AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Blitzangriff

Wie 19 Fußballtrainer im selben Moment elektrisiert wurden.

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Ein Samstagmorgen, es ist kurz nach halb neun, als der Mann in dem schwarzen Trainingsanzug auf den Parkplatz des Sportzentrums Werreanger bei Detmold einbiegt. Ein wichtiger Tag, spielentscheidend, wie der Mann sagen würde; er hat sich gründlich vorbereitet, alle Möglichkeiten durchgespielt, jetzt parkt er seinen Opel Astra, steigt aus. Blickt zum Himmel.

Bedeckt, leichter Wind. Perfektes Fußballwetter, das denkt der Mann.

Wobei eigentlich fast jedes Wetter für Dirk Erfkamp perfektes Fußballwetter ist, gut genug, um zu trainieren, zu spielen, zu siegen; denn Erfkamp, 44 Jahre alt, unverheiratet und Geschäftsführer einer Fußballhalle, liebt diesen Sport wie nichts sonst im Leben. Früher hat er für den TuS Paderborn-Neuhaus gespielt, sie schafften es sogar bis in die Oberliga, Erfkamp spielte offensives Mittelfeld, "torgefährlich war ich schon".

Er schultert die Sporttasche, marschiert zu den Umkleideräumen, die anderen werden bereits da sein.

Es ist der 14. Juni, heute findet der Praxisteil des Lehrgangs "Trainer C-Breitenfußball" statt, 120 Stunden Unterricht, und Erfkamp will seine Leute fit machen dafür, er ist der Trainer-Trainer.

Ein Trainer, so Erfkamps Mission, soll das Spiel lesen, planen, den Sieg organisieren - und vor allem: das Unvorhersehbare vorhersehen. Das Unvorhergesehene ist der Feind, der größte Gegner.

17 Männer und 3 Frauen machen den Trainerlehrgang bei ihm, Erfkamp schickt sie jetzt zum Aufwärmen auf den Platz. Es nieselt noch.

Aus der "Welt"

Aus der "Welt"

Der Deutsche Wetterdienst prognostiziert für diesen Tag das Einströmen kalter Meeresluft, durch einen Korridor zwischen einem Tief über Skandinavien und hohem Luftdruck über dem Atlantik. Wechselhafte, teils starke Bewölkung in Nordrhein-Westfalen, Schauer sind möglich, kurze Gewitter.

Erfkamp lässt zwei Tore aufbauen, verteilt gelbe Leibchen, gibt Hütchen aus. "Erste Lehrprobe: An- und Mitnahme flacher Bälle", sagt er. Seine Leute rennen, schwitzen, keuchen, Erfkamp sieht zu, das Leben ist schön, er ruft Anweisungen.

Gegen 11.30 Uhr, von Südwesten nahend, über den Wipfeln der Bäume, ziehen Wolken auf, pechschwarze Wolken, Blitze zucken in der Ferne, der Regen scheint dichter zu werden. Zwei von Erfkamps Leuten sitzen am Spielfeldrand, zwei bereiten in der Umkleidekabine das Mittagessen vor, Frikadellen. 16 Mann sind noch auf dem Platz und trainieren, Angriff über die Flügel. Soll man abbrechen? Erfkamp zögert. Vor dem Wetter fliehen?

Erfkamp ruft seine Anweisungen, knapp, klar. Aber da, der Himmel ist auf einmal tiefschwarz, als hätte jemand das kosmische Licht ausgeknipst, auf Anweisung von ganz oben.

Ein blaues Glühen über dem Spielfeld. Ein Gleißen, ein Schlag.

An jenem Tag liegt die Bodentemperatur in der Gegend um Detmold zwischen 12 und etwa 17 Grad Celsius, in 5000 Meter Höhe bei minus 24 Grad. Die Differenz reicht knapp für ein Gewitter, acht Blitze werden an jenem Tag hier registriert.

Einer davon, so haben es Beamte rekonstruiert, schlägt in den Sportplatz ein. Zuvor kommt es zu einer Reihe von Vorentladungen, die den sogenannten Blitzkanal aufbauen. Bevor diese Vorentladungen den Boden erreichen, wächst ihnen, so formulieren es Meteorologen, eine Fangladung entgegen, jenes blaue Leuchten, das Erfkamp und seine Leute gesehen haben.

Der Blitz geht mit etwa 128.500 Ampere nieder, "Ground Strike" sagen die Fachleute, der Strom rast durch den nassen Rasen und fährt den Spielern in die Beine. Was dann passiert, nennt der Rostocker Rechtsmediziner Fred Zack den "Blitzschritteffekt": Der Strom zirkuliert durch den Körper, weil der Betroffene breitbeinig dasteht. Wie es Fußballer eben tun.

Erfkamp, ein sehniger, austrainierter Mann, spürt, wie sein Kreislauf wegsackt, ihm übel wird und schwarz vor Augen, "die Jalousien gingen runter", sagt er. Anderen ergeht es schlimmer. Zwei, drei fassen sich an den Kopf, an die Schultern, den Arm. Manche brüllen, aus Schmerz oder Schreck, das weiß Erfkamp nicht. "Blitz!", ruft einer.

Und Erfkamp begreift, das Unvorhergesehene, Fluch eines jeden Trainers, schlägt zu. "Los, runter, sofort alle runter", schreit er. "Los! Bewegung!"

Tosender, gewaltiger Donner, Regen prasselt, sie laufen, humpeln vom Feld, in die Umkleidekabinen, sie hocken sich hin, manche schweigen. "Ist jemand verletzt?", fragt Erfkamp.

Feuerwehr, Polizei, Notärzte, Sanitäter und das Technische Hilfswerk rücken an. Untersuchungszelte werden aufgebaut, die Helfer messen den Blutdruck, machen Elektrokardiogramme, fünf Mann werden ins Krankenhaus gebracht, zur Beobachtung.

"Ich denke", sagt Dirk Erfkamp, er sitzt in seinem Wohnzimmer auf seiner Couch und rutscht unruhig hin und her, "ich denke, man muss sich klarwerden, dass es keinen perfekten Schutz gibt." Im Fußball, das weiß Erfkamp nun, ist alles möglich, und das Leben geht weiter. Nächsten Samstag ist wieder Training, Angriff über die Flügel.



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