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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2008

Geldanlage: Die Lücken für die Reichen

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Ab Januar nächsten Jahres will der Staat auch an Kursgewinnen mitverdienen. Doch Banken und Versicherungen versprechen besonders vermögenden Kunden Abhilfe: Sie müssen nicht zahlen.

Werbebotschaften können sehr entlarvend sein, wenn sie die Gefühle der Umworbenen treffen - und gleichzeitig bloßstellen.

"Verlieren ist nicht", heißt die Botschaft in einer Anzeige der Fondsgesellschaft DWS. Sie zeigt einen Siegerpokal, von dem ein Viertel abgerissen wurde.

Der Mann, der die Sieger um ihre - in ihren Augen - wohlverdiente Trophäe bringt, ist Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Er führt am 1. Januar 2009 die sogenannte Abgeltungsteuer ein. Dann muss jeder Anleger, vom kleinen Sparer bis zum großen Spekulanten, 25 Prozent seiner Zinsen, Dividenden und Kursgewinne an den Staat abführen.

Steinbrück wirbt damit, dass in Zukunft vieles einfacher wird. Das bisherige Hin und Her mit der Zinsabschlagsteuer oder dem Halbeinkünfteverfahren bei Dividenden entfällt. Die Banken zwacken im Auftrag des Fiskus künftig direkt an der Quelle 25 Prozent von den Kapitalerträgen ab, hinzu kommen Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer.

Der Finanzminister hat sogar weniger Einnahmen durch die neue Steuer eingeplant, weil Zinserträge bisher mit dem persönlichen Steuersatz belastet wurden. Wenn der über 25 Prozent liegt, profitiert der Anleger künftig. Bei wem der Steuersatz unter 25 Prozent liegt, der kann sich die Differenz mit Hilfe der Steuererklärung zurückholen.

Allerdings will der Staat ab Januar auch bei Kursgewinnen mit 25 Prozent dabei sein, und das trifft besonders Aktienbesitzer hart. Bisher waren Veräußerungsgewinne steuerfrei, sofern die Wertpapiere länger als ein Jahr gehalten wurden.

Der Ärger unter Deutschlands Anlegern ist deshalb groß. Groß ist auch die Phantasie der Finanzinstitute, Abhilfe zu schaffen. Die Branche hofft auf ein Milliardengeschäft. Durch geschickte Konstruktionen soll das Geld ihrer Kunden vor dem Zugriff des Staates geschützt werden.

Schon jetzt steht fest, wer neben der Finanzindustrie die Gewinner und wer die Verlierer bei diesem großen Steuersparspiel sind. "Die kleinen Sparer werden viel stärker als die großen durch die Abgeltungsteuer belastet", sagt der Berliner Vermögensverwalter Frank Schneider. Er berät Kunden, die mindestens 250.000 Euro angelegt haben. Von denen muss keiner, wenn er denn nicht darauf besteht, auch nur einen Euro abführen.

Berater wie Schneider, aber auch Banken und Versicherungen, haben Lücken im Gesetz entdeckt, die so groß wie Scheunentore sind. Zum Beispiel Versicherungsmäntel nach Liechtensteiner Recht. Sie sind "zurzeit die absoluten Renner", sagt Vermögensverwalter Schneider. Es bedarf dazu keiner kriminellen Energie. Hausdurchsuchungen wie beim ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel, der wegen einer Stiftung in Liechtenstein der Steuerhinterziehung verdächtigt wird, muss niemand fürchten.

In diesem Fall ist alles legal: Liechtensteiner wie deutsche Versicherungen müssen keine Abgeltungsteuer abführen. Das Vermögen kann ungeschmälert von den lästigen Abzügen anwachsen. Nach zwölf Jahren und einem Mindestalter von 60 Jahren muss nur der Ertragsanteil der Versicherung zur Hälfte mit dem dann gültigen Steuersatz versteuert werden. Und auch das lässt sich, selbstverständlich, mit einfachen Mitteln umgehen.

"Lebensversicherungen dienen der Altersvorsorge", dachten die Experten des Bundesfinanzministeriums. Das ist gut gemeint und trifft auch auf die Mehrzahl der 94 Millionen Lebensversicherungsverträge in Deutschland zu. Doch angesichts der Kreativität des Finanzgewerbes wirkt es gleichzeitig beängstigend naiv.

Unter einem Versicherungsmantel lässt sich fast alles verstecken. Jedes Aktiendepot, sogar Hedgefonds oder aggressive, täglich handelbare Optionspapiere können mit einer Versicherung umhüllt werden. Die Großbanken bieten ihren besten Kunden an, deren Wertpapiere im Namen einer Versicherung zu halten. Vergangene Woche teilten auch die Sparkassen mit, dass sie für das Geschäft mit vermögenden Kunden einen Versicherer in Luxemburg gründen wollen. Bei einer eventuellen Nachfrage des Finanzamts taucht der Name des Kunden nicht auf.

Ein Vermögensverwalter, eine Bank oder der Steuersparer selbst können die Anlagen auch in Zukunft steuerfrei hin und her schieben, ohne dass der Fiskus eine Chance hätte, die Abgeltungsteuer zu kassieren. Selbst Auszahlungen sind jederzeit möglich. Wenn der neue Ferrari oder das Ferienhaus auf Ibiza finanziert werden muss, gewährt die individuelle Lebensversicherung ein Darlehen.

Bleibt das Problem, dass am Ende der Laufzeit der Lebensversicherung teilweise Steuern anfallen. Doch auch hier haben sich die Steuersparprofis der Finanzbranche etwas einfallen lassen.

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