AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2008

Verbrechen Der Warhol der Geldfälscher

Es ist einer der bedeutendsten Falschgeldfunde weltweit, der größte in Deutschland: Ein Kölner Künstler und seine Komplizen druckten Dollar-Blüten und forderten die Weltmacht USA heraus - die Geschichte eines fast perfekten Verbrechens.

Von und Ralf Hoppe


Euskirchen bei Köln, der Wind biegt die Alleebäume, von den Feldern steigen Krähen auf. Der Mann ist aus dem Wagen gestiegen, steht vor dem Gefängniseingang, in schiefer Haltung, er starrt auf die vergitterten Fenster, liest das Schild "Einfahrt nur nach Anmeldung beim Pfortenbeamten". Er lässt die schwere Tasche zu Boden gleiten, Wäsche, Bücher, Tabak, CDs, schaut auf seine Armbanduhr: eine letzte Zigarette in Freiheit.

Hans-Jürgen Kuhl, groß, dünn, hüftsteif, die Mundwinkel nach unten gezogen, ehemals Grafiker, ehemals Künstler, ehemals eine Berühmtheit in seiner Heimatstadt Köln, geladen zu Vernissagen, zitiert in Katalogen, gefeiert auf Messen.

Er fingert nach dem Feuerzeug.

An diesem Dienstagnachmittag steht Kuhl vor der Justizvollzugsanstalt Euskirchen, zum Antritt seiner Haftstrafe, sechs Jahre Freiheitsentzug, wenn die Strafe abgesessen ist, wird er über 70 sein, ein Knast-Opa, eine gedemütigte Figur. Zum Ausklang eines Lebens noch der entwürdigende Absturz in die Kriminalität.

"Bin reingerutscht", sagt er, lacht. "Es begann wie ein Spiel damals." Er schaut auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde, dann muss er sich im Pförtnerhäuschen melden und ein grünes Schreiben vorlegen, "Ladung zum Strafantritt" - denn Hans-Jürgen Kuhl hat Dollar gefälscht, so perfekt und so viele wie keiner zuvor in Deutschland, Staatsanwälte und BKA-Beamte sprechen mit Respekt vom Fälscher der Herzen.

Es begann wie ein Spiel damals, sagt Kuhl. Das Spiel beginnt, als er gerade aus Mallorca zurückgekehrt war, wo er sich ein neues Leben aufbauen wollte, allerdings scheiterte. Er versucht es also wieder in seiner Heimatstadt Köln. Doch seine Ersparnisse schmelzen, er verkauft nichts - aber warum verkauft er nichts?

Die Wahrheit ist: Er weiß es nicht. Lustlos tapert er morgens ins Atelier, gereizt telefoniert er mit Händlern, Galeristen, plötzlich muss er um Termine betteln. Er fährt nach Düsseldorf, Essen, Hamburg, Aachen, doch wenn er seine Arbeiten auspackt, machen die Herren ein Gesicht, sehr unangenehm. Sein Geld reicht noch für zwei, drei Monate. Vielleicht vier.

Wie beantragt man Sozialhilfe?

Nie zuvor hat Kuhl sich um seinen Lebensunterhalt Gedanken machen müssen; was er anrührte, verwandelte sich in Geld. Er verkaufte fünf Bilder, fuhr zwei Wochen nach Como. Verkaufte zwei Dutzend Bilder nach Japan, gönnte sich einen gebrauchten Porsche. Bei den Frauen lief es ebenso, er pflückte sie, wenn ihm danach war, all die Jahre hindurch verdiente er gut, gab noch mehr aus, in Kneipen, Casinos, er spielte, verlor, gewann, verlor - doch jetzt, plötzlich, ist Schluss. Manchmal träumt er von Rache, manchmal träumt er vom perfekten Verbrechen.

Im Industriegebiet von Köln-Pulheim hat er seine Werkstatt; Donatusstraße 158, 160 Quadratmeter, hohe Decken. Rechts eine Autowerkstatt, links eine Werbeagentur. Hier steht seine Siebdruckanlage für Drucke und Grafiken im Warhol- und Pop-Art-Stil, die sich zu Hunderten an den Atelierwänden stapeln.

Abends, nach vielen Zigaretten, den stechenden Geruch von Lösungsmitteln in der Nase, steht Kuhl der Sinn nach etwas Welt. Dann streicht er sich Gel ins Haar, schlüpft in seinen schwarzen Lederblouson. Das Cento ist eine Pizzeria der ehrgeizigen Sorte, in einer Shopping-Passage in der Kölner Innenstadt. Hier, wie symbolisch abgerückt vom Rest der Welt, treffen sich regelmäßig ein paar Herren. Sie wirken bieder, aber das sind sie nicht. Es ist ein Gangster-Stammtisch.

Gespräche und Tonfall, erinnert sich Kuhl, waren kumpelhaft und großspurig zugleich. Jeder versuchte, den anderen mit Andeutungen von raffinierten Deals und Connections zu beeindrucken, ohne zu viel preiszugeben. Sie haben ein paar Codes, ein Verbrechen heißt "Projekt", und sie reden sich mit Spitznamen an, es gibt den "Dicken", den "Albaner", den "Reisenden". Kuhl ist der "Lange".

Was diesen Kreis angealterter Gelegenheitsdealer, Waffenbesitzer, Sozialhilfeempfänger und Schmuggler eint, ist das Warten beim Montepulciano für 4,50 Euro auf den Coup, die große Chance, vielleicht die letzte in ihrem Leben.

Im Jahr werden in Deutschland etwa sechs Millionen Straftaten aktenkundig, ungefähr 17.000 sind es am Tag, 12 pro Minute. Diebstähle, Körperverletzung, Raub, Missbrauch, Warenkreditbetrug, Geld- und Urkundenfälschung; nur rund die Hälfte der Fälle wird aufgeklärt, ein Bruchteil schafft es in die Nachrichten, wie und warum ein Verbrechen beginnt, erfährt man fast nie, einige beginnen in Männerrunden wie dieser.

Die Männer am Cento-Stammtisch würde jeder für Kleinbürger halten. Rheinisch, gemütlich, sie palavern über Wohnmobile, spielen Lotto, gehen zur Wahl - aber tatsächlich leben sie in der Halbwelt. In jener Welt hat man wenig Angst, im Gefängnis zu landen. Hier will man den neuen Mercedes fahren und nicht arbeiten.

Kuhl, der Feine, gehört bald dazu. Er weiß, irgendwann werden sie ihm was vorschlagen.



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