AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Justiz "Er wollte nur vorbeigehen"

Von Bruno Schrep

3. Teil: "Grob einseitig, extrem unfair"


Ein Kriminalhauptkommissar legt schriftlich nieder, dass auch Robert Nwannas Verlobte Nicole mit auf dem Revier sei, das Wort "Verlobte" schreibt der Beamte in Anführungsstrichen. Und ergänzt: "Dabei war auch ein circa anderthalb Jahre altes weibliches Kleinkind, augenscheinlich eine Mulattin."

Wirklich wichtige Feststellungen unterbleiben dagegen. Zwar nehmen die Beamten alle Küchenmesser aus der Wohnung im Sudetenweg mit, um zu klären, woher die Tatwaffe stammt. Das Messer und der Golfschläger der Gruppe werden jedoch nicht sichergestellt, bleiben verschwunden. Auch werden weder für den verletzten Artur K. noch für dessen alkoholisierte Kumpane Blutproben angeordnet - das Ergebnis hätte Aufschlüsse über deren Glaubwürdigkeit bringen können.

Robert Nwanna verbringt die Nacht in einer Zelle. Nachdem klar ist, dass sein Kontrahent nicht in Lebensgefahr schwebt, wird er morgens entlassen. Zähes juristisches Gezerre beginnt.

Silke Füßinger, die zuständige Kieler Staatsanwältin, sieht die Schuld an der Auseinandersetzung von Beginn an allein bei Nwanna. Nach jahrelangen Ermittlungen und Dutzenden Vernehmungen klagt sie den Afrikaner wegen gefährlicher Körperverletzung an, eines Delikts, das mit zehn Jahren Gefängnis bestraft werden kann.

"Grob einseitig, extrem unfair", kritisiert Jennifer Jakobi, die Bremer Verteidigerin des Nigerianers. Nach ihrer Einschätzung hat die Staatsanwaltschaft mit ihrer Sichtweise "die Grenze zur Unvernunft überschritten".

Erst nach einer Anzeige der Anwältin wird auch gegen sechs Gruppenmitglieder, darunter Sandra S. und Artur K., wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Ergebnis: Die sechs Verfahren werden sämtlich eingestellt, Staatsanwältin Füßinger kann bei den Randalierern kein strafbares Verhalten erkennen.

Zu einem Prozess gegen Nwanna ist es bislang trotzdem nicht gekommen. Grund: Das Amtsgericht Bad Segeberg hat, was selten passiert, die dazu notwendige Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt. Es könne durchaus sein, argumentiert der Schöffengerichtsvorsitzende Harald Pöhls, "dass sich der Angeschuldigte in einer Notwehrsituation befunden hat, die sein Handeln rechtfertigte".

Über die Anklageschrift seiner Kollegin Füßinger fällt Pöhls, auch Chef des Amtsgerichts, ein bitterböses Urteil. Bei den Schlussfolgerungen handle es sich offenbar um eine "Sachverhaltsquetsche" - Juristen verstehen darunter, dass bei der Bewertung eines Vorgangs wesentliche Umstände ignoriert und durch eigene Interpretationen ersetzt werden. Solche Fehler unterlaufen häufig Jurastudenten im Prüfungsstress.

Robert Nwanna hat Wahlstedt nie wieder betreten. Nach Morddrohungen aus der Nachbarschaft ist die Familie einen Tag nach dem Vorfall zu Verwandten nach Bad Segeberg geflohen und dort kurz darauf in eine kleine Mietwohnung gezogen. Das Paar, seit 2007 verheiratet, hat inzwischen drei Töchter, das jüngste Mädchen ist acht Monate alt.

Der Nigerianer, mittlerweile 26 und mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis, sucht derzeit eine Beschäftigung. Er hat schon für eine Reinigungsfirma Treppenhäuser und Büros geputzt, für einen privaten Kurierdienst Pakete ausgetragen. Seit Wochen büffelt er für die Führerscheinprüfung.

Seit dem Drama in Wahlstedt hat der Familienvater einen Tick: Er schließt ständig alle Türen hinter sich ab, ganz so, als müsse er sich jederzeit vor Eindringlingen schützen. Selbst die Balkontür verrammelt er am helllichten Tag mit einer Spezialsicherung. Angst vor Artur K., der ihn geschlagen und den er gestochen hat, muss Robert Nwanna derzeit nicht haben: Weil er die "Kleine Stadtapotheke" in Wahlstedt überfallen hat, sitzt K. eine Freiheitsstrafe ab.

Wenn es nach der Kieler Staatsanwaltschaft geht, soll auch Robert Nwanna unbedingt der Prozess gemacht werden. Gegen den Beschluss, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, hat die Behörde das Rechtsmittel der sofortigen Beschwerde eingelegt. Die Entscheidung des Landgerichts Kiel soll demnächst fallen.



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