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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2008

Bildung: Im Kern verrottet

Viele Hochschulen sind in schlimmem Zustand. In den Gebäuden tropft, zieht und bröckelt es - und die Sanierung kostet Milliarden. Hamburg erwägt nun, seine Universität gleich ganz neu zu bauen.

Alf Zimmer ahnte nicht, dass er einen lebensgefährlichen Beruf ausübt. Rektor der Universität Regensburg - das klingt nach gelehrtem Austausch an beschaulicher Stätte und nicht nach tödlicher Bedrohung.

Doch eines Mittags wäre es beinahe um ihn geschehen. Als der Rektor das Gebäude der Philosophischen Fakultäten passierte, sah er sich aus heiterem Himmel attackiert. Ein dicker Brocken löste sich aus der Betonfassade und krachte auf den Bauzaun neben seinem Kopf. "Das war ganz schön knapp", sagt der 64-Jährige.

Fünf Jahre ist es her, dass Zimmer mit dem Leben davonkam, doch die Fassade ist immer noch marode. "Für eine Sanierung fehlt uns das Geld", sagt Zimmer. Ein Drahtgitter vor der Fassade, wie es sonst an Gebirgsstraßen gegen Steinschlag gespannt wird, soll wenigstens das Schlimmste verhindern: dass dem Rektor und seinen Studenten die eigene Uni auf den Kopf fällt.

Der Alltag an vielen deutschen Hochschulen bietet heutzutage ganz neue Herausforderungen. Studenten und Dozenten müssen sich gegen Schimmel, Rost und Risse beweisen. In maroden Gebäuden kämpfen sie damit, dass es tropft, bröckelt und zieht. Die berühmten Worte, mit denen der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz sein Buch über das deutsche Hochschulsystem titelte, haben eine neue Bedeutung gewonnen: Manche Universität ist tatsächlich im Kern verrottet.

Viele Hochschulen sind in so schlechtem Zustand, dass die Sanierung Milliarden Euro kosten würde. Allein Nordrhein-Westfalen müsste nach Berechnungen seines Wissenschaftsministeriums mindestens fünf Milliarden aufwenden, in Baden-Württemberg beliefen sich Schätzungen auf mehr als drei Milliarden Euro. Hamburg will auf die teuren Reparaturen möglicherweise sogar komplett verzichten, es wird überlegt, die Uni gar nicht zu sanieren, sondern an anderer Stelle ganz neu zu bauen.

Rund 60 Milliarden Euro haben Bund und Länder seit 1970 in den Hochschulbau investiert. Das klingt gewaltig. Politiker aber schmückten sich lieber mit neuen Lehrstühlen und scherten sich nicht um die alten Hörsaal-Klappstühle - so dass diese nun abbrechen. Im Zweifel wurde in Köpfe statt in Gebäude investiert, in der Finanznot war Forschung wichtiger als Sanierung.

Zuletzt sorgte die Exzellenzinitiative für Wirbel. Manche Hochschulen dürfen sich nun als Elite-Unis fühlen, die Initiative belohnte herausragende Forschungsleistungen mit 1,9 Milliarden Euro. Doch in all dem Rummel geht unter, dass viele Universitäten große Alltagssorgen drücken. Ein Uni-Chef hat dies in einem Stoßseufzer zusammengefasst: "Exzellenz braucht dichte Dächer."

An der traditionsreichen Humboldt-Universität zu Berlin aber ist nicht einmal das Hauptgebäude ganz dicht. Vom Boulevard Unter den Linden betrachtet, wo Alexander und Wilhelm von Humboldt in Stein gehauen thronen, sieht der Bau prächtig und proper aus. Bereits im Hof aber bietet sich ein anderes Bild. Die Fassade ist schon lange nicht mehr gestrichen worden, das Dach undicht. An dem Gebäudeflügel, in dem einst Albert Einstein seine Relativitätstheorie vortrug, bröckelt der Putz.

300 Gebäude umfasst die Universität, das älteste stammt aus dem 18. Jahrhundert. In diesem Jahr stehen 15,6 Millionen Euro für den Erhalt der Bauten zur Verfügung. Der Technische Leiter hat einmal zusammengerechnet, wie viel Geld er eigentlich bräuchte, um alles instand zu setzen. Summa summarum kommt er auf 251.981.563 Euro - eine Viertelmilliarde Euro also für eine einzige Universität.

Das klingt nach unglaublich viel, doch es geht noch schlimmer. "Wir haben einen Sanierungsstau von 460 Millionen Euro", meldet ein Sprecher der Universität Tübingen. Die Mitarbeiter des Botanischen Instituts etwa harren noch immer in ihrem alten Betonbau aus. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, wurde ein Gerüst vor das Gebäude gebaut - anders waren die Brandschutzbestimmungen nicht einzuhalten.

Für die Ruhr-Universität in Bochum werden die Sanierungskosten gar auf eine Milliarde Euro geschätzt. Der riesige Betonkomplex ist völlig hinüber. Wände und Flachdächer sind so marode, dass es in vielen Gebäuden feucht und schwül ist. Die Studenten der Ostasienwissenschaft dürfen sich an das tropische Klima der Länder erinnert fühlen, die sie erforschen. Schimmel hat Hunderte Bücher überzogen. Dozenten aus Physik und Biologie spannen schon mal Schirme auf, damit sie beim Bücherstudium trocken bleiben - wie "Der arme Poet", den Carl Spitzweg auf seinem berühmten Gemälde verewigte.

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