AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Justiz "Er wollte nur vorbeigehen"

Ein Schwarzer, der sich gegen gewalttätige Randalierer mit einem Messer wehrte, soll vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat ihn trotz dubioser Beweislage angeklagt.

Von Bruno Schrep


An die abschätzigen Blicke, an die abfälligen Gesten hat sich Robert Nwanna inzwischen längst gewöhnt. Wenn Passanten "Nigger" oder "Bimbo" hinter ihm herzischen, tut er so, als hätte er nichts gehört. "Ich gucke nicht nach rechts und nichts nach links", versichert der 26-Jährige, "ich gehe einfach weiter."

Der Mann aus Nigeria, freundliches Gesicht, klein, drahtig, der mit Ehefrau und Kindern in der schleswig-holsteinischen Provinz lebt, hat sich damit abgefunden, wegen seiner Hautfarbe beleidigt und provoziert zu werden. Er meidet weitgehend Kontakte zu Außenstehenden, widmet sich nur seiner Familie. "Ich habe hier keinen einzigen Freund", sagt er.

Und auch bei der Kieler Staatsanwaltschaft hat Robert Nwanna offenkundig keinen Fürsprecher. Die Behörde hat ihn angeklagt, "mittels eines gefährlichen Werkzeugs und einer das Leben gefährdenden Behandlung eine andere Person körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben".

Die Beweislage ist indes höchst dubios. Der Nigerianer hat zwar einen 30-jährigen Mann mit einem Messer in den Hals gestochen. Doch warum er zustach, ob aus Angst um sein Leben, aus Panik oder aus Zorn über vorangegangene Schläge und Kränkungen, ist völlig ungeklärt. Zeugen widersprechen sich, die Ermittlungen der Polizei wirken einseitig und lückenhaft.

Auf der Suche nach dem Warum wird deshalb aus dem Kriminalfall um eine schwere Körperverletzung, die seit über drei Jahren die Justiz beschäftigt, eine Geschichte über Deutschland im Zeitalter von Hartz IV, über die misslungene Eingliederung von Einwanderern, über die Verelendung von einst intakten Wohnsiedlungen - und über das Los, als Schwarzer abseits der großen Städte zu leben.

Wahlstedt, Kreis Bad Segeberg. In den einfachen Wohnblocks rund um den Sudetenweg, erbaut 1951, wohnten jahrzehntelang Vertriebene aus dem deutschen Osten. Fleißige, disziplinierte Leute mit dem Ziel, schnell Fuß zu fassen in der neuen Heimat. Doch die sind schon lange weg.

Als Robert Nwanna im Januar 2005 zu seiner damaligen Verlobten Nicole und seiner kleinen Tochter Alice in das Haus Sudetenweg 9 zieht, ist das Klima längst gekippt. In den Blocks mit den billigen Mieten leben vorwiegend Gescheiterte und sozial Schwache: Langzeitarbeitslose, die jede Hoffnung auf einen Job aufgegeben haben, Frührentner, die wegen Krankheit oder mangelnder Fähigkeiten aussortiert wurden, alleinerziehende Mütter, die auf Stütze angewiesen sind.

Bei Einbruch der Dunkelheit wird in manchen Ecken mit Drogen gehandelt, beim Streit um Preise und Qualität kommt es oft zu wüsten Schlägereien. "Hier ist ein Brennpunkt von Gewalt", klagt Rentner Volkmar Sparr, einer der wenigen verbliebenen Alten, und deutet mit seinem Stock zu den Nachbargebäuden. Schuld am Niedergang sind seiner Meinung nach hauptsächlich die Ausländer, "auf die bin ich sehr ärgerlich". Der Russe von gegenüber etwa habe seine Nachbarin mit einer Kettensäge angegriffen - und erst aufgegeben, als die Polizei einen scharfen Hund in die Wohnung schickte. Und ein Asylbewerber drei Häuser weiter habe erst kürzlich einen Passanten mit der Pistole bedroht und ausgeraubt.

Auch Robert Nwanna, den einzigen Schwarzen in der Siedlung, mochte Sparr, 70, von Anfang an nicht. Der habe Streit mit jedermann angefangen, behauptet der Rentner, könne sich nicht anpassen und nicht einordnen. "So einer gehört nicht hierher." Martin S., ein junger Arbeitsloser, der zwei Stockwerke über dem Nigerianer wohnte, hat das Unbehagen vieler auf eine Kurzformel gebracht: "Ausweisen oder wegsperren."

Tatsächlich reagiert Robert Nwanna, den sie in der Siedlung "Mandela" nennen, schnell aufbrausend und gereizt. Er protestiert lautstark im Supermarkt, wenn ihn während des gesamten Einkaufs der Ladendetektiv verfolgt, wenn an der Kasse auch im Kinderwagen nachgeguckt wird, ob er nichts geklaut hat. Er legt sich mit einem Bahnschaffner an, der seinen 50-Euro-Schein nicht wechseln will. Er regt sich auf, wenn seine weiße Partnerin aus den Nachbarfenstern als "Negerschlampe" beschimpft wird. So hat er sich das Leben in Deutschland nicht vorgestellt.

Robert Nwanna ist 2001 über Freetown und Madrid in Frankfurt gelandet. Er beantragt als Steven Bah aus Liberia in der Bundesrepublik Asyl. Denn politisch Verfolgte aus dem von Bürgerkriegen verwüsteten Liberia, haben ihm die Schleuser in Afrika eingebläut, bekämen in Deutschland zumindest eine befristete Duldung.



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