschah, wissen weder sein Anwalt noch die deutschen Behörden. Die amerikanische Akte ist so geheim, dass nicht einmal die transatlantischen Verbündeten mehr erfahren durften.

In den offiziellen Auslieferungsunterlagen ist von dem Verbrechen in Kalifornien ohnehin nur noch am Rande die Rede, das Gesuch stützt sich nun auf einen anderen Fall. Danach soll Suvorov im Mai 2007 ein Computerspähprogramm, einen sogenannten Packet-Sniffer, auf elf Verwaltungsrechner der Restaurantkette Dave & Buster's gespielt haben.

Bei einem Restaurant in dem Städtchen Islandia im Bundesstaat New York machten die Hacker fette Beute. Laut Anklageschrift seien mehr als 5000 Kreditkartennummern von Restaurantkunden per Trojaner nach Estland übermittelt worden, "Jonny Hell" soll sie an einen Komplizen weitergereicht haben, der sie auf dem Schwarzmarkt meistbietend verkaufte. Dadurch sei ein Schaden von rund 600.000 Dollar entstanden. Der Haftbefehl für diesen Fall datiert allerdings auf den 12. März, wurde also erst eine Woche nach Suvorovs Arrest in Frankfurt am Main ausgefertigt. Der Este selbst sagt: "Die Vorwürfe sind falsch." Die Auslieferung dürfte dennoch nur eine Frage der Zeit sein.

Die amerikanischen Agenten, die ihn arretierten und gegen die nun wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt wird, haben indes nicht viel zu befürchten: Sie genießen diplomatische Immunität.

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