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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2008

Legenden: Der falsche Friedensfürst

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Bei den Vereinten Nationen in New York liegt - feierlich unter Glas - eine 2500 Jahre alte Keilschrift, verehrt als "antike Deklaration der Menschenrechte". Nun zeigt sich: Der Text stammt von einem antiken Despoten, der seine Gegner foltern ließ.

Es sollte eine Gala der Rekorde werden, die Schah Mohammed Resa Pahlewi da plante. Zuerst hatte er die "weiße Revolution" (eine Bodenreform) ausgerufen und sich zum "Licht der Arier" ernannt. Nun, im Oktober 1971, verlangte es ihn, "2500 Jahre iranische Monarchie" zu feiern. Angekündigt wurde "die größte Schau der Welt".


50 Prunkzelte ließ der Landesherr in den Ruinen von Persepolis aufbauen. 69 Staatschefs und gekrönte Häupter reisten an, darunter der Kaiser von Japan. Man trank rund 20.000 Liter Wein, aß Wachteleier mit Pfauen und vergoldetem Kaviar. Am Tisch kreisten Magnumflaschen Château Lafite.

Auf dem Höhepunkt des Festes schritt der Schah zum Grab Kyros' II. Der hatte im 6. Jahrhundert vor Christus in einem blutigen Dauerkrieg über fünf Millionen Quadratkilometer Land erobert.

Gepriesen als "antike Deklaration der Menschenrechte"

Mit 100 Millionen Dollar sei die Ehrung des alten Perserkönigs ziemlich teuer ausgefallen, meinten Kritiker damals. "Soll ich den Staatsoberhäuptern Brot und Radieschen servieren?", knurrte Resa zurück.

Auch der Religionsführer Ajatollah Chomeini meldete sich empört aus dem Exil: "Die von iranischen Königen begangenen Verbrechen haben die Seiten der Geschichtsbücher geschwärzt."

Der Schah wusste es besser. Kyros, so verkündete er, sei ein ganz besonderer Mann gewesen: edel gesinnt, voller Liebe und Milde. Als Erster habe er ein Recht auf "Meinungsfreiheit" begründet.

Diese Sicht der Dinge ließ er auch der Uno mitteilen. Am 14. Oktober - die Party in Persepolis war gerade in vollem Gange - schritt seine Zwillingsschwester ins Gebäude der Vereinten Nationen in New York.

Dort überreichte sie dem Generalsekretär Sithu U Thant die Kopie einer Keilschrift, groß wie ein Nudelholz. Der bedankte sich für das "historische Geschenk" und pries es sogleich als "antike Deklaration der Menschenrechte".

Kyros "wollte Frieden", beteuerte nun auch der Uno-Chef. Der Perserkönig habe die "Weisheit gezeigt, andere Zivilisationen zu achten".

Dann ließ Thant die Tonrolle (die einen angeblich besonders humanen Erlass Kyros' II. aus dem Jahr 539 vor Christus enthält) feierlich in eine Schauvitrine im Uno-Hauptgebäude aufstellen. Dort liegt sie, in direkter Nachbarschaft mit einer Abschrift des ältesten Friedensvertrags der Welt, noch heute.

Große Gesten. Große Worte. Großer Unsinn.

Es sieht so aus, als seien die Vereinten Nationen auf einen Schwindel hereingefallen. Anders als vom Schah behauptet, sei der Keilschrift-Erlass "Propaganda", erklärt der Kieler Altorientalist Josef Wiesehöfer: "Dass Kyros Menschenrechtsideen in Umlauf brachte, ist Nonsens."

Auch der Heidelberger Assyriologe Hanspeter Schaudig kann in dem antiken Regenten keinen Vorkämpfer von Gleichheit und Würde sehen. Untergebene mussten seine Füße küssen.

Fast 30 Jahre lang überzog der Herrscher das Morgenland mit Krieg und zwang Millionen in sein Steuerjoch. Unbeugsamen ließ er Nase und Ohren abschneiden. Zum Tode Verurteilte vergrub man bis zum Kopf im Sand. Den Rest erledigte die Sonne.

Wurde da eine - vom Schah ausgedachte - Geschichtslüge von der Uno ungeprüft übernommen?

"Die Uno hat einen schweren Fehler gemacht"

Öffentlich gemacht hat die Sache jetzt der Kunsthistoriker Klaus Gallas, der in Weimar ein deutsch-iranisches Kulturfestival vorbereitet ("West-östlicher Divan", Start: Sommer 2009). Dabei stieß er auf die Ungereimtheiten mit dem Kyros-Erlass. "Die Uno hat einen schweren Fehler gemacht", sagt Gallas.

Trotz mehrfacher Anfragen des SPIEGEL mochte sich die Organisation zu dem Vorgang nicht äußern. Der "UN information service" in Wien verkündet weiterhin, dass die Inschrift aus dem Orient von vielen für das "erste Menschenrechtsdokument" gehalten werde.

Entsprechend verheerend ist das Echo. Selbst in deutschen Schulbüchern tritt der Altperser mittlerweile als Vorkämpfer humaner Politik auf. Im Internet kursiert eine - gefälschte - Übersetzung, in der Kyros sogar für Mindestlohn und Asylrecht einsteht.

"Sklaverei muss auf der ganzen Welt abgeschafft werden", heißt es dort, "jedes Land ist frei zu entscheiden, ob es meine Führung möchte oder nicht."

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Perserkönig Kyros: Der falsche Friedensfürst


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