AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Ausland Das Brett der Welt

Global Village: Warum ein Australier in Kabul eine Skateboard-Schule eröffnen will

Von Jochen-Martin Gutsch


Ein afghanisches Wort wäre gut, sagt Travis Beard. Kurz sollte es sein, mit einem guten Sound. Ein lässiges Wort, das man gern sagt, wenn man mit dem Ding unter dem Arm durch die Straßen von Kabul läuft und die Leute wieder fragen, was das für ein Ding sei und was man mit dem Ding mache.


"Skateboard", sagen Beard und seine Jungs. So, wie fast überall auf der Welt.

"Aber niemand in Afghanistan weiß, was ein Skateboard ist", sagt Beard. Sie sagen deshalb auch: "Brett mit vier Rädern unten dran". Manchmal hilft das.

Beard steht im Stadion von Kabul und schaut seinen Schülern zu. Das alte Stadion ist so mürbe und zerschossen wie die ganze Stadt. Das Fußballfeld ohne Rasen, nur braune, zerwühlte Erde. Aber der Belag hinter den Toren ist nicht schlecht. Beton, glatt, hart. Hier fällt man nicht ständig auf die Schnauze wie sonst überall in Kabul. Beard steigt auf das Brett, rollt, springt ab, ein Fuß zieht das Brett mit hoch, Beard steht kurz in der Luft, landet, rollt aus. "Der 'Ollie'", sagt er zu den Jungs. "Ein Basistrick. Wer von euch schafft den ersten afghanischen Ollie?"

Vor ein paar Monaten hat Travis Beard, zusammen mit zwei Freunden, das Skateboarden nach Afghanistan gebracht. Einen Sport aus dem Westen. Eine unbekannte Jugendkultur. Heute ist Training, fünf Jungs sind gekommen. Vor ein paar Jahren noch ließen die Taliban im Stadion von Kabul öffentlich Menschen hinrichten. Erschießen. Steinigen. Jetzt fahren hier die ersten afghanischen Skateboarder, Jungs in T-Shirts, und wenn man ihnen zusieht, dann möchte man glauben, dass Afghanistan irgendwann doch funktioniert. Und nicht wieder untergeht.

Skater, das klang stolz

Travis Beard ist Australier, 32 Jahre alt, Fotograf und Ausbilder in einem Kabuler Medienzentrum. Seit zwei Jahren ist er wieder im Land und sieht bereits aus wie ein Afghane. Schwarzes Haar, schwarzer Bart. Seine Jugend verbrachte Beard in Melbourne - meist auf dem Skateboard. In Kabul vermisste er seinen Sport. Zusammen mit zwei Freunden zog er los. Sie hatten drei Boards, jeder eines. Sie fuhren dort, wo der Boden es zuließ. Sie wurden bestaunt von den Jungs in den Straßen der Stadt. Drei verrückte Ausländer auf rollenden Brettern. "Könnt ihr uns das auch beibringen?", fragten die Jungs.

Travis Beard hatte bald sechs Schüler, die sich die drei Bretter teilten. Keiner von ihnen hatte je von einem Skateboard oder vom Skaten gehört, aber es war gut, unter den Ersten zu sein. Beard zeigte ihnen die Grundlagen. Er zeigte ihnen Videos von Skatern, er erzählte von Skater-Musik und den richtigen Skater-Hosen und Skater-Shirts. Die Jungs hörten zu, nickten und stiegen auf die Bretter. Sie schlugen sich die Knie auf und fuhren immer weiter. Ein Skater, wie stolz das klang.

Aber sechs Schüler waren nicht viel. Sechs Schüler waren nichts. Kabul ist eine Stadt der Jugendlichen. Beard und seine beiden Freunde kamen auf die Idee, dass man eine Schule gründen müsste. Eine Schule für Skateboarding. 60 Schüler. Jungen und Mädchen. Auf einem eigenen Gelände, mit gutem Boden, Skateboards zum Ausleihen, Trainern. Und Englisch könnten die Kids hier auch lernen.

Es gibt nicht viel, was man tun kann in Kabul, wenn man jung ist. Kino, Billard oder die Muskeln aufpumpen in einem der Bodybuilding-Studios. Aber es gibt für Afghanen keine Clubs. Keine Discotheken. Kaum Bands. Kaum Treffpunkte, wo man unter sich ist. Keine Jugendkultur. Die Jungs heiraten früh, die Mädchen noch früher. Die Straßen von Kabul sind voller Kids, die Zigaretten verkaufen oder Telefonkarten. Wer alt genug war, zog in all die Kriege der vergangenen Jahre. Jetzt gibt es die erste Generation, die halbwegs im Frieden aufwächst. 70 Prozent der Bevölkerung, sagt Travis Beard, sind jünger als 25 Jahre. Die Jugend ist die größte Kraft im Land. Die Frage ist, was man mit dieser Jugend macht. Und wohin sie geht.

Neun Skateboards sind im Land

Hamid möchte am liebsten abhauen. Irgendwohin ins Ausland. Er ist 21 Jahre alt, liebt HipHop und die Band Metallica, sein Englisch ist fließend, er kennt sich aus mit Computern, aber er glaubt schon nicht mehr an sein Land und daran, dass es sich verändern könnte. "Vielleicht in vielen, vielen Jahren", sagt Hamid. Aber dann sei er alt.

Hamid steigt auf das Board, rollt, probiert den Ollie. Das Einzige, was Afghanistan ihm bieten kann, jetzt, wo er noch jung ist, kommt von Travis Beard, einem Skateboarder aus Melbourne.

Seit ein paar Wochen ist Beard auf der Suche nach einem Grundstück für die neue Schule. Im Juni wollten sie beginnen. Jetzt wird es doch erst was im Juli. Oder im August. Es fehlt noch an allem: Grundstück, Geld, Equipment und Genehmigungen. Aber der Plan steht: einen Verein gründen, den Afghanistan Skateboarding Club. Dann einen Verband gründen, die Afghanistan Skateboarding Federation. Nebenbei weiter Geld auftreiben, für die Skateboarding-Schule und für das Equipment. 40 Skateboards und 50 Paar Skater-Schuhe hat Beard zusammenbekommen. Alles Spenden. Neun Skateboards sind jetzt im Land, der Rest liegt noch in Australien oder Deutschland.

Wenn alles gut läuft, könnte man die Idee später vielleicht sogar exportieren, sagt Beard. Eine Skateboard-Schule in Osttimor. Und im Sudan. Skateboarding als Entwicklungshilfe sozusagen.

Von draußen, außerhalb des Stadions, wehen die Klänge von Gewehrschüssen herüber. Travis Beard lauscht kurz. Dann zieht er ein Notizbuch aus der Jacke, in dem er all die Vorschläge notiert, wie man Skateboard übersetzen könnte. Ein paarmal stand er jetzt irgendwelchen Grundstückseigentümern gegenüber und versuchte zu erklären, wozu er Land braucht. Was das für eine Schule werden soll. Beard sagte: "Skateboarding". Und: "Fahren auf einem Brett mit vier Rädern unten dran". Sie schauten ihn an wie einen Verrückten.

Ein afghanisches Wort wäre gut, sagt Travis Beard.



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